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Linguistik-Professor erklärt

Von "gewuffelt" und "dabschen": Familien und ihre geheime Sprache

Etwas ist "verwuffelt" oder jemand "dabscht" durch die Wohnung. Kein Wort verstanden? Das ist auch nicht möglich, denn bei diesen Wörtern handelt es sich um Begriffe, die nur in zwei Familien bekannt sind. BNN-Redakteur Julius Sandmann hat mit dem Heidelberger Linguistik-Professor Ekkehard Felder über die geheime Sprache der Familien gesprochen.

Die geheime Sprache der Familien besteht meistens aus einzelnen Wörtern oder grammatikalischen Besonderheiten. Foto: Imago

Etwas ist "verwuffelt" oder jemand "dabscht" durch die Wohnung. Kein Wort verstanden? Das ist auch nicht möglich, denn bei diesen Wörtern handelt es sich um Begriffe, die nur in zwei Familien bekannt sind. BNN-Redakteur Julius Sandmann hat mit Ekkehard Felder über die geheime Sprache der Familien gesprochen. Der 55-Jährige ist Professor für Germanistische Linguistik an der Universität Heidelberg und einer der Mitgründer des Europäischen Zentrums für Sprachwissenschaften.

Herr Felder, haben Sie in Ihrer Familie eine Geheimsprache? Also gibt es Wörter, die nur Mitglieder Ihrer Familie kennen?

Ekkehard Felder: Ja, unser Sohn hat ein Wort entwickelt, das heißt „gewuffelt“. Wenn jemand etwas falsch gemacht hat, dann ist es „gewuffelt“. Wenn irgendetwas durcheinander ist, dann ist es „verwuffelt“.

Buchstabiert wird das dann g-e-w-u-f-f-e-l-t?

Das ist eine interessante Frage, weil es einen solchen Familien-Code eigentlich nur mündlich gibt. Das war auch eine wichtige Frage am Ende des 19. Jahrhunderts: Wie schreibt man eigentlich die Wörter? Aussprache und Schriftsprache – das ist gar nicht so klar. Daher weiß ich gar nicht genau, wie man das Wort buchstabiert. Aber da das „u“ ein kurzer Vokal ist, würde ich es mit zwei „f“ schreiben.

Welche Funktionen haben Wörter wie „gewuffelt“ innerhalb einer Familie?

Sie sind identitätsstiftend und unser Alleinstellungsmerkmal. Jede Familie hat ihre eigenen Wörter oder grammatikalische Auffälligkeiten. Das zeichnet uns aus und unterscheidet uns von anderen Familien.

"Verwuffelt": Dieses Wort war früher nur in der Familie von Linguistik-Professor Ekkehard Felder bekannt. Foto: Universität Heidelberg/Benjamin

Handelt es sich dabei um eine Subsprache?

Das ist zu viel gesagt. Im Familienslang gibt es meistens nur einzelne, spezielle Wörter. In der Jugendsprache oder juristischen Fachsprache haben wir auf mehreren Ebenen Auffälligkeiten.

Gibt es Forschung zu diesem Thema in der Linguistik?

Ja, die nennt man Variationsforschung. Sprachwissenschaftler interessieren sich stets für Auffälligkeiten, beschreiben Sprachauffälligkeiten als soziale Phänomene. Solche Wörter tauchen vor allem im Alltags-, Freizeit- oder Hobbybereich auf. Sie entstehen meistens bei Kindern, wenn diese etwas nicht verstehen. Dann entwickeln sie ein eigenes Wort und die Familie weiß: „Ah ja, das steht für ein anderes, schwierigeres Wort.“ Die ursprüngliche Bedeutung kennt nur die Familie.

Manchmal entstehen sie auch zwischen Verliebten. Die haben ebenfalls ihre eigenen Wörter

Also diese Wörter stehen hauptsächlich in Verbindung mit Kindern?

Manchmal entstehen sie auch zwischen Verliebten. Die haben ebenfalls ihre eigenen Wörter, die meistens an Situationen gebunden sind. Das ist das Tolle daran: Sie rufen eine Erinnerung wach, und das wissen nur die beiden Verliebten. Ein bestimmtes Wort steht dann beispielsweise bei beiden für eine Situation bei Mondschein und Sternenhimmel am Lago Maggiore. Aber sie können sich dadurch auch an Peinlichkeiten erinnern."

Wie meinen Sie das?

Ich war mal mit meiner Frau im Hotel, und es kam jemand rein und wollte „Guten Morgen“ auf Italienisch sagen. Statt „Guten Morgen“ kam aber ein Aufstoßen heraus, das eigentlich ein „Buongiorno“ werden sollte. Seither ist das ein Scherz bei uns, dass meine Frau und ich „Buongiorno“ sagen, wenn jemand aufstößt.

Meine Frau und ich haben das gemeinsame Wort „dabschen“ – barfuß über Fliesen laufen. Das hat also einen lautmalerischen Bezug.

Ja, das ist Ihre Paarsprache. Die steht quasi horizontal neben ihrem Familienslang. Das Spezifische bei beiden Sprachen ist das Gruppenmoment: Sie haben plötzlich etwas Besonderes, das sie zusammenschweißt als Paar, als Familie. Manchmal geht es aber nicht nur um Wörter, sondern auch um Grammatik. Kinder haben ja bestimmte Phasen, in denen sie korrekt im Partizip sagen „gekommen“. Dann gibt es eine Phase, in der sagen sie „gekommt“ und später wieder „gekommen“. Also grammatikalische Verdreher bleiben ebenfalls manchmal im Familienslang bestehen – auch wenn das Kind schon lange erwachsen ist.

So behält man den erwachsen werdenden Menschen in seiner Kindlichkeit und Natürlichkeit in Erinnerung

Stimmt. Mein Sohn wird bald drei Jahre alt und statt „Tut mir leid“ sagt er „Tute leid“.

Das ist so ein Fall. Das sagen Sie vielleicht immer noch, wenn ihr Sohn schon Abitur hat oder bereits aus dem Haus ist. Das ist einfach süß. So behält man den erwachsen werdenden Menschen in seiner Kindlichkeit und Natürlichkeit in Erinnerung, wenn man dieses Wort gebraucht. Das tut uns gut.

Gibt es da eine Verbindung zu Gerüchen, die auch die Erinnerung an ein bestimmtes Geschehen oder einen besonderen Menschen hervorrufen können?

Ja, das sind Auslöser, auch – etwas hochgestochen – Indikatoren genannt. Wenn Sie ein besonderes Wort hören, etwas Bestimmtes riechen oder fühlen, ruft das bei Ihnen eine spezifische Situation auf.

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