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Christlicher Feiertag

Der Buß- und Bettag: Ein Tag des Gebets für Staat und Gesellschaft

Auf unterschiedliche Weise begehen die evangelischen Kirchengemeinden in der Region den Buß- und Bettag. Während in Mörsch der Gottesdienst nur gestreamt wird, gibt es in Bruchhausen eine komplette Abendmahlsfeier inklusive Beichte.

Betende am Vortag des Buß- und Bettags: Die Bestuhlung in der Ettlinger Johanneskirche ist ganz corona-gerecht auf große Abstände ausgerichtet. Foto: Werner Bentz

Ursprünglich geht der evangelische Buß- und Bettag auf Notzeiten zurück, es handelt sich also um kein konkretes biblisches Ereignis. Pfarrer Johannes Oesch von der evangelischen Kirchengemeinde im Bad Herrenalber Klosterbezirk sieht den Buß- und Bettag als den „politischsten“ aller evangelischen Feiertage. Es sei weniger ein Tag des individuellen Schuldeingeständnisses, sondern ein Tag des Gebets für Staat und Gesellschaft.

Gebet für „Volk und Vaterland“

Als Bundeskanzler Helmut Kohl diesen Tag abschaffte, sei ihm vermutlich gar nicht die eigentliche Bedeutung dieses Tags als Fürbitte bei Gott für die politisch Verantwortlichen bewusst gewesen. Im 18. und 19. Jahrhundert hätten an diesem Tag die Fürsten für „Volk und Vaterland“ beten lassen. Pfarrer Oesch will an diesem kirchlichen Feiertag, dem 18. November, den er in der Vergangenheit am Ende der sogenannten Friedensdekade oft zu einer „politischen“ Predigt genutzt habe, in der Klosterkirche um 18.30 Uhr eine kleine Andacht halten. Corona geschuldet werde sie nicht länger als 30 Minuten gehen.

Thematisch gehe es beim Buß- und Bettag, so Oesch, auch um Reue für begangene Sünden und eine Rückbesinnung auf den Gottesglauben. In Corona-Zeiten habe das Gebet für eine verantwortungsvolle Politik aber eine herausragende Bedeutung an diesem evangelischen Feiertag. Trotz aller wissenschaftlichen Erkenntnisse und der Ankündigung in absehbarer Zeit über einen Impfstoff zu verfügen, sei alles ein schwieriger gesellschaftlicher Prozess. Dabei komme in einem arbeitsteiligen System es darauf an, dass jeder nach bestem Wissen und Gewissen seine Arbeit mache. Auch der Seelsorge komme dabei eine wichtige Aufgabe zu.

Predigt im Youtube-Kanal

Pfarrerin Anne-Kathrin Peters von der evangelische Kirchengemeinde in Mörsch setzt am Buß- und Bettag auf ihre Youtube-Angebote. „Wir können leider unser Gotteshaus in Neuburgweier nicht öffnen, weil unter Einhaltung der Hygieneregeln maximal 20 Menschen Plätze fänden.“ Die Entscheidung sei angemessen, weil viele Eltern und Kinder aus ihrer Kirchengemeinde in Mörsch sich aktuell in Quarantäne befänden. Jene, die keinen Zugang zu den modernen Medien hätten, könnten telefonisch einen geistlichen Impuls aus der Kirchengemeinde erhalten. In ihrem Gottesdienst, der am Morgen des Buß und Bettags im Youtube-Kanal ihrer Gemeinde steht, will sie „evangelisch-offen“ neue Glaubenswege aus der Corona-Krise heraus aufzeigen. Gleichzeitig geht es um das Thema „Schuld“ und Fragen, die die Menschen aktuell belasten.

Gedankenstruktur aufbrechen

Unter Rückgriff auf eine Stelle aus dem Jesaja-Buch „Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der Herr“ will sie Zuversicht in dem durch Corona besonders trüb gewordenen Totenmonat November vermitteln. Peters: „Es geht darum, das Grübeln zu unterbrechen und die Kraft zu besitzen, unsere Gedankenstruktur, die nur um Corona und scheinbare Ausweglosigkeit kreist, zu durchbrechen.

In der Luthergemeinde in Bruchhausen ist Pfarrer Thorsten Maaßen, froh, dass sich die Gemeinde am Mittwoch um 19 Uhr zum Gebet, um Frieden für das Land und die Welt zu erflehen, treffen kann. In der Luthergemeinde wird ein Abendgottesdienst mit Beichte und Abendmahl im Evangelischen Gemeindezentrum Bruchhausen sein. Im Gottesdienst von Maaßen wird neben allgemeinen Aspekten des Bußtags auch das Thema persönliche Umkehr eine wichtige Rolle spielen. Das Abendmahl werde mit Einzelkelchen gemäß dem Corona-Schutzkonzept gefeiert. Allerdings geht es ohne Anmeldung nicht. Telefon: (0 72 43) 96 88; E-Mail: Luthergemeinde.Ettlingen@kbz.ekiba.de.

Oesch greift Aussage von Jens Spahn auf

„Was kann so ein Buß- und Bettag in diesen Corona-Wochen bedeuten? Pfarrer Oesch erinnert sich an eine Aussage des Bundesgesundheitsministers. Im Frühjahr sagte Jens Spahn: „Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen.“ Ihm scheine, der Buß- und Bettag könnte eben dazu der geeignete Anlass sein. In diesen unsicheren Zeiten arbeiteten Mediziner und Wissenschaftler fleißig in ihren Instituten, aber sie kommen nur schrittweise voran. Doch die Verantwortlichen in der Politik, in Arztpraxen und Krankenhäusern, in Schulen und Betrieben, müssten von Tag zu Tag entscheiden, was zu tun ist. In Zeitungen, im Fernsehen und in anderen Medien werde das alles berichtet und kritisch erörtert. So könnten alle ihre eigenen Gedanken machen können, mit dem Ziel, „dass wir auch selber das nötige tun.“

Manchmal sind wir zu unbedenklich, manchmal gehen wir einander zu sehr aus dem Weg
Pfarrer Johannes Oesch Bad Herrenalb

Dabei werden wir wahrscheinlich auch viel einander verzeihen müssen. Manche Maßnahmen seien vielleicht einschneidend, aber gar nicht treffsicher, manche triftige Ermahnung verhalle dagegen oft auch im Wind. Keiner könne immer alles beachten, was richtig ist. „Manchmal sind wir zu unbedenklich, manchmal gehen wir einander zu sehr aus dem Weg“, so Oesch weiter. Der Bußtag biete die Möglichkeit, eigenes Handeln zu überdenken, um einander Verzeihung gewähren.

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