Ortstermin in den Bußmatten: Der städtische PFC-Beauftragte Markus Benkeser hat seit Ende 2016 an einem Pilotprojekt auf der stark belasteten Fläche gearbeitet. | Foto: Patricia Klatt

Bundesweiter Modellcharakter

In Bühl soll ein Pilotprojekt zum Umgang mit PFC-belastetem Boden starten

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Stark betroffenen von der PFC-Belastung in Mittelbaden ist auch die Stadt Bühl. Ihr PFC-Beauftragter Markus Benkeser hat seit Ende 2016 am Konzept für ein Modellprojekt im Umgang mit belastetem Boden gearbeitet. Mittlerweile ist es ausgereift. Jetzt hofft Benkeser auf die Genehmigung durch die zuständigen Behörden.

In Zusammenarbeit mit Patricia Klatt

Wer sich mit der PFC-Belastung von Boden und Wasser in Mittelbaden befasst, muss groß denken. Das betrifft das Ausmaß der betroffenen Flächen, das gilt für die (Un-)Summen an Geld, die im Kampf gegen die Verseuchung ausgegeben werden müssen, und auch die zeitlichen Dimensionen gehören in diese Reihe: Die Chemikalie hat eine Veranlagung zur Ewigkeit. Umso gründlicher müssen die Instrumente, die gegen das Mensch-gemachte Umweltproblem eingesetzt werden sollten, durchdacht werden.

Zum Thema: Chemie im badischen Boden: Ein Multimedia-Dossier zur PFC-Belastung

Schon mehrfach Thema im Gemeinderat

Das Pilotprojekt, das die Stadt Bühl jetzt in einer nichtöffentlichen Sitzung ihren Gemeinderäten präsentiert hat, erfüllt dieses Kriterium ganz offensichtlich. Seit Ende 2016 beschäftigt sich der städtische PFC-Beauftragte Markus Benkeser damit, mehr als ein halbes Dutzend mal ist hinter verschlossenen Gemeinderatstüren darüber gesprochen worden.

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Jetzt ist das Projekt so weit ausgereift, dass es auf den öffentlichen Instanzenweg gehen kann, an dessen Anfang der Gemeinderat öffentlich die Ampel auf Grün stellen muss, und der Experte sagen kann: „Ein solches Projekt gibt es in Deutschland so wohl noch nicht. Es kann zum bundesweiten Modell werden.“

95 Hektar sind in Bühl betroffen

Bühl gehört zu den mittelbadischen Kommunen, die vom PFC-Skandal stark betroffen sind. 280 Hektar der Gemarkung sind laut Benkeser auf PFC untersucht worden, 95 Hektar stellten sich als belastet heraus.

Die Belastung mancher Flächen ist sehr kritisch. Dazu zählen jene beim Wasserwerk im Stadtteil Balzhofen: „Wir haben PFC im Rohwasser. Per Nanofiltration bekommen wir es noch heraus, im Trinkwasser ist es also nicht angekommen.“

Belastet ist auch eine Fläche im Klärwerk im Stadtteil Vimbuch, das auch für einige Nachbarkommunen zuständig ist. Das hat Konsequenzen: Der im vergangenen Oktober mit einem symbolischen Spatenstich begonnene Bau der vierten Reinigungsstufe ruht. Wollte man den Boden in diesen beiden Fällen austauschen, fielen möglicherweise mehr als zehn Millionen Euro an Kosten an.

Eine signifikante Erhöhung der Abwassergebühren wäre die Folge; auf den Trinkwasserpreis könnten zwischen 25 und 80 Cent pro Kubikmeter draufgepackt werden: „Das wollen wir verhindern“, sagt Benkeser.

 

Auch das Klärwerk im Stadtteil Vimbuch ist vom PFC-Skandal betroffen. Die für Ausbau um die vierte Reinigungsstufe vorgesehene Fläche im Bildvordergrund ist belastet. Foto: Bernhard Margull

Die mögliche Lösung liegt ausgerechnet in einem Areal, das zu den am stärksten betroffenen Flächen in der Region zählt. Bis zum 270-fachen des Leitwerts sind die Bußmatten belastet. Die Entsorgung des Bodens muss bei Kosten von fast 124 Millionen Euro eine Illusion bleiben.

Hier ist für Benkeser nur noch eine Möglichkeit wirtschaftlich darstellbar: Sicherung durch Bebauung, mithin eine 100-prozentige Versiegelung. Warum dann aber nicht auch Boden aus den kritischen Bereichen Balzhofen und Kläranlage hier verbauen?

Keine Gefahr fürs Grundwasser

Genau das ist der Ansatzpunkt, der auch in anderen Regionen Deutschlands funktionieren könnte, meint Benkeser: Belastetes Erdmaterial von Flächen, auf denen man zum Handeln gezwungen ist, wird dort verfüllt, wo ein Gewerbegebiet entsteht und den Boden anschließend versiegelt.

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Nach oben wäre die Gefahr gebannt, was aber ist mit der Gegenrichtung: Kann ausgeschlossen werden, dass die PFC hier ins Grundwasser gelangen? Benkeser bejaht das. Ein Entwässerungsplan soll verhindern, dass Oberflächenwasser ins Erdreich eindringt und die PFC ausschwemmt. Der Abstand zum Grundwasser sei groß genug: „Wir haben den Pegel über die letzten 20 Jahre analysiert. Das Grundwasser ist ausreichend von der belasteten Schicht weg.“

Es seien alle Möglichkeiten und Eventualitäten abgeklopft und durchgerechnet worden, sagt Benkeser, der sich rechtlich auf der sicheren Seite sieht. Zahlreiche Partner hat die Stadt dabei an ihrer Seite, unter anderem den Landkreis Rastatt, der pragmatisch und lösungsorientiert arbeite.

Kosten liegen bei 1,5 Millionen Euro

Für das Projekt in Bühl sind Kosten von 1,5 Millionen Euro kalkuliert, die Ersparnis gegenüber der konventionellen Entsorgung beläuft sich auf mindestens 7,7 Millionen Euro. Viel wichtiger aber: Die Trinkwasserversorgung wird gesichert.

Bei der Grundwasserbelastung beim Wasserwerk rechnet Benkeser mit einer Verbesserung bereits nach drei Jahren. Er hofft nun, dass die nötigen Genehmigungen zügig erteilt werden und bereits am Jahresbeginn 2021 mit den Arbeiten begonnen werden kann. Schließlich ist keine Zeit zu verlieren – gerade weil die PFC eine Veranlagung zur Ewigkeit haben und einmal im Grundwasser angelangt nicht mehr verschwinden.