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Besuch auf der Baustelle

So arbeiten die Baufirmen in der Corona-Krise weiter

Besuch auf der Baustelle: Eine Branche kämpft darum, in Zeiten der Corona-Krise und des verordneten Stillstands weiter arbeiten zu dürfen. Mindest-Abstand, kreative Lösungen und Gespräche - so sieht die Arbeit vor Ort aus.

Auf der Baustelle kommen die Arbeiter alleine oft nicht weit. Sie versuchen zwar, sich wo es nur geht aus dem Weg zu gehen, aber manches geht eben nur gemeinsam. Damit nicht zu viele Bauarbeiter zur gleichen Zeit zu Werke sind, wird auch mal abends gearbeitet. Foto: hora
Besuch auf der Baustelle: Eine Branche kämpft darum, in Zeiten der Corona-Krise und des verordneten Stillstands weiter arbeiten zu dürfen. Mindest-Abstand, kreative Lösungen und Gespräche - so sieht die Arbeit vor Ort aus.

Der Arbeitstag für die Bauarbeiter beginnt früh – ebenso früh zeigt sich, dass in diesen Zeiten nicht alles normal laufen kann. 6.49 Uhr im Innenhof einer Baufirma in Weingarten, die Temperatur ist am Gefrierpunkt. Die morgendliche Besprechung findet eigentlich immer in einem Container statt, mit langem Tisch, Kaffeemaschine und Heizlüfter.

Dort ist es zu eng für eineinhalb Meter Platz zwischen den Arbeitern. Diesen Mindestabstand sollen die Menschen aufgrund der Corona-Krise einhalten , wie Bund und Länder beschlossen haben.

Das blaue Büchlein wird in der Corona-Pandemie wichtig

Zwölf Männer stehen deshalb im Innenhof, Firmen-Inhaber Michael Weickum beginnt mit der Einweisung. „Jürgen, werdet ihr morgen fertig“, ruft er. Die Antwort kommt lautstark über den Hof: „Nur noch den Bauschutt wegholen.“ Die Mitarbeiter fahren in Zweier-Teams in Transportern los. Sie haben sich daran gewöhnt, etwas anders arbeiten zu müssen, sagt Weickum.

Wie das aussieht, erklärt der 56-Jährige in seinem Container. Dort liegt ein blaues Unterweisungshandbuch auf dem Tisch. In jedem Januar unterschreiben die Mitarbeiter, dass sie über Sicherheitsvorkehrungen informiert wurden. Das blaue Büchlein hat im März einen Eintrag hinzubekommen: „Unterweisung bezüglich Corona-Pandemie“.

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Bislang haben Kunden nur ein Bau-Auftrag storniert

Weickum hält sich an die Hinweise der Berufsgenossenschaft. Richtiges Händewaschen, Fahrten zu Baustellen mit maximal zwei Personen pro Fahrzeug, Seife vor Ort, ein bis zwei Meter Abstand.

„Manche beherzigen es sehr, andere nehmen es nicht so ernst“, sagt Weickum. „Man muss die Maßnahmen öfter mal ansprechen.“ Er ist froh, dass bislang nur ein großer Auftrag storniert wurde, die Arbeiten an fünf Baustellen laufen.

Corona wird zur größten Herausforderung

Den Familien-Betrieb hat er 2002 von seinem Vater übernommen. Er kennt es, gegen Konkurrenz und um Aufträge zu kämpfen. Corona wird jedoch zur größten Herausforderung, seitdem er übernommen hat. „Wir müssen damit rechnen, dass die Auftragslage wegbricht“, sagt Weickum.

Über Kurzarbeiter-Geld habe man schon diskutiert – auch darüber, den dreiwöchigen Urlaub vom August vorzuziehen. Angst hat der Firmenchef nicht, wie er sagt. „Wenn das alles nicht greift, müsste schon alles um uns herum wegbrechen.“

An der Greifzange müssen sie zusammenarbeiten

Die Arbeiten an seiner größten Baustelle sind in der Gemeinde mit knapp 10.000 Einwohnern nicht zu übersehen. Ein Mehrfamilienhaus entsteht gegenüber des Bahnhofs. Vor drei Wochen noch füllte sich hier der Platz um den Kiosk herum, die Menschen tranken abends Bier zusammen.

Einer hält, einer hämmert: Wenn Schalungen wie hier passgenau in Eisenstangen eingebracht werden müssen, müssen oft zwei Arbeiter ans Werk Foto: hora

Mittlerweile bewegt sich nur noch an der Baustelle gegenüber etwas. Mehrfamilienhaus, vier Geschosse, 14 Wohnungen. Fertigstellung im Herbst – wenn alle weiterarbeiten dürfen.

