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An den Ortseingängen

Gottesdienstschilder sind mehr als nur ein Relikt

Corona hat die Gottesdienst-Zeiten aller Kirchen komplett durcheinander gewirbelt. Aber auch davor galt die alte Regel, sonntags um zehn ist Messe, nicht mehr so ohne Weiteres. Warum dann überhaupt noch die analogen Gottesdienstschilder an den Ortseingängen?

Große Auswahl: Wer nach Mingolsheim fährt, kann sich entscheiden, nicht nur zwischen katholischem oder evangelischem Gottesdienst, sondern auch zwischen Freikirche und neuapostolischer Feier. Foto: Martin Heintzen

Sonntags um zehn geht man in die Kirche. Danach geht der Mann zum Frühschoppen, und die Frau bereitet den Sonntagsbraten zu. Was jahrzehntelang in vielen Familien Tradition war, gilt im Jahr 2020 nicht mehr und schon gar nicht während der Corona-Pandemie. Doch ein Relikt aus diesen Zeiten scheint es noch zu geben: Die Gottesdienstschilder an vielen Ortseingängen.

Ökumenische Zweisamkeit: In Untergrombach werben Protestanten und Katholiken gemeinsam auf einem Schild. Konkrete Uhrzeiten für Gottesdienste gibt es hier nicht mehr. Foto: Martin Heintzen

Sie zeugen von einer Zeit, in der in jeder Kirche und jede Woche Gottesdienst gefeiert wurde und in der dann auch Fremde, die zufällig durch den Ort kamen, sofort gewusst haben, was Sache ist. Doch ist das 2020 noch zeitgemäß, stimmen die Uhrzeiten überhaupt noch und wie stehen die Kirchen dazu? Die BNN haben sich auf Spurensuche begeben.

Katholiken sind gelb, Protestanten lila

Sie sind in die Jahre gekommen, das sieht man sofort: Die Schilder am Bruchsaler Stadteingang von Ubstadt kommend. Hofkirche, Stadtkirche und St. Josef laden auf Katholiken-Seite zur Heiligen Messe. Für die Protestanten geht es in die Lutherkirche oder die Paul-Gerhardt-Kirche.

In die Jahre gekommen: Die Hinweisschilder am Bruchsaler Ortseingang von Ubstadt kommend sind nicht mehr ganz taufrisch. Foto: Martin Heintzen

Der katholische Stadtpfarrer Benedikt Ritzler ist sich sicher: „Ein Großteil unserer Schilder ist noch aktuell.” Zumindest außerhalb von Corona. „Ich habe mir aber schon ein paar Mal gedacht, dass man es ergänzen sollte durch eine Internet-Adresse.” Grundsätzlich findet Ritzler es richtig, dass seine Kirche die Menschen auf verschiedenen Wegen auf sich aufmerksam macht, sei es der Pfarrbrief, das Ortsschild, die Tageszeitung oder das Internet. Zu erkennen sind die katholischen Schilder für Kenner auf einen Blick: Dort ist die Kirche gelb, die Farbe des Vatikans. Die Protestanten sind lila, Freikirchen gerne mal türkis und die Neuapostolischen, wie in Bad Schönborn zu besichtigen, sind blau.

Doch wer stellt die Schilder auf? Das ist Sache der Pfarr- oder Kirchengemeinden, erklärt Bruchsals Pressesprecherin Ina Rau. Die Kirchen müssen die Schilder selbst bezahlen, das können auch mal mehrere hundert Euro pro Schild sein. Bereits 2009 kam man in Bruchsal zu dem Schluss, dass die Schilder oft nicht mehr auf dem neuesten Stand sind. Wenn überhaupt wollte man künftig nur noch ökumenische Schilder anbringen lassen. Ein solches Beispiel kann man in Untergrombach sehen. „Bei uns sind Sie willkommen” heißt es auf einem gemeinsamen Schild von St. Cosmas und Damian und der evangelischen Christusgemeinde. Hinweise auf konkrete Gottesdienste findet man dort gar nicht mehr.

Sie halten das Bewusstsein wach, dass es an diesem Ort einen christlichen Gottesdienst gibt
Daniel Meyer, Pressesprecher der evangelischen Landeskirche

Für die badische Landeskirche jedenfalls haben die Schilder eine Art Werbecharakter. „Sie halten das Bewusstsein wach, dass es an diesem Ort einen christlichen Gottesdienst gibt”, erklärt Daniel Meier, der Pressesprecher der Landeskirche. Wer durch den Ort fährt, bekomme die Gewissheit, dass er hier in den Gottesdienst gehen kann. Dabei höhlt wohl steter Tropfen den Stein. Ein Schild allein bewirke sicher noch nichts. „Aber wenn ich diese Schilder immer wieder sehe, werde ich daran erinnert”, glaubt Meier an den Werbeeffekt.

Den 483 evangelischen Kirchengemeinden der Landeskirche bleibt es selbst überlassen, ob sie ein solches Schild aufstellen lassen. Andreas Riehm-Strammer jedenfalls findet die Schilder gut, trotz aller Mankos. Unter Corona-Bedingungen stimmten die Zeiten in Philippsburg wohl nicht, erklärt der evangelische Pfarrer.

Unter normalen Umständen allerdings würden die Gottesdienstzeiten „nicht alle naslang” geändert. Natürlich müsse die Zeit verlässlich sein, das sei bei den Katholiken mit ihren oft großen Seelsorgeeinheiten sicher komplizierter, erklärt er. „Es können immer mal Fremde kommen, die sich anhand der Ortsschilder angesprochen fühlen und spontan einen Gottesdienst besuchten. „Die Schilder jedenfalls sollte man nicht ohne Not aufgeben”, findet Riehm-Strammer.

Pastafaris dürfen keine Schilder aufstellen

Gesetzliche Grundlage für die Schilder, so erklärt der Sprecher des Erzbistums Freiburg auf BNN-Anfrage, ist ein Ministererlass von 1960. Er ermöglichte es, der römisch-katholischen sowie der evangelischen Kirche an den Ortseingängen zu werben.

2008 wurde die Richtlinie verändert. Seither dürfen auch andere Religionsgemeinschaften, etwa Freikirchen, jüdische Gemeinden oder muslimische ein solches Schild aufstellen lassen. Die Größe ist vorgeschrieben, ebenso der Inhalt. Nicht werben darf die „Kirche des fliegenden Spaghettimonsters”. Bei ihr handelt es sich um eine Religionsparodie, ihre Anhänger sind die „Pastafaris”, ihr Bekenntnis heißt: „Ich gelobnudele”. Sie sind bei dem Versuch gescheitert, sich als Religionsgemeinschaft anerkennen zu lassen. Schilder, die sie vor 2015 in Templin aufstellen lassen wollten, um für ihre Nudelmessen zu werben, wurden nicht zugelassen.

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