„Fliegende Festungen“ hatten die Rheinbrücke bei Karlsruhe lediglich zu beschädigen vermocht – zerstört wurde sie im Januar 1945 bei einem Jagdbomber-Angriff. 14 Männer, die gerade bei Reparaturarbeiten waren, wurden dabei getötet. Auf dem Foto, das nach Kriegsende entstand, ist neben den Resten der Eisenbahnbrücke eine von den Franzosen errichtete Pontonbrücke zu sehen.
Die Rheinbrücke bei Karlsruhe wurde im Januar 1945 bei einem Jagdbomber-Angriff. zerstört Das Foto der Eisenbahnbrücke entstand nach Kriegsende. | Foto: Stadtarchiv Karlsruhe 8/PBS XIVb

Luftangriffe vor 75 Jahren

Daueralarm, Flammen-Inferno und Jabos: Badische Städte in den letzten Kriegswochen

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Daueralarm in Karlsruhe, Flammen-Inferno in Pforzheim: In der Endphase des Zweiten Weltkriegs verstärkten die Alliierten die Luftangriffe auf deutsche Städte. Nun traf der Bombenhagel auch kleinere Orte – oft mit katastrophalen Folgen.

Zudem bestimmten vor 75 Jahren gegnerische Jagdbomber – die berüchtigten Jabos – mehr und mehr den Alltag der Menschen. Selbst bei der Arbeit auf dem Feld mussten sie damit rechnen, dass Tiefflieger ihnen aus heiterem Himmel den Tod brachten.

In Luftschutzkellern und Bunkern haben viele Karlsruher den 23. Februar 1945 verbracht. Von 10.30 bis 18.30 Uhr dauerte der Alarm an diesem Tag. Rund eineinhalb Stunden nach der Entwarnung konnten die Karlsruher dann etwas beobachten, was eine Hagsfelderin in ihrem Tagebuch als „schaurig-schönes Schauspiel“ am nächtlichen Himmel bezeichnete.

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Welch grauenvolles Ereignis diesen Lichterschein verursachte, konnte sie sich damals wohl nicht vorstellen. Er rührte von der Zerstörung Pforzheims durch einen der folgenreichsten Luftangriffe auf eine deutsche Stadt. Das Flammen-Inferno vor 75 Jahren kostete innerhalb von 20 Minuten weit mehr als 17.000 Menschen das Leben.

Der Zweite Weltkrieg forderte an der „Heimatfront“ gerade in seiner Endphase furchtbare Opfer. Doch Zweifel am „Endsieg“ waren verboten. „Wir werden kämpfen, bis die geschichtliche Wende eintritt“, dröhnte Adolf Hitler am Tag nach dem verheerenden Luftangriff auf Pforzheim. Die Nazi-Zeitung „Der Führer“, das einzige Blatt, das im Februar 1945 in Karlsruhe noch erschien, druckte die Rede im Wortlaut ab.

Schulmädchen heben bei Mörsch Panzergräben aus

Dabei war der Krieg längst verloren. Angesichts der näher rückenden Westfront mussten bereits im Spätherbst 1944 Frauen und Mädchen Panzergräben in der Rheinebene ausheben. Der verstorbene BNN-Redakteur Josef Werner berichtete in seinem Buch „Karlsruhe 1945“ von einer Fichte-Schülerin, die mit ihrer ganzen Klasse zu Schanzarbeiten bei Mörsch abgeordnet war. „Abends wurden wir teilweise mit Lkw wieder heimgefahren“, erzählte sie: „Teilweise mussten wir auch laufen, wenn die Wagen wegen Jabo-Angriffen nicht mehr durchkamen.“

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Jabos, das waren die gefürchteten Jagdbomber, mit denen die Alliierten bei Tage gegnerische Truppenbewegungen weitgehend zu verhindern und die Infrastruktur in Frontnähe lahmzulegen vermochten. Seit dem 22. Januar 1945 verkehrten ab Karlsruhe keine D- und Eilzüge mehr. Zwei Tage später, so erläutert Erich Lacker in „Zielort Karlsruhe“, vollbrachten Jagdbomber, was mehrere Hundert „Fliegende Festungen“ nicht vermocht hatten: Sie zerstörten die Rheinbrücke.

In der Endphase des Weltkriegs flogen die amerikanische und die englische Luftwaffe verstärkt Angriffe. Der Bombenhagel traf nun auch kleinere Orte. Karlsruhe und Mannheim hatten da schon etliche schwere Luftangriffe hinter sich. Die Schäden in den beiden größten badischen Städten waren enorm. Bei Kriegsende waren in Karlsruhe lediglich 3.141 von 17.134 Wohngebäuden unbeschädigt.

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135 Luftangriffe kosten 1.735 Karlsruher das Leben

Allein am 27. September 1944 hatten fast eine halbe Million Brandbomben die Innen- und die Weststadt in ein Flammenmeer verwandelt. Beim größten Sprengbomben-Angriff auf Karlsruhe warfen am 4. Dezember 1944 knapp 900 Bomber ihre tödliche Fracht ab. 135 Luftangriffe auf Karlsruhe während des Zweiten Weltkriegs sind belegt. Dass es dabei insgesamt „nur“ 1.735 Tote und 3.508 Verletzte gab, erscheint in der Rückschau fast wie ein Wunder.

