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Vieordtbad und Dammerstock

Karlsruhe leistete früh Pionierarbeit im Kampf gegen Infektionskrankheiten

Infektionskrankheiten wie Covid-19 gibt es seit Jahrtausenden. Um den Ausbruch von Seuchen zu verhindern, reagierten Bauherren und Architekten mit neuen Gebäudetypen und einer neuen Stadtplanung. Eine verbesserte Hygiene sollte die Menschen schützen. Karlsruhe leistete in Südwestdeutschland Pionierarbeit.

Die Siedlung Dammerstock in Karlsruhe ist ein frühes Beispiel für modernen Wohnungsbau. Sie erfüllt die Forderung der Weimarer Verfassung nach einer „gesunden“ Architektur, die die katastrophalen hygienischen Wohnbedingungen des 19. Jahrhunderts ablöst. Foto: Ulrich Coenen

Infektionskrankheiten wie das neuartige Coronavirus sind alles andere als neu, sondern begleiten die Geschichte der Menschheit. Im Mittelalter waren die hygienischen Bedingungen in den europäischen Städten katastrophal.

„Goldgräber” mussten im Mittelalter Latrinen reinigen

In Köln, mit 40.000 Einwohnern damals die größte deutsche Stadt, nannte man die Latrinenreiniger, die ihrer undankbaren Aufgabe nachts nachgehen mussten, „Goldgräber“.

Der Bauhistoriker Cord Meckseper berichtet in seiner „Kleinen Kunstgeschichte der deutschen Stadt des Mittelalters“ von riesigen Problemen mit der Abwasserbeseitigung, von Geruchsbelästigung und der Verunreinigung der Brunnen. Für Krankheiten war dies ein idealer Nährboden.

Die Situation verschärfte sich mit der Industrialisierung, die im 18. Jahrhundert in England begann, und die Städte explodieren ließ. Die Landbevölkerung, die auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen in die Städte drängte, lebte unter erbärmlichen Bedingungen.

Mit der Industrialisierung kamen die Badehäuser

Das Mutterland der Industrialisierung musste zwangsläufig auch Lösungen für eine bessere Hygiene anbieten. Weil im 19. Jahrhundert praktisch niemand ein eigenes Badezimmer in seiner Wohnung hatte, wurden öffentliche Bäder ein wichtiges Thema.

1842 wurde die erste Volksbade- und Waschanstalt in Liverpool eröffnet, zu der neben Wannen-, Dampf- und Einzelbädern auch zwei relativ kleine Schwimmbecken gehörten. Zwei Einrichtungen desselben Typs folgten 1845 und 1846 in London. 1846 wurde der Bau von Badehäusern in England gesetzlich geregelt.

Man bade jahraus jahrein jede Woche wenigstens einmal in lauem Wasser
Christoph Wilhelm Hufeland, Arzt, 1796

Progressive Mediziner wie der deutsche Arzt Christoph Wilhelm Hufeland unterstützten den Bau von Badehäusern. In seinem 1796 erschienenen Buch „Die Kunst, das menschliche Leben zu verlängern“ gibt Hudeland Anweisungen für eine gesunde Lebensführung, zu der die vernachlässigte Körperhygiene gehört.

„Man bade jahraus jahrein jede Woche wenigstens einmal in lauem Wasser“, fordert er. „Wollte Gott, dass die Badehäuser an allen Orten wieder in Gang gesetzt würden, damit auch der unbegüterte Teil des Volkes diese Wohltat genießen könne.“

Das Vioerdtbd in Karlsruhe ist eines der ältesten Badehäuser in Südwestdeutschland. Bdeanstalten trugen im 19. Jahrhundert erheblich zur Hygiene und Förderung der Gesundheit bei. Foto: Ulrich Coenen

Karlsruhe zählt in dieser Hinsicht zu den fortschrittlichsten Städten in Südwestdeutschland. Das Vierordtbad ist nach dem Urteil der Kunsthistorikerin Ulrike Grammbitter eines der frühesten Beispiele, die dem englischen Vorbild folgten.

Vierordtbad in Kalrsruhe war ein hygienischer Quantensprung

In ihrer Dissertation über den letzten großherzoglich badischen Baudirektor Josef Durm, der das Vierordtbad 1871 bis 1873 baute, berichtet sie, dass das Badehaus durch das Vermächtnis in Höhe von 60.000 Gulden des Karlsruher Bankiers Hinrich Vierordt ermöglicht wurde.

