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Rechtsextremismus

Dunja Hayali in Karlsruhe: "Halle war mehr als eine Warnung"

Die einen loben ihre Arbeit als Reporterin, andere beschuldigen sie, "links-grün versiffte" Propaganda zu verbreiten: ZDF-Moderatorin Dunja Hayali polarisiert. In ihrem Buch "Haymatland" skizziert sie eine zunehmende Spaltung der Gesellschaft und pocht auf ein schnelles Handeln gegen Rechtsextremismus.

Moderatorin Dunja Hayali, hier bei einer Preisverleihung in Berlin, hat ein Buch darüber geschrieben, was Heimat bedeutet. Auch in Karlsruhe hat sie im Oktober daraus gelesen. Foto: dpa

„Vergiss nie, wo du herkommst.“ Es war dieser eine Satz aus dem Mund ihres Vaters, der Dunja Hayali wütend machte. Sie war 13 und gerade auf dem Weg zum Tennistraining, als ihr zum ersten Mal jemand sagte, dass sie anders sei als die anderen – als all die anderen Deutschen zumindest. „Für viele wirst du immer eine Ausländerin sein“, schob ihr Vater noch hinterher. Für Hayali war das damals „Quatsch“: Sie gehörte dazu, sie war deutsch, sie war normal.

Heute ist Dunja Hayali 45 und weiß, dass ihr Vater mit seiner Aussage gar nicht so unrecht hatte. Das Gefühl, dass andere ihr das abschreiben wollen, was sie ihre Heimat, ihre Identität nennt, hat sich verstärkt, seit im Sommer 2015 viele Flüchtlinge nach Deutschland kamen.

Als Sklavenhalterin und Dschihadistin beschimpft

Seither wird die Wahl-Berlinerin, die 1974 als Tochter irakischer Christen in der nordrhein-westfälischen 30.000-Einwohner-Stadt Datteln geboren wurde, immer öfter darauf hingewiesen, dass sie eben nicht zu dieser Gesellschaft gehört. Und das obwohl sie einen deutschen Pass besitzt, akzentfrei Deutsch spricht und die demokratischen Werte von Freiheit und Toleranz voll und ganz vertritt.

Wo ihr Kopftuch sei, wurde sie schon gefragt, als Dschihadistin beschimpft oder als Sklavenhalterin. Das sind noch die harmloseren Beleidigungen, die Hayali vor allem in den sozialen Netzwerken entgegenschlagen.

Die ZDF-Moderatorin polarisiert. Die einen loben ihre Arbeit als Reporterin, die den Dingen wirklich auf den Grund geht und den Dialog auch mit denjenigen sucht, die die Presse pauschal der Lüge bezichtigen. Große Aufmerksamkeit erfuhr etwa ihr Besuch einer AfD-Kundgebung in Erfurt im Oktober 2015, bei dem sie Besucher vor der Kamera nach ihrer Meinung zu Flüchtlingen fragte. 2018 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz für ihren Einsatz gegen Fremdenfeindlichkeit.

Andere werfen ihr vor, Tatsachen zu verdrehen, „links-grün versiffte“ Propaganda zu verbreiten. Weitere mögen sie einfach nicht, weil sie ausländische Wurzeln hat.

Die wachsende Ablehnung von Menschen wie Hayali, die einen Migrationshintergrund haben, veranlassten die Journalistin, ein Buch darüber zu schreiben, was Heimat bedeutet. In „Haymatland“ geht es um Fragen wie: Wer definiert Heimat? Gibt es für jeden Menschen nur eine Heimat oder mehrere? Und wie kommt es, dass aus einem Wort, das eigentlich etwas Schönes, Vertrautes beschreibt, ein Kampfbegriff wurde?

Eine Sache, die manche glauben beschützen zu müssen, oft um den Preis der Ausgrenzung einer bestimmten Gruppe von Menschen. Flüchtlinge, Gastarbeiter oder Menschen wie Hayali, deren Eltern in den 60er Jahren nach Deutschland gekommen waren, sich wohlfühlten und blieben – auch weil die politische Lage in ihrem eigentlichen Heimatland, dem Irak, zunehmend unsicher wurde.

Hayali sieht eine Spaltung der Gesellschaft in zwei Lager

„Leider ziehen dunkle Wolken über dieses Land“, liest die Journalistin im Oktober im Karlsruher Tollhaus aus ihrem Buch vor und meint mit diesem Land nicht den Irak, sondern die Bundesrepublik. Hayali sieht ein Spaltung der deutschen Gesellschaft, die sie in ihren Grundfesten bedroht. Auf der einen Seite die Befürworter einer „offenen, pluralistischen, freiheitlichen Gesellschaft“, auf der anderen deren Gegner.

Letztere beanspruchen den Heimatbegriff zunehmend für sich, hält die Autorin in ihrem 153 Seiten starken Roman fest. Sie machen aus ihm ein Gefüge, das sich durch Homogenität definiert und das man – notfalls mit Gewalt – verteidigen muss. Die rechtsextremistischen Anschläge gegen den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und die jüdische Gemeinde in Halle an der Saale seien „mehr als eine Warnung“, betont Hayali bei ihrer Lesung. Sie zeigten, dass man sich zu spät wirklich bemüht habe, gegen rechtsextremistische Tendenzen in der Gesellschaft vorzugehen.

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Hayali plädiert in ihrem Buch für den Dialog mit Menschen, die anderer Meinung sind, auch wenn das Überwindung kostet. „Wir brauchen Mut, um uns nicht schweigend und kopfschüttelnd abzuwenden“, schreibt sie. Über der Begriff Heimat müsse offener diskutiert werden. Das Heimatministerium, das 2018 unter der Ägide von Horst Seehofer (CSU) ins Leben gerufen wurde, habe sie in dieser Hinsicht als „große Chance“ gesehen.

Heimatministerium will sich für gleichwertige Lebensverhältnisse einsetzen

Die Behörde will sich vor allem für gleichwertige Lebensverhältnisse einsetzen. Dafür wurde sogar eine Kommission gegründet. Als Maßnahmen schlägt diese etwa den Ausbau des Mobilfunknetzes, der Verkehrsinfrastruktur und die Förderung strukturschwacher Regionen vor.

Hayali hätte sich anderes gewünscht. Dass das Ministerium „Begegnungsorte“ schafft und Fragen beantwortet wie: Wer gehört zu uns und wer definiert das? Wie lösen wir den Konflikt zwischen Stadt und Land, wie den zwischen den Generationen? Ihre Bilanz ein Jahr nach der Gründung des Heimatministeriums ist niederschmetternd: „So wie’s jetzt ist, ist es völlig verschenkt.“

Trotz allem wagt sie am Ende ihres Buches eine optimistische Prognose. Und zwar die, dass es letztlich „die bewegliche, demokratische Mitte sein wird, die die Gesellschaft weiterentwickelt, und nicht diejenigen, die ausgrenzen und etwas anhalten wollen, was unanhaltbar ist“.

Der Roman „Haymatland“ von Dunja Hayali erschien erstmals im Oktober 2018 im Ullstein Verlag Berlin, die Neuauflage wurde im Oktober 2019 veröffentlicht. Das 153 Seiten starke Taschenbuch kostet 10 Euro, ISBN 978-3-548-06139-9.

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