Weniger Spenden: Auch deshalb mussten viele Tafelläden ihren Betrieb einstellen. Vereinzelte Angebote gibt es aber auch bei uns in der Region noch.
Weniger Spenden: Auch deshalb mussten viele Tafelläden ihren Betrieb einstellen. Vereinzelte Angebote gibt es aber auch bei uns in der Region noch. | Foto: dpa

Kein großer Grund zur Freude

Tafel in Karlsruhe kann trotz Corona-Krise wieder öffnen

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Die Zahl der guten Nachrichten ist in diesen Tag nicht sehr groß. Umso mehr freut sich Hans-Gerd Köhler vom Caritasverband in Karlsruhe über diese: Nach fast zweiwöchiger Schließung kann die Beiertheimer Tafel am kommenden Dienstag (31. März) wieder öffnen. Zwei Nachmittage in der Woche nur, aber immerhin.

„Wir haben mit unseren Lieferanten gesprochen und die Rückmeldung bekommen, dass wieder genug Waren da sind, um uns diese zu spenden.“ Über 70 verschiedene Supermärkte und Lebensmittelerzeuger beliefern die Beiertheimer Tafel, die ihrerseits wieder viele Spenden an andere Tafelläden und soziale Einrichtungen weitergibt. „Damit sind wir von der Struktur her eine der größten Tafeln in Baden-Württemberg“, sagt Marktleiter Ronny Strobel.

Sorge um ältere Mitarbeiter während der Coronavirus-Krise

Schon ganz zu Beginn der Einschränkungen, die im Zusammenhang mit Corona auf die Menschen zukamen, hatten Strobel und sein Team beschlossen, die Tafel zu schließen. Zwei Gründe gab es dafür: „Erstens die Sicherheit unserer überwiegend älteren Helfer und zweitens natürlich die Versorgungslage“, erklärte Strobel. Vielkäufer hamsterten vor zwei Wochen noch die Supermarktregale leer und Ronny Strobel war fassungslos angesichts der „Reichen, die den Armen alles wegkaufen“.

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Inzwischen aber scheinen Appelle wie der der Kanzlerin gefruchtet zu haben. Auch Rationierungsmaßnahmen in den Supermärkten haben dazu geführt, dass kein Kunde mehr mit mehr als zwei Packungen Toilettenpapier das Geschäft verlassen darf. Der Warenbestand scheint sich zu erholen.

Spenden sind willkommen

Am Dienstag- und am Freitagnachmittag also wird der Tafelladen in Beiertheim wieder für seine Stammkunden geöffnet haben. Um das Sortiment noch ein wenig aufzubessern, sind auch Spenden aus der Bevölkerung willkommen. „Ab Montag können diese bei uns vors Geschäft gestellt werden und wir verteilen sie dann“, sagt Hans-Gerd Köhler.

147 Tafelläden gibt es in ganz Baden-Württemberg. Doch nicht von allen erreichen den Landesvorsitzenden des Tafelvereins, Wolfram von Zabiensky, so gute Nachrichten wie aus Karlsruhe, wo mit Beiertheim und Durlach zwei von insgesamt drei Läden am Start sind.

Großteil der Tafeln in Baden-Württemberg sind wegen Covid-19 geschlossen

Der Trend ist eher ein anderer. „Immer mehr machen zu“, so von Zabiensky, der gestern Nachricht von 73 geschlossenen Verteilstellen hatte. Grund hierfür war nicht allein die schlechte Versorgungsstruktur. „Die Schließungen haben mehr mit der Altersstruktur unserer vielen Helfer zu tun“, sagt er.

Ein Großteil der Freiwilligen sei jenseits der 60 und damit mittendrin in der Risikogruppe. „Aus Fürsorgepflicht ihnen und natürlich auch unserer älteren Kunden gegenüber, haben viele geschlossen“, so von Zabiensky, der selbst die Tafel in Offenburg leitet. Doch nicht auf alle Tafeln scheint das zuzutreffen.

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Denn manche, wie die im Karlsruher Stadtteil Durlach zum Beispiel, mussten bislang nicht schließen. „Das hängt ganz oft vom Träger der Einrichtung ab“, erklärt von Zabiensky. Denn nur 50 Prozent aller Läden seien auch in Trägerschaft des Tafel-Vereins, andere (und dazu gehört auch Durlach) würden von anderen Trägern wie freikirchlichen Gemeinden oder anderen gemanagt. „Die haben eine jüngere Helferstruktur einerseits oder manchmal eben auch zwei Räume, die einen Abstand zwischen Kunden und Mitarbeitern ermöglichen.“

Zu normalen Zeiten fahren die Tafelhelfer regelmäßig Supermärkte oder Lebensmittelhersteller an, um aussortierte Ware oder Überproduktionen einzusammeln und an die Läden zu verteilen. Dort können bedürftige Menschen mit speziellen Berechtigungen dann einkaufen. Zu Beginn der Coronavirus-Verbreitung kam es dabei zu Szenen, die selbst langgediente Tafel-Mitarbeiter nie für möglich gehalten hätten.

„Jeden Montag und Donnerstag bekamen wir vom Fleischwerk Südwest rund 180 Kisten und nochmal 100 Kartons mit Fleisch und Wurst“, sagt Ulf Schulz, der bei der Beiertheimer Tafel arbeitet. „In der ersten Corona-Woche gab es zum ersten Mal überhaupt nichts.“

Ärmere Menschen sind „doppelt gekniffen“

Auch wenn es einen Silberstreif am Horizont gibt, Udo Engelhardt, der Sprecher der Tafel Baden-Württemberg, sieht die ärmeren Menschen im Land durch die Schließungen „doppelt gekniffen und belastet“.

Einerseits seien sie wegen des Virus’ besorgt und müssten sich einschränken, andererseits „müssen sie nun schauen, wie sie ohne die Gaben der Tafeln durch die Tage kommen“, so Engelhardt. Ursula Höhn vom Verein Karlsruher Tafel musste den Laden in der Nördlichen Uferstraße ebenfalls schließen. „Dieser Schritt ist uns sehr schwer gefallen“, sagt sie. Aber auch hier sei die Verantwortung gegenüber den vielen älteren Mitarbeitern der Hauptgrund gewesen.

Die Hoffnung, das Angebot nach dem 31. März wieder bereitstellen zu können, schwindet täglich. „Den Termin können wir wahrscheinlich nicht halten“, bedauert Höhn. Zu normalen Zeiten greifen gut 300 Menschen auf die Angebote der Beiertheimer Tafel zurück. Der Laden funktioniert anders als sonst für Tafelläden üblich: „Die Menschen können bei uns durch die Reihen gehen und etwas kaufen. Wir machen keine vorgepackten Tüten, sondern bieten ein echtes Einkaufserlebnis“, erklärt ihr Leiter Ronny Strobel.

Tafeln schicken Hilferuf an Ministerpräsident Kretschmann

In den nächsten schweren Corona-Wochen wird das den Menschen wenigstens ein Stückchen Normalität zurückbringen. Einer von zwei Tafelläden im Laden bleibt im Moment aber auch weiterhin geschlossen. Für Wolfram von Zabiensky sind die guten Nachrichten aus Karlsruhe kein Grund Entwarnung zu geben.

Am Mittwochmorgen wird dem Ministerpräsidenten des Landes, Winfried Kretschmann, ein schriftlicher Hilferuf des Tafelvereins erreichen. Denn wenn die Situation so bleibt wie im Moment sieht von Zabiensky zur Rettung des Tafelmodells die Politik gefragt. „Sonst wäre das ein Aus für immer.“