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Shitstorm auf Facebook

„Dass so etwas auf dem Dorf passiert?!“: Fassungslosigkeit nach Missbrauch in Karlsdorf-Neuthard

Im Dorf Neuthard kennt jeder Jeden. Der Vorwurf, eine Erzieherin im Kindergarten hat ihre eigene Tochter missbraucht, hat wie eine Bombe eingeschlagen. Die Menschen sind fassungslos.

Offener Umgang im Kindergarten St. Franziskus: Dafür plädiert die Erzdiözese Freiburg, um die Verunsicherung bei Erzieherinnen und Eltern aufzufangen. Foto: Schaub

Ein offenes Lachen: Sympathisch wirkt die 48-jährige Mutter aus Karlsdorf-Neuthard, der die Kriminalpolizei den sexuellen Missbrauch ihrer zwölfjährigen Tochter vorwirft (die Bruchsaler Rundschau berichteten). Sie postet Bilder ihrer Kinder, von Hund und Katze, zeigt Herz für Behinderte und zuletzt ein inniges Symbolbild mit dem Titel „Muttersein ist eine Liebesgeschichte, die niemals endet”.

Dazu ihr Kommentar: „Die schönste Liebe, die es gibt” - versehen mit einem Herzchen. Der stammt noch vom Mai. Seit ihrer vorübergehenden Verhaftung am 8. Juni befinden sich Tochter und Sohn bei einer Pflegefamilie.

Sie postete, muss man eigentlich sagen, denn seit Dienstagabend gibt es ihre Facebook-Seite nicht mehr. Nachdem bekannt wurde, dass die Erzieherin im Kindergarten St. Franziskus Nacktbilder und -filme von ihrer Tochter gemacht und sie an Dritte verschickt haben soll, ist die heile Welt in dem Ortsteil mit 4.206 Einwohner nicht mehr wie vorher.

Ein wahrer Shitstorm ergoss sich allein im sozialen Netzwerk über die 48-Jährige. In 100 Kommentaren auf ihrer Facebook-Seite wurden ihr Muttergefühle abgesprochen. Hasserfüllte und fassungslose Kommentare wechseln sich ab. Zu groß ist offensichtlich der Tabubruch: Eine Frau, zumal eine Mutter missbraucht nicht.

Dabei hat zuletzt der Missbrauchsfall in Staufen, für den eine Mutter im August 2018 zu zwölfeinhalb Jahren Haft verurteilt wurde, längst das Gegenteil gezeigt. Und auch die Mikadostudie des Bundesfamilienministeriums von 2015 hat dokumentiert, dass Frauen als Täterinnen viel öfter vorkommen, als allgemein angenommen wird.

Ermittlungen im Neutharder Missbrauchsfall laufen

Im Neutharder Missbrauchsfall laufen die Ermittlungen weiter. Die Auswertung der Bilder und Videos ist aufwändig. Über die Hinter- und Beweggründe der 48-Jährigen, will die Staatsanwaltschaft Karlsruhe noch nichts sagen. „Derzeit gibt es keine neuen Erkenntnisse”, so Pressesprecher Tobias Wagner auf BNN-Anfrage. Klar ist nur, dass ein 43-Jähriger aus der Steiermark die Mutter der Zwölfjährigen aufgefordert haben soll, die Bilder zu schicken.

Auch In Neuthard, wo jeder noch jeden kennt, rätselt man über die Gründe. Gerüchte machen die Runde: „Vielleicht wurde sie gezwungen”, vermutet eine ältere Dame in der Kirchstraße. Sie ist fassungslos - und ratlos: „Wie kann eine Mutti ihrem Kind so etwas antun”, fragt sie. Sie kennt die vierköpfige Familie seit Jahren, der Ehemann kommt aus Neuthard, die Frau aus Bruchsal.

Regelmäßig hat die vierköpfige Familie beim Gassi-Gehen vorbei geschaut. Sie hat Anteil am Leben der Familie genommen, die von Schicksalsschlägen nicht verschont wurde. Missbrauchsfälle in Nordrhein-Westfalen ja, aber in Neuthard? Für sie unvorstellbar.

„Dass so etwas auf dem Dorf passiert?!” Schockiert reagiert auch ein Paar in der Luisenstraße. „Sie geht im Ort noch einkaufen”, erzählt die Frau: „Ich wäre dazu nach Blankenloch gefahren, wo mich keiner kennt”, wundert sie sich über soviel Unverfrorenheit. In der Luisen- und der angrenzenden Kreuzstraße wohnen viele Eltern, deren Kinder in den St. Franziskuskindergarten gehen. Auch ihre Enkelin.

In Neuthard ist nichts mehr wie vorher: Die katholischen Kirche St. Sebastian prägt die Silhouette des 4.200-Seelen Dorfs. Hier kennt jeder Jeden. Das Entsetzen ist deshalb groß, seit einer Erzieherin des Kindergartens St. Franziskus vorgeworfen wird, ihre Tochter missbraucht und davon Fotos und Filme gemacht zu haben. Foto: Heintzen

Bei den Kindern war die langjährige Erzieherin beliebt. Nicht nur in der katholischen Einrichtung, wo sie seit der Verhaftung frei gestellt ist. Auch in der evangelische Kirchengemeinde Karlsdorf-Neuthard-Forst war sie engagiert und arbeitete mit Kindern.

Erst seit Ende Juni hat St. Franziskus nach den Einschränkungen der Corona-Zeit wieder für alle Kinder geöffnet. „Wieder ankommen” nach den Verunsicherungen der letzten Monate sei das Ziel gewesen, so die Kindergartenbeauftragte der Erzdiözese Freiburg, Barbara Remmlinger. Für die Kinder ist es nun schwer zu verstehen, warum die Erwachsenen im Moment so aufgeregt miteinander reden. Auch wenn nach dem ersten Schock, die Erleichterung groß ist, dass in der Einrichtung keine Übergriffe stattfanden. Noch bleiben eine Menge Fragen.

Gesprächsangebot für Eltern der Kinder von St. Franziskus

Die Erzdiözese, der über 1.000 katholische Kindergärten unterstehen, möchte möglichst offen mit dem Thema umgehen. Für die Erzieherinnen ist nun eine Supervision vorgesehen. Den Eltern wurde vom Pastoralteam ein Gesprächsangebot gemacht. In Gesprächen mit den Elternbeiräten soll außerdem geklärt werden, welche Schritte zur Aufarbeitung noch gemacht und wie die Kinder weiter gestärkt werden können.

Der Kindergarten soll ein sicherer Ort für Kinder sein.
Barbara Remmlinger, Kindergartenbeauftragte der Erzdiözese Freiburg

Seit 2019 müssen die Kindergärten in der Erzdiözese Freiburg ein eigenes Schutzkonzept entwickeln, dass konkret auf den Alltag der Einrichtung vor Ort ausgerichtet ist. Der Kinderschutz steht dabei nach Auskunft von Barbara Remmlinger ganz oben auf der Agenda. Schon bei der Einstellung muss jede der derzeit 12.500 Erzieher/innen eine Erklärung zum achtsamen Umgang miteinander abgeben.

In Schulungen und Gesprächen sind laut Remmlinger schon kleinste Grenzverletzungen im sprachlichen Bereich, der sensible Umgang mit den Daten der Kinder und das Thema Prävention immer wieder Thema. „Der Kindergarten soll ein sicherer Ort für Kinder sein”, sagt die Kindergartenbeauftragte.

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