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Acht Quadratmeter klein

Winziges Geschäft in Karlsruhe: Wie sich die Rasierbar gegen Online-Riesen behauptet

Mit einer Fläche von gerade einmal acht Quadratmetern dürfte die Rasierbar in Karlsruhe das kleinste Geschäft in 1a-Lage im Verbreitungsgebiet dieser Zeitung sein. Nur: Wie behauptet es sich gegen Onlinehandels-Riesen wie Amazon?

Die Rasierbar in der Kaiserpassage. Foto: Hora

Nein, das sind nicht nur ein paar Schaufensterscheiben, in denen Küchen- und Taschenmesser, Trocken- sowie Nassrasierer ausgestellt sind. Sonst wäre da ja nicht noch diese Tür mit dem Hinweis: „Geöffnet von 10.30 bis 18 Uhr, samstags von 11 bis 17.30 Uhr.“ Also, hereinspaziert in die Rasierbar.

Die Rasierbar ist gerade einmal acht Quadratmeter klein

Es ist eine ganz eigene Ladenwelt in der Großstadt Karlsruhe, gerade einmal acht Quadratmeter klein. Ellipsenförmig ist das Geschäftchen geformt – vermutlich, weil beim Wiederaufbau der Karlsruher Kaiserpassage im Jahr 1958 Nierentische ziemlich angesagt waren. Gleich am Entree der Passage steht seitdem die Rasierbar, sie teilt und stützt die überdachte Flanierzone ab.

Auch diese Funktion hat das Lädchen, denn auf den acht Quadratmetern im Inneren steht eine für die Statik wichtige Säule. Vermutlich gibt es kein zweites Geschäft im BNN-Verbreitungsgebiet, das so klein ist und zugleich an eine teure 1a-Lage wie die der Einkaufsmeile Kaiserstraße angrenzt.

Die Rasierbar in der Kaiserpassage. Foto: Hora

Der "Barkeeper" heißt Thomas Bechtold

Der „Barkeeper“ heißt Thomas Bechtold, ist 59 Jahre alt und arbeitet „seit mindestens 35 Jahren“ in der Rasierbar. So genau weiß er das nicht. Bechtold hat in der Kaiserpassage und in der angrenzenden Kaiserstraße schon viele Geschäfte aufmachen und schließen gesehen. Seine Rasierbar lebt immer noch. Die Immobilie selbst gehört einer Erbengemeinschaft, Bechtold ist Mieter und Inhaber der Rasierbar.

Mit der Existenz seines Minilädchen überrascht er immer wieder Menschen, die viele Jahre lang nur daran vorbeigehetzt sind. „Es kommt oft vor, dass Leute reinkommen und sagen: ,Ach Gott, ich habe immer gedacht, das wäre nur ein Ausstellungsraum’.“

Eine Welt für sich

Die Rasierbar ist, wie erwähnt, eine kleine Welt für sich. „Eigentlich gibt es hier alles, nur halt auf engem Raum“, meint Bechtold stolz – sieht man mal von der Toilette ab. Da geht er ins Nachbargebäude. Bechtolds Thermoskanne ersetzt die Kaffeemaschine. Schirmständer, Klimagerät, mehrere Schränkchen als Lager, das hat er aber alles untergebracht. Groß ist der Vorrat freilich nicht.

„Das, was ich an Ware hab’, das muss sich bewegen. Sonst fliegt es raus aus dem Sortiment“, erklärt Bechtold. Denn mit Lagerware würde er Kapital binden. Die entsprechenden Kosten könne er sich nicht mehr leisten. Der Paketbote bringt ihm regelmäßig neue Ware. Als Lager dienen übriges überwiegend: die Schaufensterflächen.

