Der Innenhof mit Sportplatz in der Justizvollzugsanstalt in Bruchsal.
Der Innenhof mit Sportplatz in der Justizvollzugsanstalt in Bruchsal. | Foto: Ronald Wittekt/dpa

Reportage aus dem Gefängnis

Fast ein Viertel der Gefangenen in Bruchsal sind Muslime

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Radikalisierung in Haft? Anwerbeversuche von Islamisten hinter Gittern? Was derzeit durch die Medien geht, ärgert Daoud (Name geändert). Er sitzt seit 2013 in Haft, hat drei Anstalten von innen gesehen und „noch nie Anwerbungsversuche von Islamisten erlebt.“ Beim Besuch im Bruchsaler Gefängnis erfragen die BNN Zahlen und Fakten über inhaftierte Muslime auch von Anstaltsleiter Thomas Weber.

Daoud fühlt sich in Bruchsal behandelt „wie alle anderen auch“. Er kann Halal-Ernährung bekommen, am Kiosk wie auch aus der Gefängnisküche, und in seiner Zelle beten. „Gebetsteppiche und den Koran erhalten Muslime auf Anfrage,“ so Weber – wie andere die Bibel. Im Fastenmonat Ramadan bleibt das Essenstablett bis nach Sonnenuntergang in der Zelle. Es gibt einen vierzehntägigen seelsorgerischen Gesprächskreis für Muslime, die 22 Prozent ausmachen in der hiesigen JVA (Landesschnitt: 27,8 Prozent). Hierfür entsendet das Mannheimer Institut für Integration und interreligiösen Dialog Hazem Abelhamid Mohamed El-Gafari nach Bruchsal, einen von 13 Religionswissenschaftlern mit seelsorgerischer Ausbildung für 17 Gefängnisse im Land. Daoud will ihn beim nächsten Treffen kennen lernen.

Seelsorger sollen Radikalisierung verhindern

Alfred E. Miess, Mitgründer des Mannheimer Instituts sagt, die Seelsorger unterliegen strengen Auswahlkriterien hinsichtlich psychosozialer und kommunikativer Fähigkeiten und hinsichtlich ihrer religiösen Kenntnisse des Koran und der Hadithen, Überlieferungen aus der religiösen Praxis Mohammeds. Sie sollen die Wahrnehmung schaffen, für Muslime werde getan, was für Christen getan wird – das diene der Befriedung unter den Gefangenen und dem Sozialverhalten. Miess:

Und wo es Fehlinterpretationen des Koran gibt, können wir etwas gerade rücken.

Seelsorger könnten die Selbstreflektion der Gefangenen anstoßen, und darüber etwaigen Islamisierungstendenzen begegnen. Gibt es solche in Bruchsal?

Mehr Islamisten hinter Gittern

Laut Landes-Justizministerium wurde bis Mitte 2016 in den 17 Vollzugseinrichtungen des Landes eine einstellige Zahl von Gefangenen mit islamistischem Hintergrund beobachtet – in Untersuchungs- wie in Strafhaft, darunter auch solche, die wegen einschlägiger Äußerungen auffielen. Seither aber war „ein erheblicher Anstieg entsprechender Gefangener zu verzeichnen“, so das Ministerium. Stand 31. März 2019 stehen landesweit 38 Gefangene unter Beobachtung, drei sind nach einschlägiger Verurteilung inhaftiert, elf befinden sich wegen entsprechenden Tatverdachts in U-Haft, Auffällige werden beobachtet.

Gibt es in Bruchsal Islamisten?

In Bruchsal sitzt momentan nicht ein Gefangener wegen islamistisch motivierter Taten. „Es gab Fälle“, sagt Weber. Manchmal wurden Sicherungsmaßnahmen notwendig, die Trennung von anderen, der Abbruch ihrer Kontakte nach außen. „Wir sind auf der Hut“, so Weber. Um Radikalisierungstendenzen zu erkennen und zu unterbinden, setzt das Land Strukturbeobachter ein, einen in Bruchsal. Stockwerkskollegen unterstützen ihn. In der Hauptanstalt und in Kislau kommen auf zusammen 650 Gefangene 230 Uniformierte. Die seien aber nie alle zu 100 Prozent verfügbar, so Weber. Die Strukturbeobachter sind geschult und sollen Gefangene beispielsweise ansprechen, wo etwa arabische Schriftzeichen neu auftauchen, wo sich Änderungen im Verhalten oder im Äußeren ergeben oder sie senden bei Zweifeln mal ein Foto an eine kooperierende Sicherheitsbehörde – das Landesamt für Verfassungsschutz oder die Staatsschutzabteilung der Polizei.

Zahl der Muslime steigt

Mehr Personal könne man auch in Bruchsal brauchen, so Weber. Der Anstieg muslimischer Gefangener sei nur ein Aspekt. Zwar traten 2014 noch 65 Muslime in die JVA ein, 2018 waren es 138. „Aber unsere Zuständigkeit wurde auch auf Häftlinge mit kürzeren Strafen ausgeweitet.“ Im Land erreichte die Gefangenenzahl mit 7 384 in Baden-Württemberg einen Höchstwert seit 2013. „Eine Herausforderung, vor allem wegen der Sprachbarrieren.“
Ein Muslim betet in seiner Zelle in der Justizvollzugsanstalt in Bruchsal.
Ein Muslim betet in seiner Zelle in der Justizvollzugsanstalt in Bruchsal. | Foto: pr
Selten sprechen die Gefangenen so gut Deutsch wie Daoud. In reinem Kurpfälzisch sagt er, was auch „draußen“ als Knigge-Rat für Kundengespräche gilt: „Wir vermeiden die Themen Politik und Religion. Wir sprechen lieber über Familie, Sport und so was.“