Der Entdecker: Beim Sichten der insgesamt 1,2 Kilometer langen Aktenregale fielen Archivmitarbeiter Manfred Hennhöfer die entscheidenden Dokumente auf.
Der Entdecker: Beim Sichten der insgesamt 1,2 Kilometer langen Aktenregale fielen Archivmitarbeiter Manfred Hennhöfer die entscheidenden Dokumente auf. | Foto: Jörg Donecker

Akten über Gustav Landauer

Sensations­fund auf den letzten Metern

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Einen „Sensationsfund“ präsentiert das Generallandesarchiv Karlsruhe. Es gibt bislang unbekannte Akten über den ermoderten Revolutionär Gustav Landauer, die nach Meinung der Experten für Aufsehen sorgen werden. 

Manfred Hennhöfer hat Aktenregale von 1,2 Kilometern Länge durchgesehen. Alles zum Badischen XIV. Armeekorps im Ersten Weltkrieg. Der Mitarbeiter des Karlsruher Generallandesarchivs hat seit elf Jahren Akte für Akte herausgenommen, nummeriert und betitelt.

Auf den letzten zwölf Metern findet Hennhöfer drei Akten, die er nicht einfach so ablegen kann. Es geht um Gustav Landauer, um die Ermordung des Revolutionärs aus Karlsruhe. Hennhöfer hält das in den Händen, was das Generallandesarchiv am heutigen Dienstag als „Sensationsfund“ der Öffentlichkeit präsentiert.

„Das ist die originale Leichenschau“

Es sind 400 Seiten, von denen Hennhöfer sagt: „Das wird Riesenwellen schlagen.“ So einen Fund habe er in seinen 40 Jahren im Archiv noch nicht gemacht. Zeugenaussagen, Gerichtsprotokolle, ein Obduktionsbericht – das letzte Prozent der 1,2 Kilometer langen Aktenregale hatte es in sich.

Dort, wo Hennhöfer nur nüchterne Militärberichte erwartete, lagerten Details über die Ermordung Landauers, die bislang völlig unbekannt waren. Vor allem sind es Hintergründe zur Aufarbeitung des Mordes. „Es wird über Landauer keine Darstellung mehr ohne diese Details geben“, sagt Oberarchivrat Rainer Brüning. „Es gibt kein Zurück. Das ist ein richtiger Forschungssprung.“

Was er damit meint, zeigt Brüning den BNN exklusiv vor dem heutigen Ausstellungsbeginn. Eine kleine Ausstellung, drei Vitrinen. Zwei längliche gehen auf die Geschichte Landauers ein, in der Mitte leuchtet etwas heller die eigentliche Sensation: Zeugenaussagen, Gerichtsprotokolle und ein Obduktionsbericht. „Macht keinen Spaß, den zu lesen“, sagt Brüning. „Das ist die originale Leichenschau.“

 

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Landauer war einer der führenden Köpfe

Landauer (1870-1919) war Anarchist, Pazifist, Revolutionär. Der Schriftsteller gilt als einer der führenden und schlauesten Köpfe der Münchner Räterepublik im April 1919. Kurt Eisner, Anführer der Novemberrevolution, hatte den Karlsruher Intellektuellen persönlich nach München gebeten. Schon bald war Landauer enttäuscht von der Aktivität der Kommunisten und erklärte seinen Rücktritt: „Inzwischen habe ich Sie am Werke gesehen, habe Ihre Aufklärung, Ihre Art, den Kampf zu führen, kennengelernt.“

Seine Vorstellungen waren andere. Doch seine vorherige Mitgliedschaft in der Räterepublik und sein Amt als Beauftragter für Volksaufklärung wird ihm am 1. Mai zum Verhängnis. Die Räterepublik ist niedergeschlagen, Freikorps verhaften Landauer.

Was am 2. Mai folgt, ist geschichtlich bekannt: Beim Transport folgen 60 bis 100 Soldaten Landauer, die Stimmung ist aufgebracht. Irgendwann fällt der erste Schlag, der Beginn von Misshandlungen. Dann ruft jemand „Halt! Der Landauer wird sofort erschossen.“ Wer den ersten und dritten Schuss abgibt, ist bis heute unbekannt.