Persönliche Beratung als Mehrwert

Womit wir bei der einen Frage wären, die sich jeder Wirtschaftsinteressierte bei der Rasierbar natürlich stellt: Wie funktioniert so ein Lädchen in teurer Lage eigentlich in Zeiten des Online-Handels? Bechtold jammert nicht. Nüchtern sagt er: „Ich habe meine Stammkundschaft. Die ist treu. Aber die Leute sterben weg.“

Ihm sei Beratung wichtig, dafür brauche er pro Kunde oft 30 Minuten. Dumpingpreise seien für ihn daher nicht möglich. Etliche, die zu ihm kommen, sagten sich leider: „Beratung ja, aber der Verkauf läuft über die Preissuchmaschine.“ Also übers Internet. Hauptsache billig.

Es kauft also beileibe nicht jeder, der in die Rasierbar hinein spaziert, dort ein. Zwischen zehn und 30 Interessenten kämen pro Tag. „Das variiert stark“, sagt Bechtold. Es kämen übrigens auch junge Leute, vor allem, weil die Nassrasur wieder in ist.

Die Umsätze sinken seit Jahren

Die Umsätze sinken nach Bechtolds Worten seit Jahren. Weil elektrische Rasierapparate weniger gehen und auch das Geschäft mit Ersatzteilen und Reparaturen schwächelt, hat er das Sortiment ergänzt: Stahlwaren – inklusive Nassrasiermesser – seien recht gut gefragt. Sie machten mittlerweile über 60 Prozent der Erlöse aus. Reparaturen seien selten geworden. „Es wird ja nichts mehr repariert heutzutage“, ärgert sich Bechtold. „Die Leute werfen weg. Wir sind heute weniger umweltbewusst als vor 20 Jahren.“

„Von dem Geschäft allein könnte ich nicht mehr leben“, meint Bechtold. Aber seine Kinder seien erwachsen, da brauche er nicht mehr so viel Einnahmen wie früher. Zudem betreibt er mit seiner Frau in der Kaiserstraße noch ein Passbild-Express-Studio.

Sogar ein Mini-Fotostudio ist Teil der Rasierbar

Apropos Fotostudio. Ein solches – natürlich nur im Miniaturformat – gibt es auch in der Rasierbar. Immerhin zehn Prozent des Umsatzes mache er damit, schätzt Bechtold. „Vor allem wenn Ferienzeit ist, brauchen die Leute Passbilder, weil sie dann in ihre Reisepässe schauen.“

Gerade als Bechtold das erzählt, geht die Tür auf. Ein Student spaziert herein. „Ein Freund hat mit die Rasierbar empfohlen“, sagt er. Passbilder sind gefordert! Bechtold schwenkt eine Tafel mit einem Spiegel in die Mitte der Rasierbar. Oben sind ein paar Haken dran. „Daran können sie Ihre Jacke aufhängen“, sagt er zum Kunden. Die andere Seite des Spiegels ist weiß – die Leinwand für die Fotoaufnahmen.

Bechtold schnappt sich seine Spiegelreflexkamera – schwupps, schon zeigt er dem Kunden die Aufnahmen auf dem Computer hinter dem Mini-Tresen. „Ja, super. Das, auf dem ich leicht lächele, das nehme ich“, sagt der Kunde. Schon surrt der Fotodrucker. Bechtold stanzt schließlich noch die fertigen Passbilder aus – und hat wieder ein paar Euro mehr in der Kasse.

Bechtold macht weiter, so lange er Spaß hat

„So lange ich Spaß an der Rasierbar habe, werde ich das weiter machen“, beteuert Bechtold. Dafür nimmt er auch die tägliche Anfahrt von seinem Wohnort Sandweier in Kauf. Den Spaß verderben würde es ihm beispielsweise, wenn er – behördlich vorgeschrieben – keine Passfotos für Ausweise mehr herstellen dürfte. Das war ja kürzlich in der Diskussion.

Er sei wegen der zunehmenden Bürokratie und Risiken mittlerweile vorsichtiger geworden, schließe nur noch einen Mietvertrag mit kurzen Laufzeiten ab. Seine Söhne würden die Rasierbar nicht übernehmen, sagt Bechtold und witzelt: „Die haben alle was Gescheites gelernt.“

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