Für die Bürger der Stadt war das Vierordtbad in Sachen Hygiene und Gesundheitspflege ein Quantensprung. Durm orientierte sich am Vorbild des Badehaues I in Oeynhausen mit seinem charakteristischen H-förmigen Grundriss.

Vierordtbad diente nur der Reinigung, nicht dem Sport oder Vergnügen

In den beiden nach Geschlechtern getrennten Seitenflügeln befanden sich Wannenbäder. Der beim Umbau durch Stadtbaurat Wilhelm Strieder 1898 bis 1900 abgerissene mittlere Flügel diente als Gesellschaftsbad und bot den Besuchern Heissluftbäder.

Das heutige Schwimmbad ist ein Werk Strieders. Ursprünglich konnten die Karlsruher im Vierordtbad keinen Sport treiben, sondern sich lediglich reinigen.

Schlechte Wohnbedingungen förderten Krankheiten

Auch beim Wohnungsbau bestand Handlungsbedarf und auch hier zählte Karlsruhe zu den Pionieren. Die katastrophalen Wohnbedingungen für Arbeiter und kleine Angestellte im Deutschland des 19. Jahrhunderts begünstigten Infektionskrankheiten.

Im Zusammenhang mit dem Massenwohnungsbau vor 1914 wurde sehr treffend der Begriff der „Mietskaserne” geprägt. Dort hausten die Menschen unter schlimmen hygienischen Bedingungen in winzigen, meist überbelegten Wohnungen und in dunklen Hinterhöfen. Im Kaiserreich war man der Ansicht, dass zehn Kubikmeter Luftraum für einen Erwachsenen und fünf für ein Kind ausreichen.

Weimarer Verfassung forderte „gesunde Wohnungen”

Doch damit nicht genug. Nach dem verlorenen 1. Weltkrieg fehlten in Deutschland rund 1,5 Millionen Wohnungen. Wohnungsbau wurde zur Staatsaufgabe. In Artikel 155 der „Weimarer Verfassung” wurde die Regierung verpflichtet, „jedem Deutschen eine gesunde Wohnung” zu besorgen.

Der Kopfbau der Dammerstock-Siedlung mit Fernheizwerk und Zentralwaschgebäude wurde von Otto Haesler entworfen. Es gehört zu den prägenden Bauten des Quartiers. Foto: Ulrich Coenen

Dabei kam der Zeilenbauweise eine besondere Bedeutung für die Wohnqualität zu. Bei der Blockrandbebauung, die bis ins frühe 20. Jahrhundert das Bild der Städte prägte, sind die geschlossenen Häuserfronten an allen vier Seiten von Straßen umgeben. Dadurch ergeben sich Hinterhöfe mit ihren problematischen Wohnsituationen.

Zeilenbau für mehr Licht und Grün

Die Zeilenbauweise mit ihren langgestreckten Häuserzeilen, die sich mit der Schmalseite zur Haupterschließungsstraße orientieren, ist eine „Erfindung” des 20. Jahrhunderts. Die Zeilen selbst werden durch Fußwege erschlossen.

Das Aufbrechen der Blocks erlaubt die Anlage großer Grünflächen und lässt viel Licht in die Häuser fallen. Als frühestes Beispiel gilt die Siedlung Alte Heide von Theodor Fischer in München (1919 bis 1929 ausgeführt).

Dammerstock folgt also den modernsten städtebaulichen Tendenzen. Michael Peterek staunt in seiner Doktorarbeit: „Eine solch provokative Siedlung ist im eher bürgerlich-konservativen Land Baden schon ein eigentümliches und zumindest auf den ersten Blick überraschendes Produkt.”

Die Vierfamilienhäuser nach Plänen von Franz Roeckle vermitteln im Dammerstock zwischen dem Geschosswohnungsbau und den Einfamilienhäusern. Foto: Ulrich Coenen

Dammerstock bietet in Corona-Zeiten Platz für Spaziergänge

Die Siedlung Dammerstock ist das Ergebnis eines Architektenwettbewerbs, den der legendäre Bauhaus-Direktor Walter Gropius gewann. Unter der Beteiligung von insgesamt neun Architekturbüros und unter Gropius künstlerischer Oberleitung entstanden im Jahr 1929 verschiedene Reihenhäuser und Mehrfamilienhäuser mit 23 Wohnungstypen.

Wer in Corona-Zeiten spazieren will, hat im Dammerstock dank der ausgedehnten Grünflächen viel Platz, um Abstand zu anderen zu halten und seine Gesundheit zu schützen.

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