Wie teuer es ab sofort ist, in Karlsruhe Müll in die Gegend zu werfen und dabei erwischt zu werden, erklärten auf dem Europaplatz zwischen städtischen Ordnungskräften Bürgermeister Albert Käuflein und Ordnungsamtsleiter Björn Weiße (von rechts).
Wie teuer es ab sofort ist, in Karlsruhe Müll in die Gegend zu werfen und dabei erwischt zu werden, erklärten auf dem Europaplatz zwischen städtischen Ordnungskräften Bürgermeister Albert Käuflein und Ordnungsamtsleiter Björn Weiße (von rechts). | Foto: jodo

Achtloses Wegwerfen wird teuer

Neuer Bußgeldkatalog: Karlsruhe hebt die Strafen deutlich an

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Ab sofort setzt auch die Stadt Karlsruhe auf härtere Strafen für achtloses Wegwerfen von Müll. Zudem wird bald schärfer kontrolliert. Den kommunalen Ordnungsdienst stockt die Stadt um 50 Prozent auf und schickt auch Kontrolleure in Zivil auf Streife. Mit mindestens 100 Euro ist jetzt dabei, wer eine Tüte, Dose, Flasche, Bananenschale, Kippe oder Zigarettenschachtel in die Gegend statt in einen Mülleimer wirft.

Der Europaplatz hat ein schlechtes Image. Die Party- und Eventszene in der Nähe, Scharen von Bahn- und Buspassagieren, Imbisse und Kaffee im Wegwerfbehälter: All das kommt zusammen zwischen Douglas- und Karlstraße, Postgalerie und Kino, Fitnesszentrum und Elektronikmarkt gegenüber. Die Mischung erzeugt Konflikte – und Schmutz, beschreibt Bürgermeister Albert Käuflein, zuständig für Sicherheit und Ordnung in Karlsruhe, die unbefriedigende Lage.

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Bald schärfere Kontrollen

Viele Menschen fühlten sich unterwegs weniger sicher, wo es ungepflegt sei, sagt Käuflein. Immer mehr beschwerten sich auch über Schmutz in der Stadt. Unter anderem deshalb setze Karlsruhe ab sofort auf härtere Strafen für achtloses Wegwerfen von Müll. Bald wird auch schärfer kontrolliert. Der kommunale Ordnungsdienst wird von 20 auf 30 Personen aufgestockt, Ordnungskräfte laufen auch in Zivil Streife.

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100 Euro Strafe für weggeworfene Kippen

Mit gut 100 Euro ist dabei, wer eine Tüte, Dose, Flasche oder Bananenschale, eine Kippe oder Zigarettenschachtel in die Gegend statt in einen Mülleimer wirft. Das Bußgeld dafür: 75 Euro, plus knapp 29 Euro Bearbeitungsgebühr. Kaugummi auf die Straße gespuckt? Das bringt 100 Euro Bußgeld, ebenso wie in eine dunkle Ecke zu urinieren oder einen Aschenbecher auf die Straße auszuleeren. 150 Euro stehen auf liegengelassenen Hundekot. Bisher lag die Spanne für all diese Müllsünden bei lediglich zehn bis 25 Euro.

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Stummel zersetzen sich erst nach zehn bis 15 Jahren

Eine Million Euro pro Jahr kostet es, Karlsruhes Straßen von Kippen, Kaugummis, Kaffeebechern, Fast-Food-Verpackungen und Essensresten zu reinigen – und von Zigarettenfiltern. Sie machen 30 bis 40 Prozent des Mülls aus, der in Städten vom Boden aufgeklaubt wird, so die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Mancherorts seien es sogar 60 Prozent. Die Stummel zersetzen sich erst nach zehn bis 15 Jahren, bis zu 7 000 Giftstoffe stecken darin, mehr als 50 davon krebserregend. Landen sie in der Natur, kann das Nikotin einer Kippe 40 Liter Grundwasser verseuchen.

