Bordelle und ähnliche Einrichtungen sollen künftig stärker zur Kasse gebeten werden. | Foto: dpa

Kritik am Nordischen Modell

Prostituierte in Karlsruhe: „Die interessiert Feminismus nicht, die kämpfen um ihre Existenz“

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Wenn Frauen zur Beratung für Prostituierte beim Diakonischen Werk Karlsruhe kommen, wollen sie häufig aussteigen. In der Realität gelingt der Ausstieg jedoch fast nie. Denn während alle über Selbstbestimmung reden, geht es für den Großteil der Prostituierten um etwas ganz anderes.

Der Weg in die Prostitution ist selten selbst gewählt. In osteuropäischen Ländern wie Rumänien, in denen viele Familien arm sind, werden im Internet täglich 170 bis 300 Anzeigen geschaltet, die Frauen mit falschen Versprechungen nach Deutschland locken sollen. Anita Beneta, die Bereichsleiterin der Beratungsstelle „Luis.e“, kennt unzählige Geschichten, die oft so oder so ähnlich beginnen.

Frauen, die auf solche Anzeigen eingehen, kommen in Deutschland oft in dem Glauben an, dass sie hier für 20.000 Euro pro Jahr in einem Massagestudio arbeiten werden – für ein paar Jahre vielleicht, um den Kindern zu Hause eine Schulbildung zu ermöglichen.

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Was die Frauen in Deutschland dann aber in der Realität erwartet, ist der Straßenstrich oder das Bordell. Das Geld, das die Frauen dort als Prostituierte verdienen, reicht oft kaum für ein Hotelzimmer und etwas zu essen, geschweige denn für die Kinder im Heimatland. So beginnt für viele der Frauen, die aus dem Ausland kommen, ein Teufelskreis, aus dem es nur schwer einen Ausweg gibt. Das ist auch in Karlsruhe so.

Ein unterschätztes Problem

„Es gibt in Karlsruhe keine Jobs. Es gibt auch keine Wohnungen für ehemalige Prostituierte“, weiß Anita Beneta. Seit über fünf Jahren berät „Luis.e“ Prostituierte und versucht, ihnen beim Ausstieg zu helfen. Dabei stoßen die „Luis.e“-Mitarbeiter jedoch schnell an Grenzen. „Viele Türen schließen sich, wenn man anfängt über Migrantinnen zu sprechen“, sagt die Bereichsleiterin. Mehr als 70 Prozent der Klientinnen von „Luis.e“ haben einen Migrationshintergrund. Sie kommen aus Südosteuropa, Südamerika und Asien.

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Prostituierte aus dem Ausland können keine Mieterselbstauskunft ausfüllen, um sich auf eine Wohnung zu bewerben. Denn sie haben keine Schufa-Auskunft, keine Gehaltszettel, meist keine feste Adresse und nicht einmal ein Bankkonto, weiß Beneta. Sie können auf dem Arbeitsmarkt nicht Fuß fassen, weil sie häufig nur ihre eigene Muttersprache sprechen und in ihrem Heimatland oft keine Schule besucht haben. Viele sind sogar Analphabetinnen.

Wo die Wurzel des Problems liegt, ist für Anita Beneta klar: „Der größte Fehler ist, Armut zu unterschätzen. Das machen wir ständig“, sagt sie. Die Frauen leiden unter der Armut in ihren Heimatländern, lassen sich daher leicht nach Deutschland locken und landen auf dem Straßenstrich oder im Bordell – wieder in Armut.

Das sogenannte Nordische Modell, für dessen Einführung sich auch der Karlsruher Oberbürgermeister Frank Mentrup und die Initiative „Karlsruhe gegen Sexkauf“ aussprechen, werde das Problem auch deswegen nicht lösen, weil es nicht die Ursachen der Prostitution in den Blick nehme, so Beneta. Und weil niemand über die Schwächen des Modells sprechen wolle.

Das Nordische Modell kriminalisiert die Freier – nicht die Prostituierten. Die „Anwerbung für einen Geschlechtsakt“ ist in diesem Modell nicht strafbar, lediglich der sogenannte Sexkauf. Das Nordische Modell wird auch „Gleichstellungsmodell“ genannt, weil es dadurch, dass Frauen nicht länger als „Ware“ gesehen werden sollen, zur Geschlechtergerechtigkeit beitragen soll.

Das Nordische Modell und seine Folgen für die Prostituierten

Anita Beneta hält das Nordische Modell für „schizophren“. „Wir wollen nicht, dass Männer etwas kaufen, aber es darf trotzdem angeboten werden? Das macht keinen Sinn“, sagt sie. Außerdem komme man ja nur über die Prostituierten an die Freier heran, um diese zu bestrafen.

