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Tradition in Daxlanden

Warum echte Fastnachtskiechle am Schmutzigen Donnerstag gebacken werden

In Christiane Stolls kleiner Küche in Karlsruhe-Daxlanden entstehen leise brutzelnd runde Leckerbissen. In anderen Regionen heißen sie Krapfen, Kreppel oder Berliner, hier nennt man sie einfach, aber treffend: Fastnachtskiechle. Traditionell werden sie zum Schmutzigen Donnerstag gebacken.

Fastnacht in allen Facetten: Bei Familie Stoll in Daxlanden wird die närrische Jahreszeit rundum gelebt. Christiane Stoll backt die traditionellen Fastnachtskiechle nach einem alten Rezept. Sie backt auch Scherben, die vor allem im südbadischen Raum Brauch sind. Foto: Jörg Donecker

Der Geruch von in Fett gebackenem Zuckerzeug liegt in der Luft, und er wird sich noch eine ganze Weile anschmiegen. In Christiane Stolls kleiner Küche entstehen leise brutzelnd runde Leckerbissen. In anderen Regionen heißen sie Krapfen, Kreppel oder Berliner, hier in Daxlanden nennt man sie einfach, aber treffend: Fastnachtskiechle.

Traditionell werden sie zum Schmutzigen Donnerstag gebacken – dem nach alten katholischen Richtlinien letzten möglichen Schlacht- und Backtag vor Aschermittwoch. Bis dahin durfte noch einmal ausgiebig gefeiert, getrunken und gegessen werden. In der Fastenzeit galt dann Verzicht: auf Fleisch, aber auch auf Schmalzgebackenes.

Vom Schmalz zum Schmotz...

Vom Schmalz zum Schmotz ist es sprachlich nicht weit, und so kam dieser letzte Verwertungstag für jegliche Art von tierischem Fett zu seinem Namen: Schmutziger Donnerstag. „Fett, Fleisch, Eier, das war in der Fastenzeit alles verboten“, erklärt Jürgen Stoll, Daxlander Fastnachts-Urgestein und Ehemann der Bäckerin. Die wohlhabenderen Mitbürger freilich mussten sich nicht ganz so sehr in Verzicht üben, erzählt er: „Sie konnten beim Klerus die sogenannten Butterbriefe erwerben, eine Art Ablass, um in der Fastenzeit essen und trinken zu dürfen wie immer.“

„Gibsch mir mal die Milch runter“, unterbricht ihn seine Frau. Die Milch stand nämlich hoch oben auf dem Küchenschrank, damit sie nicht zu kalt ist. Jürgen Stoll weiß viel Kulturgeschichtliches über die närrische Jahreszeit, er engagiert sich seit Jahren in unterschiedlichen, auch überregionalen Fastnachtsverbänden. „Ich bin da nur der Zierfisch“, scherzt Christiane Stoll, „ich werd’ in die Küche gestellt.“

Jede Familie hat ihr eigenes Rezept für die Fastnachtskiechle

Natürlich entschied sie sich aus freien Stücken dazu, die Tradition weiterzuführen. „Als mein Mann noch den Daxlander Umzug organisiert hat, war die ganze Familie immer komplett ausgebucht“, sagt sie. Ihre Schwiegermutter habe deshalb in der Fastnachtszeit für alle gekocht und gebacken: „Kartoffelsupp‘, belegte Weckle und Fastnachtskiechle“, zählt sie auf. „Inzwischen ist sie im Himmel, und ich habe mir gesagt: Wir müssen das weiterführen. Zum Glück ist auch meine Schwiegertochter ganz backwütig.“ Mit ihr backt Stoll zum Beispiel Osterlämmchen.

„Wir versorgen auch den Rest der angeheirateten Familie“, sagt Stoll, während sie das Küchentuch anhebt und die darunter liegenden, runden Teigklumpen zum Vorschein kommen. „Das Besondere an hausgemachten Kiechle ist: Jeder backt nach seinem Gusto. Bei uns gibt’s zum Beispiel niemals gefüllte Fastnachtskiechle.“ Familie Stoll isst das Fettgebäck lieber zu einer ebenfalls selbst gemachten Kartoffelsuppe, vielleicht noch mit etwas eingemachtem Obst. „Der Teig muss vor dem Bearbeiten mindestens eine Stunde ruhen“, erklärt die Bäckerin. „Dann kommt Luft rein, so lebt die Hefe in dem Kiechle.“

Mitunter kämen zur Fastnachtszeit auch mal die Tanten vorbei, um zu kontrollieren, wie gut der Teig geht. So wie heute die Verwandtschaft, kamen zu früheren Zeiten am Schmutzigen Donnerstag oft die Daxlandener Kinder bei Stolls vorbei, um nach dem süßen Gebäck zu verlangen. „Das war der sogenannte Heischebrauch des Fastnachtskiechleholens“, erklärt Jürgen Stoll.

