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Uneinheitliche Regelungen

Sind Sänger „das Schlimmste”? Karlsruhes Chorleiter besorgt über die Folgen von Corona

Karlsruhes Chorleiter sind besorgt über die Folgen der Corona-Zeit. Wie auch Blasmusik würde Chorgesang stigmatisiert, dabei könne das Singen einen wichtigen Beitrag zur Gesundheit liefern. Ein wirksames Mittel gegen Angst sei es zudem.

Früher normal, heute zu nah: So dicht beieinander wie diese Kinder im Chor der Durlacher Singschule beim Weihnachtssingen 2018 dürfen Sängerinnen und Sänger im Schulchor nach den Ferien nicht stehen. Foto: Elisa Walker

Von unserer Mitarbeiterin Elisa Walker

Nach einer massiven Protestwelle von der Opposition im Landtag, Schülerinnen und Schülern, aber vor allem von kirchlichen und weltlichen Chorverbänden könnten Singen und Blasmusik in geschlossenen Räumen an Schulen nach den Sommerferien nun doch erlaubt werden.

Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hatte vergangene Woche im Landtag erklärt, dass dies analog zum Infektionsgeschehen entschieden werde.

Weitere Untersuchungen sollen die Risiken näher beleuchten

Beim Singen können Wissenschaftlern der Universitätskliniken München und Erlangen zufolge Aerosole bis zu eineinhalb Meter nach vorne ausgestoßen werden. Deshalb ist die Sorge groß, dass dies eine Infektion mit dem Coronavirus begünstigen könnte.

Laut Eisenmann setze man nun drauf, in den nächsten Tagen auf Basis von Untersuchungen bestätigen zu können, unter welchen Bestimmungen Singen und Blasmusik in den Schulen ermöglicht werden können.

Ich hätte mir nie vorstellen können, dass jemand sagen kann, wir verbieten das Singen.
Peter Gortner Kantor an der Christuskirche Karlsruhe

„Das ist schon Wahnsinn“, meint Peter Gortner, Leiter des Chors der evangelischen Christuskirche in Karlsruhe. „Ich hätte mir nie vorstellen können, dass jemand sagen kann, wir verbieten das Singen.“

Karlsruher Chorleiter sind sich einig. Man halte die Vorsichtsmaßnahmen für wichtig, wundere sich aber über vorherrschende Widersprüche in dem Kontext. „An Musikschulen ist Proben mit zwei Meter Abstand beispielsweise erlaubt, an denen nachmittags Kinder aus verschiedenen Schulen zusammenkommen. Da ist es nicht erklärbar, warum es Schulchören, die etwa in der Sporthalle mit ebenso viel Abstand proben könnten, verboten ist“, so Patrick Fritz-Benzing, Kantor der katholischen Stadtkirche St. Stephan.

In der Kirche ist genug Abstand möglich

Ein weiteres Beispiel führt Nikolaus Indlekofer, der Leiter des Kammer- und Konzertchores am KIT an: „Nach dem Proben mit einem Abstand von zwei Metern in alle Richtungen, darf man in einer Kneipe ganz dicht zu zwanzigst an einem Tisch sitzen – lachend, rufend, laut sprechend.“

Stephan Aufenanger, Chorleiter des Kammerchors am Helmholtz-Gymnasium, wünscht sich Gleichberechtigung: „Wichtig wäre, dass für alle die gleichen Regeln gelten.“ An nichtschulischen Chören sehe man, dass die Umsetzung mit entsprechenden Maßnahmen möglich sei.

Peter Gortner beispielsweise probt mit seinem Chor nur noch in der Kirche: „Es ist natürlich eine Herausforderung. Alle müssen sehr diszipliniert sein, denn man hört sich schlechter gegenseitig mit dem riesigen Abstand.“

Stephan Aufenanger vom Helmholtz-Gymnasium ist der Ansicht, dass man vernünftige Konzepte jeweils vor Ort abklären können sollte, je nach Räumlichkeiten: „Wir haben am Helmholtz grundsätzlich gute Räume, wie die Aula, in der man proben könnte. Aber wir wären auch bereit, woanders hinzugehen.“

Sind Sänger und Bläser „das Schlimmste”?

Besonders problematisch sei der Effekt, den das Verbot von Gesang an Schulen derzeit hat, meinen die Chorleiter. „Meine größte Sorge ist die Angst, die sich in Köpfen festsetzt. Und wenn das in Medien immer wieder kommt, dass Bläser und Sänger wie Sängerinnen das Schlimmste sind, was uns passieren kann, dann setzt sich das in der Gesellschaft fort“, sagt Indlekofer.

Fritz-Benzing findet, die Schuld daran liege nicht nur in den Schlagzeilen der Medien, sondern auch den Formulierungen der Wissenschaft. „Wir haben Sorge, dass das Singen pauschal ein Etikett des hochgradig gefährlichen bekommt.“ Im Alltag habe er es bereits erlebt: „Bei uns in der Kirche, haben manche Leute Angst, sich quasi einer todbringenden Situation auszusetzen in einem Raum, der 30 Meter hoch ist und 1.000 Quadratmeter Fläche hat. Diese Haltung ist tragisch.“

Am Helmholtz-Gymnasium fungieren Chöre und Orchester wie an anderen Schulen oft als Aushängeschild, erklärt Aufenanger: „Wir fahren normalerweise zu Wettbewerben und konzertieren in verschiedensten Kontexten. Das bringt den Schülern wahnsinnig viel für die Selbstwerdung, künstlerisch, sozial und menschlich. All das fällt dann erstmal weg.“

Die Chorleiter erwarten massive Auswirkungen, wenn Kinderchöre ein halbes bis ganzes Jahr aussetzen müssten. „Es war jetzt schon eine sehr lange Zeit, in der sie nicht proben konnten. Und die Kinder an der Schule werden das einfach verlernen. Das halte ich für einen großen Schaden“, meint Indlekofer.

Singen vertreibt die Angst

Dabei würde gerade die Gesundheit vom Singen profitieren, betonen die Chorleiter. Das sei für Erwachsene wie für Kinder wichtig. „In der Gemeinschaft zu singen, bringt derart viel positive Lebensstimmung zurück, dass wir darauf nicht verzichten können“, schlussfolgert Peter Gortner.

Indlekofer sieht das so: „Als Kind habe ich immer gesungen, wenn ich Angst hatte durch eine dunkle Straße zu gehen. Wir müssen das Positive sehen und ich glaube, Singen ist genau das Mittel gegen die Angst!”

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