Durch Luftangriffe des Zweiten Weltkriegs zerstörte Gebäude im „Dörfle“, der Karlsruher Altstadt. | Foto: Stadtarchiv Karlsruhe 8/Alben 194

Dass durch Luftangriffe in den Großstädten relativ wenig Menschen starben, führt Gerhard Kaller im „Handbuch der baden-württembergischen Geschichte“ auf dort rechtzeitig ergriffene Vorsichtsmaßnahmen, insbesondere den Bunkerbau, zurück.

Zudem, waren, so Ernst Otto Bräuche, der Chef des Karlsruher Stadtarchivs, viele Einwohner, vor allem Frauen und Kinder, evakuiert worden. Nur knapp ein Drittel der Bevölkerung harrte noch in Karlsruhe aus, als die Franzosen die Stadt am 4. April besetzten.

Der Luftangriff auf das eng bebaute Pforzheim am 23. Februar 1945 kostete zehnmal so viele Menschenleben wie die 135 Angriffe auf Karlsruhe. Jeder dritte Einwohner der „Goldstadt“ starb damals. In Bruchsal kamen am 1. März in nicht einmal einer Stunde rund 1.000 Menschen um.

Keller werden zu Todesfallen

„Die hohen Verluste der Zivilbevölkerung in kleineren und mittleren Städten erklären sich aus der unzureichenden Ausstattung mit Luftschutz-Zweckbauten“, heißt es bei Kaller: „Nur Stollen oder Bunker gewährten einen einigermaßen sicheren Schutz gegen Bombenabwürfe. Keller, auch tiefe gewölbte Weinkeller, erwiesen sich oft als Todesfallen, aus denen es kein Entrinnen gab.“

Nur Stollen und Bunker boten einen einigermaßen sicheren Schutz vor Luftangriffen. BNN-Fotograf Horst Schlesiger hat den ehemaligen Luftschutzbunker in der Karlsruher Dammerstocksiedlung 1960 fotografiert.
Nur Stollen und Bunker boten einen einigermaßen sicheren Schutz vor Luftangriffen. BNN-Fotograf Horst Schlesiger hat den ehemaligen Luftschutzbunker in der Karlsruher Dammerstocksiedlung 1960 fotografiert. | Foto: Stadtarchiv Karlsruhe 8/BA Schlesiger 1960

Vor allem Frauen und Kinder sollten in Schutzräumen Zuflucht finden. Von den Männern zwischen 16 und 70 Jahren, die sich in den Städten befanden, forderte das Regime, die Brände zu bekämpfen. „Bunker-Bummelanten“ waren unerwünscht. Trotzdem richteten sich in Karlsruhe viele Menschen in den Kellern eine Art Wohnung ein. Schließlich verging im Februar und März vor 75 Jahren kein Tag ohne Alarm. Einige dauerten bis zu zwölf Stunden.

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Hinaus aufs Feld – „trotz der Jabos“

Karlsruhe erlebte in den letzten Kriegswochen viele, aber nur noch kleinere Luftangriffe. Als besonders zermürbend empfanden viele Menschen die Gefahr durch Jabos. Die Tiefflieger machten Jagd auf Züge und Autos, aber auch auf Radfahrer und Leute, die auf Feldern arbeiteten. Ihnen schärfte die Zeitung „Der Führer“ ein, wachsam zu sein, aber „trotz der Jabos“ die Felder zu bestellen – „das bist du Bauer der Heimat und der Front schuldig“.

„Alle, die reisen müssen“ wies das Blatt an, bei Warnungen vor Jabos rasch den Zug zu räumen: „Frauen, Kinder und Gebrechliche durch die Türen – Männer aus den Fenstern. So geht es am schnellsten!“ Die Leute sollten sich im Gelände verstreuen und Deckung suchen.

Die Angst hat sich in die Seelen gebrannt

Diejenigen, die solche Situationen als Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene selbst miterlebt haben, sind heute hochbetagt. Doch für etliche Senioren ist der Zweite Weltkrieg noch immer Teil ihres Alltags, heißt es in einem Dossier der Landeszentrale für Politische Bildung unter Berufung auf einer Studie des Uniklinikums Leipzig. Oft genügten harmlose Dinge – Geräusche oder Gerüche, der Anblick bestimmter Orte oder Aktivitäten – , um den Schrecken wieder wachzurufen. Die Angst vor den Bomben hat sich in viele Seelen gebrannt.

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Dieser Artikel entstand auf der Grundlage mehrerer, zum Teil vergriffener Buch-Veröffentlichungen, insbesondere:
Handbuch der baden-württembergischen Geschichte, im Auftrag der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg herausgegeben von Hansmartin Schwarzmaier und anderen, Band vier, „Die Länder seit 1918“, Stuttgart 2003, Kapitel „Baden in der Zeit des Nationalsozialismus“ von Gerhard Kaller.
Karlsruhe 1945. Unter Hakenkreuz, Trikolore und Sternenbanner. Im Auftrag der Stadt Karlsruhe verfasst von Josef Werner, Karlsruhe 1985
Karlsruhe. Die Stadtgeschichte, hrsg. von der Stadt Karlsruhe, Stadtarchiv, Karlsruhe 1998, Kapitel „Karlsruhe im ,Dritten Reich’“ von Ernst Otto Bräunche. Das Buch kann man als  PDF downloaden.
Zielort Karlsruhe. Die Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg, von Erich Lacker, Veröffentlichungen des Karlsruher Stadtarchivs Band 18, zweite erweiterte Auflage, Ubstadt-Weiher 2005.
Ein digitales Geschichtsdossier zum Kriegsende bietet die Landeszentrale für politische Bildung.