Und der hatte vor einigen Jahrhunderten auch noch eine starke soziale Komponente: Die eingesammelten Kiechle und andere Lebensmittel wurden an Bedürftige verteilt. Zumindest bis ins 17. Jahrhundert wurde das auch in Daxlanden so gemacht, was eine noch erhaltene Bürgermeisterrechnung aus dem Jahr 1697 belegt. Heutzutage sei dieser Brauch in manchen Orten in der Schweiz noch üblich, erklärt Stoll.

Aber zurück zum Hefeteig, denn der erfordert viel Aufmerksamkeit und eine gute Portion Erfahrung. „Man muss schon ein Händchen haben für die Hefe“, sagt Christiane Stoll. Der Teig müsse immer handwarm sein. „Er darf nicht kalt kriegen, sonst fällt er in sich zusammen.“ Deshalb dürfen auch keine kalte Milch oder kaltes Mehl verwendet werden, und auch ein zu kaltes Fensterbrett ist gefährlich für die ruhende Masse. „Der Teig soll nicht kleben in der Hand“, rät Stoll, während sie mit gekonnten Handgriffen weitere Teigbälle formt, die dann noch einmal ruhen müssen, bevor sie in der Fritteuse zu goldbraun-knusprigen Fastnachtskiechle heranbrutzeln.

Es gibt Dinge, die kann man nicht modernisieren
Christiane Stoll, Fastnachts-Bäckerin

„Für Hefeteig braucht man viel Geduld und Zeit“, sagt Stoll. „Mol schnell, des geht net.“ An einem Tag ist es aber zu schaffen, zum Glück: Die Bankangestellte nimmt sich dafür extra einen Tag von der Arbeit frei. Sie achtet auf gute Zutaten, das Mehl zum Beispiel besorgt sie frisch von einer Mühle ihres Vertrauens. „Weizenmehl, in einer Mischung aus 405er und 550er. Da mach’ ich keine Experimente.“ Sie halte sich streng ans Familienrezept und ans Backen nach alter Schule. „Es gibt Dinge, die kann man nicht modernisieren“, findet sie.

Schwangere hatten zu Fastnacht Backverbot

Es gibt aber auch alte Fastnachts-Weisheiten, an die sich moderne Menschen nicht mehr halten (müssen). Zum Beispiel wurde früher häufig zur Fastnachtszeit geheiratet, erzählt Jürgen Stoll – denn sexuelle Triebe seien in der Fastenzeit ebenfalls untersagt gewesen, und da wollte man zumindest noch die Hochzeitsnacht erleben dürfen. Schwangere andererseits wurden einst gewarnt, sich nicht am Backen der Fastnachtskiechle zu beteiligen. „Wenn dabei etwas Fett auf den Bauch spritzt, dann hat später das Kind an genau dieser Stelle Flecken“, erklärt Jürgen Stoll diesen alt-fastnachtlichen Ratschlag.

An eine Regel hält sich seine Frau aber auch in modernen Zeiten noch: Die Kiechle müssen immer in ungerader Anzahl gebacken werden. Diesmal sind es genau 69 Stück, die bis Aschermittwoch hinweggeschlemmt werden dürfen. Am besten noch schneller, rät sie. „Wenn ich ganz ehrlich bin: Heut’ schmecken sie am besten.“

In dem Büchlein „Die Daxlander Fastnacht in Vergangenheit und Gegenwart. 1697-1997“ kann man ein Rezept für original „Daxlanner Fasnachtskiechle“ in der Mundart der Schlaucher nachlesen.

Zum besseren Verständnis für alle Nicht-Daxlander hat die Redaktion das Rezept sprachlich leicht angepasst.

Also fer de Hefdeig brauch ma:

7 Kaffeeschissle (Kaffeetassen) Mehl

30 Gramm Hefe

je 5 Subbeleffel (Esslöffel) Budder un Zugger

e greeßere Kaffeeschissel Millich

2 Aier

d’Schal von ere halwe Zitron

e Muggeseggele (eine Prise) Salz

Fett zum Ausbacke

e bissle Zugger un Zimt, um die

fertige Kiechle zu bestreue.

Aus den Zutaten einen Hefeteig kneten und gut gehen lassen – mindestens eine Stunde. („Awa net so weit, dasser zum Backe widder do isch.“) Dann den Teig fingerdick „mit erem Wellholz auswelle“. Mit einem Teigrädchen viereckige Kiechle ausschneiden oder – wie Christiane Stoll es macht – mit den Händen runde, nicht zu perfekte Bällchen formen. Die geformten Kiechle müssen nochmals etwa eine Stunde gehen. Dann in einer Friteuse das Fett erhitzen und die Kiechle schwimmend herausbacken, bis sie schön goldbraun sind. Ab und zu mit einer Gabel hineinstechen. Dann die Kiechle aus dem Fett nehmen, auf Küchenpapier kurz abtropfen lassen und mit Zucker und Zimt bestreut servieren. Do ghert dann e gude Kardoffesupp (Kartoffelsuppe) dezu, un wer will, kann die Kiechle noch mit e bissle Schlecksel (Marmelade) fülle.

Fertich sinn dann die Daxlanner Fasnachtskiechle. Gude Appetit!

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