Auf den Schienen des Güterbahnhofes von Auschwitz-Birkenau kamen die Häftlingstransporte an.
Am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Soldaten das Vernichtungslager Auschwitz, in dem auch viele Juden aus Karlsruhe ermordet worden waren. | Foto: Jens Kalaene/dpa

1.072 Schicksale

Sterbeort: Auschwitz – Blick ins Gedenkbuch für die Karlsruher Juden

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Auschwitz. Immer wieder „Sterbeort: Auschwitz“. Der Vermerk taucht bei einem ehemaligen Viehhändler auf. Der verrichtete in einer „Judenkolonne“ für das Städtische Tiefbauamt Erdarbeiten, ehe man ihn abtransportierte.

Auschwitz ist als Sterbeort der Witwe eines Ledergroßwarenhändlers angegeben. Sie war nicht ausgewandert, weil sie ihre Mutter nicht allein in Deutschland lassen wollte. Und Auschwitz wurde zum Sterbeort eines Redakteurs, der nicht mehr schreiben durfte. Vor der Deportation hatte er mit einer evangelischen Frau zusammengelebt – „Rassenschande“ nannte man das damals. Die Namen dieser Menschen und über 1.000 weitere sind im Gedenkbuch für die Karlsruher Juden verzeichnet. Das Buch ist den Karlsruhern jüdischer Herkunft gewidmet, die durch den nationalsozialistischen Rassenwahn ihr Leben verloren. Viele, aber bei weitem nicht alle in Auschwitz.

Am 27. Januar 1945 wurde Auschwitz befreit

Am 27. Januar vor 74 Jahren befreiten sowjetische Soldaten das Vernichtungslager Auschwitz, das die Nationalsozialisten im besetzten Polen betrieben hatten. Der Jahrestag dieses Ereignisses wird in Deutschland seit 1996 als Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus begangen. Und international seit 2005 als Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocausts. Da die Generation der Opfer – wie der Täter – ausstirbt, gibt es immer weniger Überlebende, die aus eigener Erfahrung darüber berichten können. Eine UN-Resolution fordert, die Erinnerung lebendig zu halten.

1.072 Opfer sind im Karlsruher Gedenkbuch verzeichnet

Auch die Stadt Karlsruhe hatte 2002 das geschichtsträchtige Datum 27. Januar gewählt, als sie das Projekt „Gedenkbuch für die Karlsruher Juden“ erstmals der Öffentlichkeit vorstellte. Es ist als Datenbank im Internet für jedermann zugänglich. Heute nennt es nicht nur die Namen und Lebensdaten von insgesamt 1.072 Todesopfern aus Karlsruhe, sondern zeigt in der Regel auch Fotos der Ermordeten. 599 Einträge sind mittlerweile zudem mit Biografien der Opfer versehen. Und die – das ist das Besondere – wurden ganz überwiegend nicht von Historikern recherchiert.

Bürger schreiben die Biografien

„Wir haben alle Karlsruherinnen und Karlsruher, ob in Gruppen oder einzeln, aufgefordert, eine Patenschaft zu übernehmen und eine Biografie zu verfassen“, sagt Ernst Otto Bräunche, der Leiter des Stadtarchivs und der Historischen Museen in Karlsruhe. Die Resonanz sei – „querbeet durch die Bevölkerung“ – überwältigend gewesen. Jürgen Schuhladen-Krämer betreut das Projekt und steht den Autoren mit seinem fachlichem Rat zur Seite. Zeitweise seien  20 bis 25 Biografien pro Jahr entstanden, erzählt er.

Schwierige Recherchen

Und die Aktion läuft weiter. Aktuell, so Schuhladen-Krämer, sind sieben Biografien in Arbeit. Das Ziel ist, den Lebenslauf aller Karlsruher Opfer nachlesbar zu machen. Allerdings, da macht sich Bräunche nichts vor, werde es bei einigen Einträgen wohl bei den Namen und Daten bleiben – „da wird man einfach nichts mehr herausbekommen können.“

Gurs – die Vorhölle von Auschwitz

Gurs. Immer wieder Gurs. Der Deportationsort in Südfrankreich, oft als „Vorhölle von Auschwitz“ bezeichnet, taucht im Gedenkbuch für die Karlsruher Juden ebenfalls sehr häufig auf. Über 6.500 Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland hatten die nationalsozialistischen Machthaber im Oktober 1940 in das Lager am Fuße der Pyrenäen verschleppen lassen. In dem sumpfigen, mit Stacheldraht eingezäunten Areal herrschten fürchterliche sanitäre Verhältnisse. Bis zu 60 Menschen wurden in etwa 144 Quadratmeter große Baracken gepfercht. Eine Witwe aus Karlsruhe, die bereits 76 Jahre alt war, als sie abtransportiert wurde, gehörte zu denjenigen, die das Grauen von Gurs nicht überlebten.

Eine „Hilfsturnlehrerin“ aus Karlsruhe

Hunger, Angst, aber auch die Hoffnung, dass der Wahnsinn irgendwann ein Ende finden würde: Für einen Hauch von „Normalität“ in Gurs sorgte eine junge Karlsruherin. Sie hatte einst die Fichte-Schule besucht, aber dann in eine Unterrichtsanstalt speziell für Juden wechseln müssen. In Gurs organisierte die Jugendliche Sportveranstaltungen für internierte Kinder. Erfahrung damit hatte sie, denn wegen Fachlehrermangels an der Jüdischen Schule in Karlsruhe war sie dort schon mit 14 Jahren als „Hilfsturnlehrerin“ eingesetzt worden. Die Frau war 19, als man sie nach Auschwitz deportierte. Das genaue Datum, an dem sie vergast wurde, konnte ihre Biografin nicht herausfinden.

Nur ein paar Fotos blieben

Über Gurs nach Auschwitz kamen auch eine in Pforzheim geborene Krankenschwester und ihr aus Leipzig stammender Mann, ein Ingenieur. Das Paar hatte vor seiner Deportation in Karlsruhe gewohnt. Ein Neffe der beiden wandte sich vor einigen Jahren ans Stadtarchiv, weil er praktisch nichts über die Ermordeten wusste – nur ein paar Fotos besaß er.

„Sie haben hier einmal in Karlsruhe gelebt“

Auf die Spurensuche begab sich in diesem Fall eine Schülerin, die damals die elfte Klasse des Lessing-Gymnasiums besuchte. Sie fand etliches über das Paar heraus, konnte sich neben den Fotos freilich nur auf amtliche Dokumente aus Archiven stützen. „Persönliches ist darunter nicht“, schrieb sie an Ende ihres Berichts. „Wir werden so vermutlich niemals mehr erfahren, wie diese Menschen gelebt und sich verhalten haben, was sie dachten, was ihnen gefiel oder nicht.“ Dass der Lebensweg des Paares jetzt aufgeschrieben sei, solle aber zeigen: „Sie haben hier einmal in Karlsruhe gelebt, ehe sie wegen ihrer jüdischen Herkunft vertrieben und ermordet wurden“.

Hier geht es zum Gedenkbuch für die Karlsruher Juden.