Auf dem Dachgeschoss nehmen zwei Arbeiter einen Mauerstein von der Greifzange des Krans entgegen. Die beiden Männer trennt kein Meter, aber wie soll das auch funktionieren? Um den 60-Kilo-Stein in die richtige Richtung zu bewegen, braucht es Kraft – und vier Arme.

"Hier reden wir über anderes, das ist gut so"

Achim Bundschuh, der Elektriker, kommt die schmale Treppe nach oben. Kommt ihm jemand entgegen, dreht er ihm den Rücken zu. „Wir sind aus Eigenschutz kreativ geworden“, sagt der 53-Jährige. Früher haben die Monteure zusammen an Leitungen gearbeitet, jetzt sitzt jeder alleine in einer der Wohnungen. „Wir gehen das Problem aggressiv an“, sagt Bundschuh.

Eine andere Baustelle in Weingarten. Hanglage, die Straßen sind zu schmal zum Parken. Neben einem Haus sollen zwei Stellplätze entstehen. Dafür muss ein Stahlbetonwerk am Hang angebracht werden. Die Schalung ist 2,50 Meter hoch, wiegt 140 Kilogramm.

Hier muss zusammen angepackt werden, das Wort „Corona“ fällt nicht. Marco, 40, einer der vier Bauarbeiter, sagt: „Man spricht zu Hause über Corona – hier reden wir über anderes, das ist gut so.“

Baustopp wegen der Corona-Krise? Weiterhin Tausende Euro Fixkosten

Sorgen mache er sich keine. „Ich arbeite schon die ganze Zeit nur mit diesen Kollegen hier.“ Sein Bruder in Brasilien darf vorerst nicht mehr auf Baustellen arbeiten. Ein Arbeitsverbot wegen der Corona-Krise befürchtet Marco erst einmal nicht. „Aber das entscheiden die da oben.“ Vielleicht, sagt er mit einem Schmunzeln, würde er ohne die Arbeit durchdrehen. „Aber die Gesundheit geht vor.“

Die Politik muss abwägen, ob eine der wenigen Branchen weiterarbeiten darf. Die Betriebe kämpfen dafür. Kran, Gerüst und Bagger werden für eine Baustelle oft gemietet, Tausende Euro würden monatlich auch bei einem Baustopp weiter anfallen. Stand jetzt hält das Wirtschaftsministerium das Weiterarbeiten für möglich.

"Kleinen Betrieben geht schnell die Luft aus"

Immer wieder rufen Bürger beim Verband Bauwirtschaft an und fragen, warum auf Baustellen noch gearbeitet wird. In dem Verband sind in Baden-Württemberg 1.700 kleine, mittelständische und große Betriebe organisiert. Es ist der größte Verband der Branche – und der wirbt dafür, dass auf Baustellen weiter gearbeitet werden darf.

„Den kleinen Betrieben geht schnell die Luft aus“, warnt Sprecherin Eleni Auer. Viele der Unternehmen konnten sich in den vergangenen Jahren vor Aufträgen nicht retten. „Das könnte nun zum Bumerang werden“, sagt Auer. Schließlich sei aufgrund der Auftragslage Stammpersonal aufgebaut worden.

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Die Betriebe im Verband haben seit 2009 von 84.000 Mitarbeitern auf 107.000 aufgestockt.

Im Durchschnitt gebe es Aufträge für die kommenden drei Monate, früher waren es nur ein paar Wochen. Erste Stornierungen deuten derzeit an, was noch kommen könnte.

„Das wird sich aber erst im Mai zeigen, wir sind eine nachlaufende Branche“, erklärt Auer. Lieferengpässe könnten die Arbeit bald erschweren – beim Stahl gibt es erste Anzeichen.

Inzwischen dürfen Arbeiter aus dem Elsass wieder einreisen. „Das war am Anfang chaotisch“, sagt der Geschäftsführer der Bauwirtschaft, Thomas Möller. Die Grenzgänger hätten drei Passagierscheine vorzeigen müssen: aus ihrem Departement, auf Französisch und auf Deutsch. Viele saisonale Arbeiter aus Osteuropa, darunter viele Spezialisten wie Eisenbieger, fehlen derweil.

Lieferanten und Entsorger sind mit betroffen

Bei der Rückkehr in ihre Länder würden sie in Quarantäne kommen. Und die Firmen hier können sie nicht einfach in Mannschaftscontainern unterbringen, Hotels haben geschlossen. In Rastatt und Pforzheim gebe es Probleme beim Tunnelbau, weil österreichische Firmen am Werk sind, sagt Möller.

Stillstand solle es aber nicht geben. Auch Lieferanten, Transporteure und Entsorger hängen an der Baubranche dran. „Das dann wieder hochzufahren, geht nicht so einfach“, betont er.

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