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Corona in Karlsruhe

Covid-Abteilungsleiter im Gesundheitsamt Karlsruhe: Tanzen und Feiern „derzeit nicht vorstellbar“

„Es gibt keinen goldenen Weg“, sagt Ulrich Wagner, stellvertretender Leiter des Gesundheitsamts für den Stadt- und Landkreis Karlsruhe im BNN-Interview.

Appell an die Karlsruher: Ulrich Wagner, Abteilungsleiter der Covid-Gruppe im Gesundheitsamt für den Stadt- und Landkreis Karlsruhe, rät während der Corona-Pandemie zum Tragen von Masken und der Reduktion von privaten Kontakten. Foto: Jörg Donecker

Beim Kampf gegen die regionalen Auswirkungen der Corona-Pandemie spielt Ulrich Wagner eine zentrale Rolle. Der stellvertretende Leiter des Gesundheitsamts für den Stadt- und Landkreis Karlsruhe ist Abteilungsleiter der neugegründeten Covid-Gruppe.

Im Gespräch mit BNN-Redakteur Ekart Kinkel erläutert Wagner die aktuellen Strategien zur Eindämmung der Corona-Infektionen.

Hallo Herr Wagner. Wie schützen Sie sich im Alltag eigentlich vor einer Corona-Infektion?
Ulrich Wagner

Wenn ich nicht alleine im Zimmer bin, trage ich im Dienst eigentlich immer eine Maske. Außerdem verzichte ich im Privatleben schweren Herzens auf einige liebgewonnene Dinge. Treffen mit Freunden aus verschiedenen Haushalten finden bei uns derzeit nicht mehr statt.

Reichen solche Maßnahmen bei der Arbeit und im Privatleben schon aus?
Wagner

Zum jetzigen Zeitpunkt sicherlich ja. Das Infektionsgeschehen wird uns allerdings noch eine ganze Weile beschäftigen. Ich erwarte, dass Kontaktreduktion und Maskentragen Wirkung zeigen. Alles, was darüber hinausgeht, kommt fast einem Lockdown gleich. Und das kann eigentlich niemand ernsthaft wollen.

Obwohl sich das einfach anhört, sind die Infektionszahlen in Karlsruhe in den vergangenen Tagen deutlich gestiegen. Wo stecken sich die Leute eigentlich an?
Wagner

Das ist nicht eindeutig zu sagen. Es stellt sich schließlich die Frage, ob wir bei unseren telefonischen Ermittlungen von allen Kontakten erfahren. Übers Regeln brechen reden die Leute erfahrungsgemäß nicht so gerne. Leider bearbeiten wir derzeit aber auch viele Fälle, bei denen der Ursprung der Infektion unklar ist und niemand im Bekanntenkreis Covid-19 hatte.

Die Reiserückkehrer haben als Quelle seit Anfang September aber auf jeden Fall an Bedeutung verloren. Eine häufige Ursache für Infektionen ist immer noch die Familie. Das sind die engsten Kontakte und ist bei Infektionskrankheiten auch typisch. Und natürlich haben wir in Einrichtungen wie Pflegeheimen und vereinzelt an Schulen ebenfalls Ausbrüche. Nicht vergessen darf man auch die Weitergabe des Virus am Arbeitsplatz. Das kommt immer wieder vor und zwar spartenübergreifend. Da ist vom produzierenden Gewerbe bis zu Arztpraxen das ganze Spektrum dabei.

Trotzdem lagen und liegen die Zahlen von Stadt- und Landkreis Karlsruhe teilweise deutlich unter dem Landesdurchschnitt. Woran liegt das ihrer Meinung?
Wagner

Auch das können wir nicht mit Sicherheit sagen. Aber bislang hat die Kontaktnachverfolgung durch das Gesundheitsamt sehr gut geklappt und deshalb konnten wir Infektionsketten früh unterbrechen. Ab einer bestimmten Anzahl von Fällen kann man das in dieser Gründlichkeit allerdings nicht mehr schaffen. Deshalb werden sich die Zahlen im Stadt- und Landkreis Karlsruhe in den kommenden Wochen wahrscheinlich in Richtung Landesdurchschnitt hochschaukeln. Es war ja klar, dass es im Herbst wieder mehr Infektionen gibt. Aber dass die Zahlen so explodieren, damit haben selbst viele Experten nicht gerechnet. Vielleicht war man an manchen Stellen auch zu lax, etwa bei den Vorgaben zum Reisen. Es gab dadurch einen Viruseintrag in die Bevölkerung. Das Abwägen der einzelnen Maßnahmen ist jedoch schwierig.

In der Bevölkerung werden Maßnahmen wie etwa die Maskenpflicht an Schulen kontrovers diskutiert. Warum brauchen wir das überhaupt?
Wagner

Die Schulen sind wieder im Normalbetrieb. Das bedeutet, dass in einem typischen Klassenzimmer bis zu 30 Schüler und ein Lehrer sitzen Dann ist das Risiko, den Erreger weiterzugeben, einfach zu hoch. Und bei einer unklaren Kontaktsituation wie einer Schulklasse ist es nicht möglich, zwischen den Kontakten einzelner Schüler zu unterscheiden. Deshalb mussten ganze Klassenstufen in Quarantäne. Für die vielen betroffenen Schüler und deren Eltern, die die häusliche Betreuung stemmen müssen, war dies eine enorme Belastung.

