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Eröffnung im Tollhaus

Atoll-Festival in Karlsruhe stößt in neue Dimensionen vor

Spektakuläre Artistik kann man schon fast als Grundausstattung des Karlsruher Atoll-Festivals bezeichnen. Doch das diesjährige Programm stößt schon beim Start in neue Dimensionen vor.

Spektakuläre Sprünge und poetische Bilder prägten das Stück „Passagers“ der kanadischen Compagnie „Les 7 doigts“ zur Eröffnung des Atoll-Festivals im Tollhaus Karlsruhe. Foto: Cimon Parent

Zugreisen haben in der Pandemie ihren Reiz etwas verloren. An Zugreisen ohne Maske müsste man sich erst mal wieder gewöhnen.

Der Zauber von Geschichten über Reisende, die sich (ohne Maske) in einem Zugabteil begegnen, ließ sich jetzt aber (mit Maske) erleben beim umjubelten Auftakt des sechsten Atoll-Festivals im Karlsruher Kulturzentrum Tollhaus.

Am Mittwochabend gastierte dort die renommierte franko-kanadische Compagnie „Les 7 doigts“ (auf internationalen Tourneen auch als „The 7 fingers“ unterwegs) mit ihrem Stück „Passagers“.

Das 2015 gegründete Festival geht damit bereits zum zweiten Mal unter Pandemie-Bedingungen über die Bühne. Bereits im vergangenen Jahr hatte das Tollhaus-Team trotz Corona eine nahezu vollwertige Ausgabe möglich gemacht, auch wenn die Platzkontingente durch Abstandsregeln stark reduziert waren und ein Fokus auf Duo- oder gar Solo-Shows lag.

Rund 80 Prozent der Tickets sind verkauft

In diesem Jahr wird mit rund 40 Veranstaltungen an insgesamt zehn Tagen (bis 26. September sind nur der 20. und 21. September spielfrei) wieder der Umfang wie vor Corona erreicht.

Große Bühne, starke Bilder, drängendes Thema: Das verspricht die Open-Air-Produktion „WeLand“, die sich mit Klimawandel und Migration befasst und an diesem Donnerstag und Freitag kostenfrei auf dem Messplatz Karlsruhe zu sehen ist. Foto: Michele Lapini

Auch die Nachfrage sei trotz sehr spät angelaufener Bewerbung sehr gut, sagt Tollhaus-Sprecher Johannes Frisch.

Von insgesamt rund 5.000 verfügbaren Karten - die Platzkapazität wird bewusst nicht voll ausgeschöpft - seien 80 Prozent bereits verkauft.

Auftaktstück mit furiosen und poetischen Szenen

Am Eröffnungsabend war der große Saal sehr gut besetzt - und nach 90 Minuten faszinierender Show riss es das Publikum zum Schlussapplaus geradezu von den Sitzen.

Die Perfektion, die bei „Passagers“ zu erleben war, brachte selbst regelmäßige Atoll-Besucher zum Staunen. Die dynamische Musikbegleitung (Colin Gagné), nah an der emotionalen Überdosis eines Hollywood-Soundtracks balancierend, gab den Groove vor für furiose und poetische Szenen um Aufbruch, Abschied, Trennung und Ankommen.

Artistik hochpräzise auf Musik abgestimmt

Die hochpräzise Abstimmung der Artistik auf diese Musik machte die besondere Magie des Abends aus: Noch mehr als durch Geschwindigkeit punkteten Beiträge wie etwa eine Keulenjonglage durch perfekten Rhythmus, und all die Sprünge, Würfe und Menschenpyramiden der Gruppenchoreografien kamen eher als leichtfüßig-virtuose Tanzszenen daher.

Filmische Rückprojektionen, deren dichte Atmosphäre mitunter an den kanadischen Theaterzauberer Robert Lepage erinnerte, hielten die dramaturgische Klammer der Zugreise zusammen und boten eine besondere Kulisse für diese sensationelle Produktion.

Erstmals Open-Air-Stück auf dem Messplatz

Doch nicht nur mit diesem Stück, das an diesem Donnerstag zwei weitere Aufführungen erlebt, stößt das Festival in neue Dimensionen vor. Erstmals ist in diesem Jahr eine Open-Air-Produktion auf dem Messplatz neben dem Tollhaus zu sehen.

Das monumentale Bühnenbild von „WeLand“ der italienischen Gruppe MagdaClan hätte sich auf dem Tollhaus-Areal nicht unterbringen lassen.

Möglich wird die aufwendige Aufführung, deren Zugangstickets kostenfrei erhältlich sind, durch mehrere Kooperationen. Entstanden ist das Stück, das sich dem Zusammenhang zwischen Klimawandel und Migration widmet, im Rahmen des von der Europäischen Union geförderten Projektes „Climate of Change“.

Zum einzigen Deutschland-Gastspiel auf der Europatournee von Slovenien über Polen und Italien bis Portugal kam es durch die Stuttgarter Initiative „forum für internationale entwicklung und planung“ (finep).

Dieses Gastspiel ist auch für uns außergewöhnlich.
Johannes Frisch, Tollhaus-Sprecher

„Dieses Gastspiel ist auch für uns eine außergewöhnliche Geschichte, daher haben wir uns über die Gelegenheit sehr gefreut“, sagt Tollhaus-Sprecher Frisch. „Das Stück passt zu einer Botschaft, die man im zeitgenössischen Zirkus oft findet: Dass man zusammen weiter kommt als jeder für sich allein.“

Regie geführt hat Petr Forman, ein Neffe des mehrfachen Oscar-Preisträgers Milos Forman („Amadeus“) und seinerseits eine Koryphäe im Zirkusbereich. „Wir haben ihn hierfür eingeladen, weil uns klar war, dass wir bei einer solchen Open-Air-Produktion mit großen und starken Bildern arbeiten müssen“, sagt Achille Zoni.

Manchmal muss die Kunst über die Realität sprechen.
Achille Zoni, Projektmanager „WeLand“

Zoni gehört nicht nur als Multi-Instrumentalist zur fünfköpfigen Liveband der Produktion, sondern hat „WeLand“ als Projektmanager auf die Schiene gesetzt und auch das Konzept geschrieben.

„Es war eine große Herausforderung, dieses sehr komplexe Thema anzugehen“, erklärt er. „Unser Ansatz ist, dem Publikum unterschiedliche sinnliche Eindrücke zu bieten, die symbolisch sind und Assoziationen auslösen.“

Es gehe hierbei nicht um Belehrung, betont er. „In erster Linie sind wir Künstler. Aber manchmal muss die Kunst über die Realität sprechen.“

Service



Atoll-Festival: Bis 26. September im Tollhaus Karlsruhe, Infos und Tickets unter www.atoll-festival.de. „WeLand“ wird am 16. September ab 20.15 Uhr und am 17. September ab 21 Uhr auf dem Messplatz gezeigt. Kostenfreie Zugangstickets unter www.eventbrite.de

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