Vor allem sorgt sich Beneta aber darum, was mit den Migrantinnen auf dem Straßenstrich passiert, wenn das Nordische Modell kommt. Sie befürchtet, dass diese Frauen dann abgeschoben werden – zurück in die Armut, aus der sie kamen. Ohne Perspektive. Und das, obwohl die Prostituierten oft viele Jahre Steuern gezahlt haben. An eine Stadt, die die Frauen dann, wenn die Straßenstriche verschwinden, nicht auffangen kann – oder will.

Der Steuersatz für die Prostituierten ist nicht Teil des Steuergesetzes. Wie hoch die Steuer ist, die die Prostituierten zahlen müssen, entscheiden die Städte selbst. Die Steuer wird dann entweder vom Bordellbetreiber oder von den Frauen direkt ans Finanzamt gezahlt.

„Es ist naiv zu glauben, dass die Prostituierten nach der Einführung des Nordischen Modells plötzlich hier frei leben“, sagt Beneta. Weil die Ressourcen fehlten, um dies zu gewährleisten: Wohnungen, Beratungsangebote in der Muttersprache der Migrantinnen, Polizeibeamte, Sozialleistungen und Qualifizierungsprogramme. Darüber rede jedoch niemand. „Wenn man sich für das Nordische Modell ausspricht, muss man sich auch für Ressourcen aussprechen“, glaubt die „Luis.e“-Bereichsleiterin aber. „Unabhhängig vom Migrationshintergrund.“

Selbstbestimmung – aber für wen?

Die Befürworter des Nordischen Modells – die Politiker, aber auch die Initiatorinnen von „Karlsruhe gegen Sexkauf“ – machen es sich zu einfach, findet Beneta. Es werde moralisiert und ideologisiert, wo es eigentlich um handfeste Hilfe gehen müsse, um Geld, um Ressourcen.

Mit der Frage der Selbstbestimmung könnten sich die Frauen, die „Luis.e“ betreut, meist überhaupt nicht befassen. „Meine Frauen interessiert Feminismus nicht“, sagt Anita Beneta über ihre Klientinnen. „Sie wollen ein Bett, was zu essen. Sie wollen aussteigen. Sie versuchen einfach, ihre Existenz zu sichern.“

Diese Frauen würden aber von „Karlsruhe gegen Sexkauf“ und den Befürwortern des Nordischen Modells nicht vertreten. „Es ist nicht gerecht, dass hier über Prostituierte geredet wird, aber jene vergessen werden, die um ihre Existenz kämpfen müssen und keine Zeit haben, sich über Selbstbestimmung Gedanken zu machen“, sagt Beneta.

Damit über die Existenzsicherung der Aussteigerinnen mehr geredet wird, würde sie sich gerne mit allen Beteiligten an einen Tisch setzen – auch mit den Migrantinnen. Die engagieren sich allerdings nur selten politisch, auch, weil sie sich oft nicht legal in Deutschland aufhalten.

Fest steht für Anita Beneta dennoch: „Wer Selbstbestimmung für Frauen will, muss etwas gegen Frauenarmut tun.“  Das Nordische Modell könne daher nur dann gelingen, wenn es Pläne für die Übergangsphase nach dem „Sexkauf-Verbot“ und einen Dialog gebe, in dem auch unterschiedliche Meinungen diskutiert werden können.

Der Karlsruher Gemeinderat hat in seiner Sitzung am 21. Januar 2020 einen interfraktionellen Antrag von Grünen, CDU, SPD, der Karlsruher Liste, FDP, Die Linke und FW/FÜR diskutiert, der ein „Ausstiegsprogramm für Frauen in Zwangs- und Armutsprostitution“ vorsieht. Das Konzept entstand in Zusammenarbeit mit den Prostituierten-Beratungsstellen der Diakonie und von „the justice project e.V.“. Das Maßnahmen-Paket umfasste unter anderem Ressourcen für Deutschunterricht und Dolmetscher, psychologische Beratung in der jeweiligen Muttersprache der Frauen, juristische Beratung, die Vermittlung von kurzfristigen Unterkünften sowie sozialpädagogischen Begleitung.
In der Sitzung wurde der Antrag in den Fachausschuss verwiesen.

Die Initiative  „Karlsruhe gegen Sexkauf“ spricht sich für ein Sexkauf-Verbot und für die Einführung des Nordischen Modells in Karlsruhe aus.