Klar ist nur: Ulan Eugen Digele gab mit seiner Armeepistole den zweiten Schuss ab, in die rechte Schläfe Landauers. „Es wurde danach systematisch vertuscht, vieles ist im Sande verlaufen“, sagt Oberarchivrat Brüning. Münchner Zeitungen hätten über Augenzeugen berichtet, über Eventualitäten. „Alles wage – aber bei Landauer war es heikel, weil er prominenter war.“

Täter schon bald aus der Haft entlassen

Am 19. März 1920 landet Digele vor dem Militärgericht in Freiburg. Wie hat er sich dort gerechtfertigt? Wie hat das Gericht den Mord bewertet? Das belegen nun die Akten des Generallandesarchivs erstmalig. Digele sagte vor Gericht über seine Tat an Landauer: „Ich hielt ihn für den Urheber der Räterepublik.“ Und später: „Landauer zuckte noch. Ich schoß ihm dann durch die Schläfe.“ Welcher Offizier den Befehl gegeben haben soll, ist bis heute unklar.

Im Gerichtsprotokoll heißt es: „Der Angeklagte bekennt sich des Totschlags nicht schuldig, weil er auf Befehl gehandelt habe.“ Das Gericht folgte dieser Darstellung. Ob bereits der erste Schuss tödlich war und Digele auf einen leblosen Mann feuerte („ein Versuch am untauglichen Objekt“), erörterte der Richter daher nur kurz.

Digele wird für Peitschenhiebe auf Landauer (Körperverletzung) und das Klauen einer Uhr (Hehlerei) zu sechs Wochen Haft verurteilt. „Da er schon eine Zeit in Untersuchungshaft gewesen war, durfte er gleich gehen“, sagt Brüning.

Landauer besuchte Karlsruher Bismarck-Gymnasium

Ein Obduktionsbericht vom 13. Juni 1919 schildert schaurige Details. Darin wird von einem „völlig zertrümmerten Schädeldach“ geschrieben, von zwei gebrochenen Rippen und den drei Schusswunden. „Nach dem Befund ist anzunehmen, daß jeder Schuß für sich tödlich gewirkt haben muß.“ Die Zertrümmerung des Schädels und die Schussverletzung seien als Todesursache anzunehmen. „Die Leiche war bekleidet mit 2 Hemden, Weste, Unterhose und Socken. Die Taschen sind leer.“

Am 7. Juni 1919 schreibt Landauers Tochter Charlotte an den Kriegsgerichtsrat, möchte wissen, was im Nachlass ihres Vaters enthalten ist. Das Protokoll ist auch in den gefundenen Akten enthalten: „1 Geldbörse, 1,76 Mark Kleingeld, eine Zigarre, 21 Ausweise, Papiere politischen Inhalts, 1 Brieftasche mit 200 Lebensmittelmarken (…).“

Es sind wichtige Dokumente, die belegen wie es damals wirklich war. Vertuschung habe es schließlich genug gegeben, sagt Brüning und zeigt auf eine der Vitrinen. Darin schreibt ein Offizier im Kriegstagebuch: „Landauer von Wachleuten erschossen.“ In einem späteren Dokument las sich das anders: „Landauer beim Transport in der Kampfzone ums Leben gekommen.“

Die Absurditäten der Geschichte werden auch in zwei Jahresbänden des Bismarck-Gymnasiums Karlsruhe deutlich, das Landauer besuchte. 1928 schrieben Absolventen darin auf mehreren Seiten, wie stolz sie auf ihren früheren Mitschüler sind. In einem Jahresband 1938 findet Landauer nur auf einer halben Seiten Erwähnung. Darin heißt es, der Novemberverbrecher habe gekriegt, was er verdient.

Prozess in Freiburg – nicht in München

Die Geschichte Landauers muss mit dem Aktenfund nicht neu geschrieben werden, sie offenbart aber wichtige Hintergründe. „Die Leute haben immer nur auf München geschaut – den Prozess in Freiburg hat niemand registriert“, sagt Brüning.

Er habe unter anderem deshalb in Freiburg stattgefunden, weil man für den Täter in München kein faires Verfahren erwartet habe. Auch nach dem Fund bleibt die Meinung Landauers, der über den Tod einmal schrieb: „Wir leben gar nicht; nichts lebt, als was wir aus uns machen (…). Nichts lebt als die Tat ehrlicher Hände und das Walten wahrhaften Geistes.“

Ausstellung: Im Archiv und online

Vom heutigen Dienstag an bis 10. Mai präsentiert das Generallandesarchiv die bislang unbekannten Akten in einer kleinen Ausstellung. Vollständig sind sie ab 11.30 Uhr online zu finden: www.landesarchiv-bw.de/web/64428