„Lost-Places“-Fans ist das Château Lumière längst kein Geheimtipp mehr. Das „Schloss des Lichtes“ soll einem Tabakfabrikanten gehört haben, aber seit Jahrzehnten leerstehen. Das Fotografieren verlassener Orte „ist groß im Kommen“, sagt ein 48-Jähriger aus der Szene.
„Lost-Places“-Fans ist das Château Lumière längst kein Geheimtipp mehr. Das „Schloss des Lichtes“ soll einem Tabakfabrikanten gehört haben, aber seit Jahrzehnten leerstehen. Das Fotografieren verlassener Orte „ist groß im Kommen“, sagt ein 48-Jähriger aus der Szene. | Foto: pr

Der Reiz des Zerfalls

„Lost Places“-Fotograf aus Ettlingen: „Beim Tod ist die Grenze des Geschmacks erreicht“

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Brombeerranken durch die Fensterscheiben, Moos auf dem Fußboden, modriger Geruch. In einer seit zehn Jahren leerstehenden Papierfabrik hat sich Roger Stein (Name geändert) in die „Lost Places“ verliebt. „Dann wollte ich mehr davon haben“, sagt der 48-Jährige aus dem Raum Ettlingen. Wie so viele der Fotografen, die an verlassenen Orten nach Motiven suchen, möchte er nicht mit seinem richtigen Namen in die Öffentlichkeit.

Es ist eine schweigsame, aber wachsende Gemeinschaft. In der Facebook-Gruppe tauschen sich über 1 200 Fotografen aus dem Südwesten über ihre Motive und Orte aus. Wo genau man fotografiert hat, sagt niemand. Es gehört zu den Prinzipien wie dieser Ehrenkodex, sagt Stein: „Man nimmt nur Bilder mit und hinterlässt nur seinen Fußabdruck.“ Bloß keine Verwechslungsgefahr mit Vandalen, die an den alten Gebäuden noch ganz andere Spuren hinterlassen.

„Da fährt man schon mal 300 Kilometer“

Stein war schon in 80 Objekten: verlassene Altersheime, Krankenhäuser, Fabriken, Werkstätten, Wohnungen, eine Militärbasis. „Da fährt man schon mal 300 Kilometer. Nachts um 3 Uhr los, zum Sonnenuntergang wieder heim. Wir sind auch schon mit einer Nullnummer heimgefahren.“ Er gehe immer zu zweit auf Tour, betont der 48-Jährige – falls was passiert. Gestürzt sei er schon öfter, Schrammen gehören dazu. „Das hat mich schon Kamera und Objektiv gekostet. Man muss aufpassen, wo man hintritt.“ Er hat aber auch schon von Fotografen gehört, die sich ernsthaft verletzt haben. Der Krankenwagen kam und der verlassene Ort war wieder im Fokus der Behörden. Nur einmal wurde Stein entdeckt, ein Nachbar des Grundstücks wollte die Polizei holen. Der Nervenkitzel macht für ihn den Reiz aus, auch die Suche nach einem einzigartigen Motiv und die Bildbearbeitung. Doch vor aller Freude steht die Recherche.

Es ist lange her dass jemand die letzten Töne auf diesem Klavier gespielt hat. Es steht in einer Gaststätte in Luxemburg.
Es ist lange her dass jemand die letzten Töne auf diesem Klavier gespielt hat. Es steht in einer Gaststätte in Luxemburg. | Foto: pr

„Ohne Internetrecherche geht es nicht“

Stein verbringt manch einen Abend damit, ehe er einen neuen Ort findet. Manche Fotografen teilen nicht nur ihre Fotos mit der Gemeinschaft, sondern geben mit einem Rätsel anderen auch noch die Chance, den Ort zu finden. Ein Fotograf schrieb etwa „Hotel Kuckuck“ unter sein Motiv. Das gibt es im Schwarzwald zwar nicht – dafür aber ein verlassenes Hotel mit benachbartem Uhrenladen. „Ohne Internet-Recherche geht es nicht“, sagt Stein. „Und man muss die Augen offen halten.“ Vor allem in industrieschwachen Gegenden gebe es leer- stehende Areale. „Im Raum Karlsruhe und Mannheim findet man nicht viel.“

Ein kurzes Zeitfenster bis zum Abriss

Liest der 48-Jährige in der Zeitung von einer Industriebrache, weiß er: „Ich habe ein Zeitfenster von zwei, drei Jahren bis zum Abriss. Wer zu spät kommt, den bestraft der Bagger.“ Es gebe immer einen festen Zeitraum, in dem der Zerfall besonders interessant ist: Nach fünf bis zehn Jahren – nach 20, 25 Jahren ist er zu stark. Manche Orte werden mit der Zeit uninteressant: Wenn Metalldiebe vor Ort waren, Antiquitätenhändler Gegenstände mitgenommen haben oder Randalierer am Werk waren.
Im Nordschwarzwald ist eine verlassene Klinik zu finden – die Ausstattung ist teilweise noch vorhanden, wenn auch gealtert.
Im Nordschwarzwald ist eine verlassene Klinik zu finden – die Ausstattung ist teilweise noch vorhanden, wenn auch gealtert. | Foto: pr

Gegenstände erzählen Geschichten

„Je mehr Gegenstände noch da sind, desto mehr wird die Geschichte des Hauses erzählt“, sagt Stein. Gerade Wohnhäuser seien interessant: „Warum wurde es verlassen? Was haben die Menschen hier gemacht? Wie haben sie gelebt?“ Bilder, Briefe oder Bücher geben Stein Antworten. Der 48-Jährige zeigt auf dem Tablet Aufnahmen in einem Haus: Volle Marmeladengläser im Esszimmer, auf dem Speicher ein Laufstall. „Wenn man sowas findet, ist man schon stolz“, sagt er.

Regeln für „Lost-Places“-Fotografen

Manche würden sich vor allem für Militärfotografie interessieren – Bunker, alte Militärbasen – andere mehr für Industrie- und Wohnhäuser. Doch für alle „Lost-Places“-Fotografen gelte: Die Gegenstände werden nicht verstellt. Stein sieht sich auch als Künstler, der ein möglichst einzigartiges Motiv darstellt. Nur gewisse Motive schließt er aus: „Beim Tod ist die Grenze des Geschmacks erreicht.“ Eine Leichenhalle oder frühere Räume der Gerichtsmedizin würde er nicht fotografieren.

„Lost Places“: eine Grauzone

Der 48-Jährige sieht sich nicht als Krimineller, auch wenn er sich auf fremden Grundstücken bewegt: „Es ist ein Graubereich – wir halten uns dort auf, wo man nicht gerne gesehen ist. Aber wir wollen nicht zerstörerisch reinkommen.“ Auch wenn man dafür an manchen Orten kreativ sein muss.
Ein Sprecher der Karlsruher Polizei erklärt: „Wir hatten noch keinen Fall.“ Auch der Staatsanwaltschaft Karlsruhe sind keine Fälle bekannt, wie es auf Anfrage dieser Zeitung heißt. Nur wenn der betroffene Mieter oder Eigentümer des Grundstücks einen Strafantrag stelle, würden die Verstöße – in den meisten Fällen Hausfriedensbrüche – weiter verfolgt werden.
Stein war für seine Fotos von verlassenen Orten schon in Frankreich, Luxemburg und Kroatien, traf mancherorts zufällig auf Mitstreiter, mit denen er mittlerweile befreundet ist. Er spricht über einen Wunschtraum, den er sich später mal erfüllen möchte: „In Detroit soll es tolle Lost Places geben.“