Durch die Maskenpflicht muss diese Quarantäne nicht mehr für alle Kinder angeordnet werden. Dadurch ist hoffentlich eine Normalisierung des Schulbetriebs möglich. Und viel weniger Familien müssen die Betreuung ihrer Kinder organisieren. Die Kritik an der Maskenpflicht kann ich trotzdem gut verstehen. Ich habe selbst Fremdsprachenlehrerinnen im Bekanntenkreis, die nun unter ganz schlechten Bedingungen arbeiten müssen. Aber aus infektiologischer Sicht ist es derzeit auf jeden Fall die richtige Maßnahme.

Es herrscht auch sonst viel Verwirrung. Corona-Skeptiker werfen gerne Zahlen in den Raum, vergleichen Corona mit einer Grippewelle und führen den Anstieg der Zahlen lediglich auf die Zahl der falsch positiven PCR-Tests zurück. Was antworten sie solchen Leuten?
Wagner

Die ganz einfachen Antworten auf solche Fragen gibt es leider nicht. Man muss immer sehr genau hinschauen. Die PCR-Tests sind eigentlich sicher, haben aber zweifelsfrei eine ganz geringe Rate an falsch positiven Testergebnissen. Das hat aber nur bei Massentests ohne Anlass echte Auswirkungen. Deshalb haben wir auch den Zeigefinger gehoben, als sich zahlreiche gesunde Reiserückkehrer kostenfrei testen ließen. Ich bin auch kein Freund von flächenhaften Testungen gesunder Pflegeheimmitarbeiter.

Wenn man aber Leute testet, die typische Symptome für COVID-19 haben oder Kontakt mit Infizierten, spielt die Fehlerquote eine vernachlässigbare Rolle. Und das sind die Menschen, die derzeit vorwiegend getestet werden. Wie gefährlich das Virus wirklich ist, ist ebenfalls schwer zu sagen. Auch bei der Schweinegrippe sind zunächst einmal alle Alarmglocken angegangen, und am Ende lief es moderater ab als die herkömmliche Grippewelle. Man muss der Wissenschaft etwas Zeit lassen. Noch weiß man einfach zu wenig. Die Unsicherheiten in der Bewertung haben auch dazu geführt, dass unterschiedliche Länder mit unterschiedlichen Strategien an die Sache herangegangen sind und positive wie negative Erfahrungen gemacht haben. Einen goldenen Weg gibt es nicht.

Obwohl die Gesundheitsämter bereits an die Kapazitätsgrenzen kommen, werden derzeit nur sehr wenig Covid-19-Patienten im Krankenhaus intensivmedizinisch behandelt. Ist das nur die Ruhe vor dem Sturm oder ein Anlass, um Maßnahmen zu überdenken?
Wagner

Wenn die Infektionen ungebremst zunehmen und die Kontrolle durch das öffentliche Gesundheitssystem nicht mehr funktioniert, wird die Krankheit wieder in allen Schichten aufschlagen. Auch in der Gruppe der gefährdeten vorerkrankten und hochbetagten Leute. Davon bin ich felsenfest überzeugt. Derzeit sind in unserem Einzugsbereich eher die Jüngeren die Treiber. Aber die Enkel bringen es zu den Großeltern und die Mitarbeiter in die Pflegeeinrichtungen. Was dann passiert, hat man etwa beim Ausbruch eines Pflegeheims in Marxzell gesehen. Dann wird man wieder schwere Krankheitsverläufe haben. Und dann sterben wieder Menschen.

Mal ganz ehrlich, Hat eigentlich irgendjemand im Gesundheitsamt mit einer solchen Pandemie gerechnet?
Wagner

Pläne für mögliche Horrorszenarien wie einen biologischen Angriff oder eine Epidemie lagen in der Schublade. Im Bereich des Gesundheitsschutzes hat man das Thema Pandemie schließlich immer auf dem Schirm. Wer sich mit Infektionskrankheiten beschäftigt, weiß, dass es solche Phänomene gibt. Das zeigt der Blick in die Geschichte oder in andere Länder.

Wie Corona nun ganz genau abgelaufen ist, das war trotzdem überraschend. Aber bereits vor über zehn Jahren haben wir intensiv an einem Influenza-Pandemieplan gearbeitet. Die Aktualisierung solcher Pläne steht im Alltagsgeschäft erfahrungsgemäß zwar hinten an. Aber die Pläne waren trotzdem hilfreich. Wenn es einen Impfstoff gibt, können wir beim Thema Impfen ebenfalls auf die alten Influenza-Pläne zurückgreifen.

Keiner weiß, wie lange die Corona-Pandemie noch dauern wird. In Karlsruhe wurden nun auch Christkindlesmarkt und Eiszeit abgesagt. Auf welche Dinge werden die Menschen wohl am längsten verzichten müssen?
Wagner

Mit Sicherheit auf das gemeinsame Tanzen. Das tut mir vor allem für die jungen Leute total leid. Schließlich gehört es während einer gewissen Lebensphase dazu, dass man sich mit Freunden und Bekannten auf Partys und in Clubs trifft. Auch im privaten Kreis müssen viele Feiern anders gestaltet werden als bisher. Einfach alles, wo man gemeinsam isst und trinkt und tanzt und singt. Solche Veranstaltungen sind derzeit nicht vorstellbar.

Und welcher Verzicht fällt Ihnen persönlich in den kommenden Wochen und Monaten am schwersten?
Wagner

Niemanden mehr in den Arm zu nehmen. Das gehört für mich zu einer guten Freundschaft nämlich dazu.

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