Skip to main content

Bundestagspräsident im Paulusheim

Wolfgang Schäuble vor Bruchsaler Schülern: „Wir können nicht so weiter machen“

Ihn trennen 60 Jahre von seinem Publikum: Der 78-jährige Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble sprach vor Abiturienten des Bruchsaler St. Paulusheim. Zur Klimakatastrophe fand er klare Worte.

Im Plauderton und dann wieder ganz ernst: Der Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble beeindruckte die Schülerinnen und Schüler am Bruchsaler Gymnasium St. Paulusheim. Foto: Martin Heintzen

Bisher engagieren sich die beiden 17-jährigen Schülerinnen Mareike Hintze und Theresa Wilbert eher im Verein oder in ihrem Ort. „Das hat mich schon zum Nachdenken gebracht, mich vielleicht auch politisch zu engagieren“, erklärt die Elftklässlerin Theresa Wilbert. Hinter ihr liegen anderthalb Stunden Podiumsgespräch mit Wolfgang Schäuble (CDU), dem Bundestagspräsidenten und dienstältesten Abgeordneten des deutschen Parlaments.

Und der schrieb den Schülern ins Stammbuch: „Bringt euch ein, engagiert euch“, nicht nur auf Fridays-for-future-Demos, sondern auch in der Politik. „Tretet für euren Standpunkt ein.“

Der alte Mann und die jungen Leute – sie hatten sich etwas zu sagen. Das katholische Bruchsaler Privatgymnasium St. Paulusheim hatte den zweiten Mann im Staat nach dem Bundespräsidenten geladen, und der war tatsächlich gekommen. Es ging um das Schulmotto „DeMut“, die man im Paulusheim neu entdecken wolle, wie ein sichtlich stolzer Schulleiter Markus Zepp einführte.

Wer Angst vor der Zukunft hat, darf nicht geboren werden.
Wolfgang Schäuble (78), Bundestagspräsident

Corona, so stieg der Bundestagspräsident ein, habe auch ihn wieder neu Demut gelehrt. „Es geht nicht immer alles einfach so weiter.“ Der Mann, der seit einem Attentat 1990 im Rollstuhl sitzt, sagte: „Es kann sich auch mal von einem Tag auf den anderen alles ändern.“ Und zugleich mahnte er zum Mut: „Wer Angst vor der Zukunft hat, darf nicht geboren werden.“

Passend zum katholischen Gymnasium schlug Schäuble zunächst einen pastoralen Ton an. Doch dann wurde er plötzlich vehement: „Ich rede schon gar nicht mehr von Klimakrise. Ich rede nur noch von Klimakatastrophe. Wir können nicht einfach so weitermachen. Die Pandemie muss ein Weckruf sein.“

Schäuble spricht mit Bruchsaler Schülern über Demut

Im Gespräch mit drei Schülern und einem Lehrer lotete man gemeinsam die Dimensionen des Demutsbegriffs aus, wobei Schäuble auch mit Anekdoten aus einem langen Politikerleben beeindruckte.

Daniel Hohm ist jahrgangsbester Abiturient und saß mit Schäuble auf dem Podium: Er interpretierte den Begriff, als Mut zu dienen. „Wir müssen aktiv Verantwortung übernehmen.“ Seit Corona sei nicht mehr alles selbstverständlich, fand Schulsprecherin Julia Krutki. „Jetzt haben wir die Chance, genauer zu überlegen, was wir ändern können.“ Und der Scheffelpreisträger und Abiturient Johannes Köster fand, dass die Pandemie auch lehrreich war. Die Erkenntnis: Man könne nicht durchgängig das gewohnte Leben leben.

„Wenn etwas knapp ist, wird es wertvoll“, merkte der ehemalige Finanzminister Schäuble an. Er sorge sich darum, dass Corona nur als kleiner Betriebsunfall gewertet werde, um möglichst schnell zum Alltag zurückzukehren. „Was wir machen, ist unglaublich skandalös. Wir haben die Demut verloren“, so sein deutliches Statement zum Klimawandel. Zugleich relativierte er aber auch: „Wer politisch handelt, macht sich immer auch schuldig.“

Lehrer Sören Lätsch mahnte mehr Generationengerechtigkeit an. Doch Schäuble erlag nicht der Versuchung, den jungen Leuten nach dem Mund zu reden. Er widersprach. Nachhaltigkeit sei wichtig. Aber: „Die Erde gehört nicht nur den jungen Menschen, sie gehört genauso den Alten. Jeder trägt Verantwortung.“

Schaulustige Schüler: Wegen Corona durfte nur eine begrenzte Anzahl an Schülern bei dem Gespräch mit Wolfgang Schäuble im Bruchsaler Paulusheim dabei sein. Die Veranstaltung wurde aber übertragen. Foto: Martin Heintzen

„Ist es nicht die Aufgabe der Politik, Jugendliche frühzeitig für ein politisches Engagement zu sensibilisieren?“, wollte der Abiturient Johannes Köster wissen. Und wieder ein direkter Schäuble: „Das ist mir zu passiv. Ich bin heute noch rebellischer, als ihr es seid“, bekundete er. Man dürfe nicht immer nur fragen: „Was bringt mir das?“, sondern müsse klar für seinen Standpunkt eintreten.

„Ich bin damals auch nicht gefragt worden. Ich habe mich halt eingemischt“, erinnerte er sich an seinen Einstieg in die Politik bei der Jungen Union. Abiturient Hohm hat den Eindruck, dass sich Politik zu wenig für die Belange Junger einsetzt. „Die Politik diskutiert mehr über einen Plagiatsverdacht als über Klimaziele.“

Schüler holt sich ein Autogramm in sein Grundgesetz

In einer kurzen Fragerunde gab Schäuble dann noch Lebensweisheiten zum Besten: „Ein mürrisches Gesicht ist ein wichtiges Herrschaftsmittel“, bekundete er. Ein Schüler ließ sich das Grundgesetz von Schäuble unterschreiben, und am Ende legte der evangelische Politiker, der seit 1972 im Bundestag sitzt und kurzzeitig auch Chef der CDU war, vor den Paulusheim-Schülern noch ein Glaubensbekenntnis ab: Glaube gebe Halt und Orientierung. Der Mensch sei aber nunmal zum Guten berufen und doch der Sünde verfallen.

Hinweis: In einer ersten Version des Textes stand, dass Schäuble katholisch sei. Korrekt ist, dass er Protestant ist.

nach oben Zurück zum Seitenanfang