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„Wir wissen, dass sich Verhalten nur ändert, wenn entsprechende Regeln durchgesetzt werden und Strafe spürbar ist“, berichtet der Leiter des Ordnungs- und Bürgeramts, Björn Weiße. „Wenn jemand erwischt wird und dann anderen erzählt, dass er zahlen musste, hat das eine Signalwirkung.“

Orientierung an Mannheim und Stuttgart

Karlsruhe hat die Bußgeldsätze schon zum 1. Mai angehoben, bringt aber erst jetzt die neue Linie in die Öffentlichkeit. Die Fächerstadt ist mit ihrem Schritt bei weitem nicht die erste Kommune. Man orientiere sich unter anderem an Mannheim und Stuttgart, so Weiße. Mannheim macht seit April gute Erfahrungen mit den neuen Bußgeldern und mehr Kontrollgängen. Bisher fielen täglich bis zu 20 Fälle an, heißt es von dort. Zu verdienen sei nichts, weil die Kontrollen teuer sind. Es kämen aber viele positive Rückmeldungen von Bürgern. Sogar Ertappte zeigten viel Einsicht, berichten die Mannheimer Ordnungskräfte.

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Kontrolleure laufen bald auch in Zivil Streife

Die Frauen und Männer des Karlsruher Ordnungsdienstes sind auch jetzt schon manchmal ohne Uniform in der Stadt auf Tour. Die Ausrüstung tragen sie dann unauffällig an der Hüfte, Sicherheit gibt zudem, dass sie grundsätzlich im Team arbeiten. Eine Mitarbeiterin des kommunalen Ordnungsdienstes hat damit gute Erfahrungen. „Es ist effektiver, und ich kann so auch besser aufklären“, sagt sie. Denn wer neben sich einen städtischen Kontrolleur erkenne, werde wohl kaum ausgerechnet in dem Moment Müll in die Gegend werfen. Doch ganz direkt sei ein Umdenken am besten zu erzielen: „Die Ansprache ist immer zentral.“

Kommentar: Erster Aufschlag

Dezent eingefädelt und dann laut angepfiffen hat die Stadt Karlsruhe ihren neuen Stil im Spiel der Kräfte, das über die Sauberkeit der Plätze, Straßen und öffentlichen Parks entscheidet. Mit der geänderten Gesetzeslage im Rücken positioniert sich die Rathausmannschaft klar im oberen Bereich der neuerdings möglichen Bußgeldspanne. Dabei ist sie sich eines großen Fanclubs bewusst. Viele Karlsruher beschweren sich darüber, dass ihnen immer mehr Schmutz begegne und das Unterwegssein verleide.
Realitätssinn beweisen die Verantwortlichen der Stadt damit, dass sie die aktuelle Bußgelderhöhung in Kombination mit häufigeren und effektiveren Kontrollen ausdrücklich nicht als Allheilmittel sehen. Vielmehr sei der jetzige Schritt als erster Aufschlag zu begreifen. Denn in der Tat ist ein wesentliches Problem der unguten Lage die Flut an Wegwerfverpackungen, nicht nur in der Gastronomie. Die stetig wachsende Zahl der To-Go-Produkte als eine Hauptquelle des Übels ist mit sorgfältiger Müllentsorgung nicht zu bremsen.
Einwegbecher, Plastikschalen für Müsli oder Salat, Brötchen- und Snacktüten, aber auch andere Transportverpackungen sind nach kürzester Gebrauchszeit nun mal Müll – ob ordentlich entsorgt oder weggeworfen am Straßenrand, auf Plätzen, Rasen oder im Gebüsch, bis ein Reinigungstrupp alles mühsam und teuer einsammelt. Bleibt es bei einem städtischen Alltag mit immer mehr Wegwerf-Utensilien, ist es allerdings umso wichtiger, dass wenigstens nicht parallel der finanzielle Aufwand fürs Hinterherräumen weiter steigt. Tatsächlich kann die Stadt eine Million Euro pro Jahr sinnvoller verwenden.
Karlsruhe bewegt in puncto Stadtreinhaltung die Hebel, die Land und Bund den Kommunen endlich, nach Jahren vergeblich geäußerter Wünsche, an die Hand gegeben haben. Um auf die Vermeidung von Müll hinzuwirken, fehlen der Stadt weiter die Instrumente.