In unseren Mundartbetrachtungen geht es diesmal um die leider gerade sehr aktiven heimischen Plagegeister, die Schnaken. Schon vor über 150 Jahren hat ein Dialektautor aus Karlsruhe sie satirisch zu Wort kommen lassen. | Foto: Hora

Die Schnaken in der Mundart

Vom Badscher un de Schnoogebobbl

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Ganz spezielle städtische Tiere lässt der Karlsruher Autor Friedrich Gutsch in einem 1876 veröffentlichtem badischen Mundartgedicht zu Wort kommen. Es ist eine Spezies, die erst im Sommer fidel un lewendich wird. Denn dann geht’s an die Owwerwelt von Karlsruh‘. Im Winter saßen die Tierchen fescht wie e Knäul uffenander und langweilten sich. Ein warmer April ändert ihr verstecktes Leben. Es geht raus aus dem Schüttloch, Flügel und Rüssel werden gestreckt und ausprobiert. Was zur Folge hat, daß se in sellere Herreschtraß d’rinn / Net b’sonders gut uf uns zu schpreche sinn.“Ein Anwohner kommt sogar ins Fluchen über das schternsappermentisches Lumpeg’schmeiß.

Hundertunfufzich Milliarde Tierchen in Karlsruhes Herrenstraße

Es ist klar, welche Tierchen der Mundartautor Gutsch in seinem Buch „Aus Karlsruhes Volksleben“ sprechen lässt. Aber Achtung, es handelt sich nicht einfach um Schnaken. Sondern um original einheimische Plagegeister in der Stadt der Brigande: Um Landgraweschnaake. Die stören sich nicht an den Flüchen aus der Herrenstraße, sondern sinn z’leid an Sellem sei’m Haus sitze bliewe, / Un des isch vollg’sesse,  ’s isch meiners net g’loge, / Mit hunderunfufzich Milliarde Schnooke.
Da können wir ja heutzutage, trotz Rückschlägen in der Bekämpfung, noch zufrieden sein! – Im Vergleich zur Anzahl von Viechern, die aus dem offenen städtischen Abwasserkanal, dem Landgraben, krochen. In Dichter Gutschs satirischem Gedicht dürfen die verfolgten Schnaken ihrerseits jammern: Es sei kein Vergnügen, Monate drunten im Kanal zu hocken und sich im Sommer zu schinden, um Leute zu stechen, Blut zu saugen und Familien zu begründen.

Der offene Landgraben war schuld

Schuld an der Belästigung seien überhaupt die Stadtväter, die viel zu lange zögerten, um den Landgraben zu überwölben, also einzumauern. Als Gutsch sein Gedicht schreibt, ist der offene Abwasserkanal schon Geschichte. Er erinnert im Gedicht „D Landgraaweschnake“ nur an die schlechte alte Zeit mit Schnakenplage im Stadtzentrum. Im Thiergaarte oder im Wald sei sie weiterhin schlimm schreibt Gutsch. Die Tierchen steche un ploge die Leut kriminalisch – so jedenfalls die Beobachtung Ende des 19. Jahrhunderts.

Mückeloch – Schnokeloch – lebsch a noch?

Die Schnake hat in der Mundart manche spitzen Spuren hinterlassen. Das Badische Wörterbuch nennt, mit Bezug auf Konrad Odenwald, eine Redewendung aus Philippsburg. Wenn jemand an Sommerabenden in Rheinnähe spazieren gehen will, hieß es: Wuh gehsch nah? – Die Schnooge fiedere (also füttern.) In Teilen des Kraichgaus oder auch in Mannheim wird dem Tier Männlichkeit zugewiesen und heißt der Schnook. Manchmal taucht noch eine nicht stechende, langbeinige Art auf, die merkwürdigerweise Rheinschnook genannt wird. Obwohl es sich um den Weberknecht oder ähnliche Insekten handelt.
Bei Neckargemünd reimt man mit Blick auf einen kleinen Ort: Mückeloch – Schnokeloch – lebsch a noch? Bekannt ist durch ein Volkslied der Hans im oder vum Schnookeloch geworden, der für den stets unzufriedenen Elsässer steht.

Wer kennt das Schnoogefett?

Einen Schnoogebuggel gab es in Mannheim und Eberbach sowie in Philippsburg. Dort, in der Festungsstadt, heißt eine Erhebung so, auf der die inzwischen abgerissene Wirtschaft „Zum Felsenkeller“ stand. Helfen gegen die Tierchen kann in Kronau laut örtlichem Wörterbuch der Schnoogäbadschä. Dessen hochsprachliche Übersetzung „Stechmückenpatsche“ kommt mit viel weniger ländlichem Charme daher. Wenn der Badschä nicht trifft, gibt’s Schnoogäbobbl. Die könnte man in Oftersheim mit Schnoogefett, also Spucke, behandeln. Am 1. April diente Schnoogefett  wie beispielsweise „Haumichblau“ als erfundenes Mittel, um Kinder in die Apotheke und den April zu schicken. Das Schutzgitter am Fenster wird im Wingderschdärfer Wörterbuch, also in Wintersdorf, Schnogedroht genannt. In Forbach-Bermersbach verwandelt sich die Schnook in der Mehrzahl zu Schnoore. Ein zartes kleines Kind wird in dem Murgtalort oder auch sonst in Baden ebenfalls als Schnook bezeichnet, ein langbeiniger hagerer Mensch kann den Beinamen gleichfalls erhalten.

Die weitere Bedeutung von Schnooke

Erstaunlich, dass es für die Einwohner in den rheinnahen Orten zwischen Rastatt und Mannheim keine Necknamen in Verbindung mit Schnaken gibt. Dafür heißen die Leute von Hemsbach, von Kappel am Rhein oder in einigen Kaiserstuhlgemeinden Schnooke.
Das tierische Wort steht im übertragenen Sinne noch für lustige Einfälle, Späße oder den alten Begriff Possen. Friedrich Gutsch schließt sein Gedicht von den Landgraweschnooke mit dem Hinweis, dass in Karlsruhe noch viele Schnooke im Schädel rumschpuke. Und die seien immer noch besser als Käfer un Mucke. Um letztere soll es in der nächsten Folge dieser Serie gehen. Damit keiner mehr den Anfängerfehler macht, die badischen Schnaken mit den normalen Mücken zu verwechseln.