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Bewohner in Karlsruhe sorgt sich

Sorgen im Hochhaus: Ist der Flur zum Aufzug eine Corona-Falle?

Hochhäuser als Corona-Hotspots? Das hat es schon gegeben, in Göttingen zum Beispiel. Ein Karlsruher Innenarchitekt befürchtet, dass sich auch in dem Wohnturm in Durlach, in dem er wohnt, Aerosole in den Fluren zum Fahrstuhl sammeln könnten.

Luft nach oben: In Hochhäusern wie hier in Durlach in der Nachbarschaft der Eisenbahngleise sind die Bewohner auf die Aufzüge angewiesen. Da ist das Durchlüften, das in Coronazeiten dringend empfohlen wird, ein Fall für sich. Foto: Peter Sandbiller

Die Wohntürme in der Westschleife der Pfaffstraße in Durlach sind eine Landmarke. 15 Stockwerke hoch sind sie. Wer aus den oberen der 15 Stockwerke Richtung Schwarzwald oder Pfälzer Bergland blickt, zum Turmberg oder auf die Eisenbahngleise nach Heidelberg, der steht gewissermaßen über den Dingen.

Um die 300 Menschen wohnen in den Hochhäusern mit den Hausnummern 16 und 18. Unter ihnen ist auch Franz Landes. Der 76-Jährige empfindet die besondere Lage seiner Wohnung in der Ende der 1960-er Jahre erbauten Richt-Anlage allerdings derzeit nicht als Privileg. Denn er denkt, dass sich im Lift und in den Fluren zum Aufzug Coronaviren konzentrieren können. „Die Aerosole schweben dort vielleicht stunden- und tagelang in der Luft“, sagt Landes.

Flure sind nicht belüftet

Das „Teuflische“ an der Situation sei, so Landes, dass die Flure zu den beiden Liften in der Mitte der Hochhaustürme „absolut nicht belüftet“ seien. Dabei wäre die Lösung so nah, findet der freie Innenarchitekt: In jedem Stockwerk gibt es eine Tür in der Außenwand, die ins Fluchttreppenhaus führt. Doch diese verglasten Türen sind Brandschutztüren. Ein Aufkleber erklärt: „Aus brandschutztechnischen Gründen muss diese Tür unbedingt geschlossen sein.“

So tritt Landes also täglich aus seiner Wohnungstür und wünscht sich, er könne die Rauchschutztür in der Außenwand öffnen und frische Luft in den Flur lassen. Weil man regelmäßig kräftig durchlüften soll, um einer Infektionsgefahr vorzubeugen, hat er der Wohnungseigentümergemeinschaft vorgeschlagen, das Problem technisch zu lösen. Sogenannte Feststellanlagen bewirken zum Beispiel auch im Rathaus am Karlsruher Marktplatz, dass Besucher und Beschäftigte die Brandschutztüren wie gewöhnliche Türen passieren können. Bei Feueralarm schließen die Türen sich aber so dicht, dass sich ihre volle Schutzfunktion entfaltet.

Investition nicht verhältnismäßig

Die Wohnungseigentümergemeinschaft hat sich der Frage angenommen. Sie beauftragte ein brandschutzrechtliches Gutachten. Das Ergebnis: In den beiden Hochhäusern sei alles in Ordnung. Die Investition in Feststellanlagen sei nicht verhältnismäßig: Zum einen sei die Gefährdung durch Corona-Aerosole ein temporärer Zustand, zum anderen reiche es aus, vorbeugend die allgemein gültigen Hygienemaßnahmen einzuhalten. Zwar sei Lüften in Corona-Zeiten wichtig, der Schutz der Bewohner und die Sicherung rauchfreier Fluchtwege im Fall eines Brandes aber oberstes Ziel.

Zur Frage, wie sich Brandschutztüren mit der Notwendigkeit vertragen, zur Pandemie-Vorbeugung häufig zu lüften, haben mehrere Anfragen auch Monika Regner erreicht, die das Bauordnungsamt der Stadt Karlsruhe leitet. „In der Regel sind Brandschutztüren geschlossen, permanent oder mit einer Brandfallsteuerung durch Koppelung mit Rauchmeldern“, erklärt sie. Ziel ist, Gebäudeabschnitte voneinander abzuschotten, wenn es brennt.

Auch mit den Richt-Hochhäusern hat sich Regner schon wegen der Thematik befasst. Die Besorgnis des Durlacher Hochhausbewohners versteht sie durchaus. „Corona ist im Brandschutz nicht abgebildet“, sagt die Amtsleiterin und bestätigt allgemein für Karlsruhe: „Viele Flure werden nicht belüftet.“

Zehn Minuten beaufsichtigt Öffnen ist ok

Die Chefin des Bauordnungsamts hat vielleicht dennoch das Rezept zur Lösung des Problems. Denn Monika Regner sagt zum Thema Brandschutztüren auch: „Öffnen und dabeibleiben ist ok.“ Werde jede Stunde für etwa zehn Minuten solch eine Tür ins Freie geöffnet, sei auf diese Weise Stoßlüftung möglich. In Wohnanlagen könne so etwas auch ein Hausmeister tun. Allerdings sei dabei ganz wichtig: „Es darf auf keinen Fall ein Keil im Spiel sein.“

Verkeilte Brandschutztüren sind ein Dauerproblem in Hochhäusern, Firmen, Freizeiteinrichtungen oder Sporthallen. Bei Begehungen kassieren Brandschutzexperten allerlei Objekte ein, die bereitliegen, um Rauchabschlusstüren offenzuhalten. Auch in der Richt-Anlage in Durlach wurde das vor der Pandemie einmal dokumentiert. Corona hat eines nicht geändert: Ungehinderter Luftzustrom ist damals wie heute eine potenzielle Gefahr.

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