Mit oder ohne Schuhe? Was ist gesünder? Das hängt ganz vom Fuß ab.
Mit oder ohne Schuhe? Was ist gesünder? Das hängt ganz vom Fuß ab. | Foto: Imago

Ein Fußexperte spricht

Ist Barfußlaufen gesund oder nicht?

Anzeige

„Barfußgehen ist die natürlichste Form des Gehens“, sagt Felix Menzinger (56), zertifizierter Fußchirurg aus Karlsruhe-Grötzingen. „Schuhe erscheinen den Menschen manchmal wie ein Zwangskorsett.“ Nach einem langen Arbeitstag hat so gut wie jeder das Bedürfnis, die Schuhe auszuziehen, sagt der Experte. Denn je nach Job ist der Mensch zwischen 25 und 57 Prozent der Zeit auf den Beinen.

Ob Barfußlaufen gesund ist oder nicht, hänge laut dem Orthopäden ganz vom Patienten ab. „Bei Fehlstellungen oder problematisch schweren Fußstellungen empfehle ich das Barfußlaufen nicht“, so der Arzt. „Bei neurologisch oder gefäßchirurgischen Problemen rate ich ebenfalls davon ab.“

Fußsohle hat 70.000 Sensoren

Per se sei das Gehen ohne Schuhe jedoch zunächst gut, denn Füße hätten nicht ganz so viele sensible Sensoren wie die Hand. Insgesamt besteht ein Fuß aus 26 Knochen und 31 Gelenken. Etwa 20 Muskeln greifen am Fuß, die Fußsohle selbst hat 70.000 Sensoren.

Felix Menzinger ist zertifizierter Fußchirurg.
Felix Menzinger ist zertifizierter Fußchirurg. | Foto: privat

Mit gesunden Füßen kommen etwa 98 Prozent der Menschen auf die Welt. Zwölf Prozent der Grundschüler haben bereits eine Fehlstellung und ganze 85 Prozent der über 45-Jährigen haben einen Fußschaden, so der Fußspezialist.

Mensch wird als Ganzes betrachtet

Ein Vorteil des Barfußlaufens sei, dass der Mensch wieder als Ganzes betrachtet werde. Deshalb schätzt Menzinger auch Barfußpfade oder Barfußparks als gut ein – für gesunde Füße.

Füße sensibilisieren

„Wie fühlt es sich an, auf unterschiedlichen Untergründen zu gehen? Dieses Bewusstsein gilt es, dabei zu entdecken und zu entwickeln“, erklärt Menzinger. Die eigene Sensibilität werde dadurch gestärkt. Auch Kinder sollten mehr Barfußgehen. „Das ist ganz evident“, betont der Experte.

Mehr zum Thema: Barfuß aus Überzeugung: Karlsruher läuft seit 40 Jahren ohne Schuhe

Enorme Belastung

Nicht zu vergessen: Die Belastung des Fußes ist enorm. Beim normalem Gehen wird er mit dem 1,1-fachen des Körpergewichts belastet, beim Joggen mit dem 2,5 bis 3,5-fachen Körpergewicht und beim Sprinten sogar mit dem 11-fachen Körpergewicht.

Unterschiedliche Arten des Laufens

Immer wieder tauchen das sogenannte Barfuß-Wandern oder Barfuß-Joggen als Schlagworte auf. Beides setzt laut dem Fachmann ein Training voraus. Auch die Laufweise ist zu unterscheiden. „Ein Barfußläufer läuft auf dem Ballen, ein Barfußgeher auf der Ferse“, sagt der Fußspezialist.

Immunsystem wird gestärkt

Wer Barfuß läuft, kann auch Stress bekämpfen. Denn durch die Berührung mit dem Boden wird der Fuß geerdet. Regelmäßiges Barfußgehen härtet zudem ab und stärkt das Immunsystem, so der 56-Jährige.

Füße testen

Für Sportler oder Ausdauerläufer mache Barfußlaufen Sinn. „Davor sollte der Fuß jedoch getestet werden, ob er geeignet ist“, sagt Menzinger. „Sprinter absolvieren sowieso Barfußeinheiten.“ Allerdings werde rund ein Jahr für die Umstellung benötigt.

Echte Barfußläufer

Viele Barfußläufer starten im Frühjahr oder Sommer damit, die Schuhe im Schrank zu lassen. Echte Barfußläufer kennen jedoch keinen Unterschied. Sie gehen das ganze Jahr über barfuß. „Für den Winter gibt es Schuhe für Barfußläufer, die lediglich eine Art Sohlenersatz sind“, sagt der Orthopäde.

Große Studie

Natürlich wurde das Barfußlaufen erforscht. In einer Studie aus Deutschland und Südafrika aus dem Jahr 2015 haben die Professoren Hollander und Zech über 1000 Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 18 Jahren untersucht. Sie kamen zu dem Schluss, dass Barfußgehen gesünder ist, als Schuhe zu tragen. Die Studie zeigt außerdem, dass Barfußgeher ein um zwölf Prozent stärkeres Gewölbe haben und besser Springen und Balancieren können.

„Die Studie geht jedoch auch davon aus, dass die Jugendlichen in Südafrika den ganzen Tag in der Stadt Barfußgehen würden“, stellt Menzinger fest. „Das ist etwas unglaubwürdig.“

Vorteil des Barfußgehen/-laufen

  • verbesserte Körperhaltung und Positionierung der WS
  • Muskelaufbau hilft gegen Senk- und Spreizfuß
  • Gesundes Abhärten (Kneipp) stärkt das Immunsystem
  • hilft gegen Fußpilz
  • Tastorgan > muss benutzt werden, verbesserte Wahrnehmung des Fußes, damit verbesserte Körperwahrnehmung und Rückgewinnung von sensorischem Input
  • Speichern der Energie beim Landen in den Sehnen und Abgabe dann wieder, dadurch effizienterer Laufstil beim schnelleren Laufen
  • schnellere Laufstil
  • weniger Auswirkungen auf Knie und Hüfte durch verbessertes Zusammenspiel Sehnen und Muskeln und dadurch Dämpfungsfunktion des Fußgewölbes höher
  • (geeigneter bei beginnender Arthrose?)
  • durch Verlängern des Hebels beim Vorfuß aufsetzen verbesserte Reaktionszeit, dadurch weniger Verletzung

Nachteil des Barfußgehen/-laufen

  • höherer Energieverbrauch
  • bei fehlerhafter Technik deutlich ineffizienter
  • erhöhte Belastung der Sehnen und Muskeln insbesondere anfangs
  • erhöhte Ballenbelastung

Wissenswertes rund ums Barfußgehen
Im gesamten Leben legt jeder Mensch etwa 100.000 Kilometer zurück.
Erfolgreiche Barfußläufer sind Abebe Bikila (Äthiopier, 1960 Olympia Rom Gold Marathon, 2 Stunden 15 Sekunden) und Zola Budd (Südafrikanerin, 1985 WR 5000 Meter 14 Minuten 48 Sekunden).