Seit rund vier Jahren steht Stefan Kern als Berufsmusiker auf eigenen Füßen. | Foto: Helgvar Sven Manfredson

Selbstständig als Musiker

Wie wird man eigentlich Rockstar? Ein Gespräch mit „Barock“-Gitarrist Stefan Kern

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Es ist nicht gerade ein Bühnenoutfit, in dem Stefan Kern den Raum betritt. Die Funktionsjacke in Dunkelgrün und Orange hängt wenige Sekunden später über einem Stuhl. Einzelne Tannennadeln rieseln aus dem Ärmel. Das olivgrüne Cap mit angeschlagenem Schirm und verwaschenem Schriftzug legt Kern nebst Arbeitshandschuhen auf dem Tisch ab und gießt sich Kaffee in die bereitstehende Tasse. „Ich musste gerade noch einen Baum fällen. Auf der Bühne sehe ich anders aus“, erklärt er lächelnd. Auf der Bühne steht Stefan Kern als Gitarrist bei „Barock“, der erfolgreichsten AC/DC-Tribute Band in Europa, die gerade durch Deutschland tourt. Bäume fällt er als Baumpfleger – ebenfalls beruflich.

Der 29-jährige gebürtige Grünwettersbacher stand im Laufe seiner Karriere als Musiker bereits auf vielen Bühnen. Angefangen hat alles jedoch ganz bescheiden: „Ich wollte nie ‚Rockstar‘ werden“, sagt Kern, während er ein Stück Zucker in seinen Kaffee rührt. „Ich habe angefangen, Musik zu machen, weil es mir einfach Spaß macht, weil es meine Leidenschaft ist. Das ging auf dem Gymnasium los.“ Im Keller seines Elternhauses in Grünwettersbach griff Kern zum ersten Mal in die Saiten. Einfach nur ein Hobby war die Musik aber nie: „Ich habe mir aber damals schon gesagt: ‚Entweder mache ich es richtig oder ich lasse es'“, sagt der Gitarrist. „Ich wollte einfach meinen eigenen Ansprüchen genügen.“

Vom Feinwerkmechaniker zum Berufsmusiker

Obwohl die Musik bereits eine feste Größe in seinem Leben war, machte Kern 2006 seinen Schulabschluss und begann eine Ausbildung zum Feinwerkmechaniker. Diese schloss er nach vier Jahren – „mit zahlreichen Unterbrechungen“ – ab. Eine Festanstellung in seinem Ausbildungsberuf kam für den Musiker jedoch nicht in Frage: „Ich habe schnell gemerkt, dass dieses feste ‚Fünf-Tage-die-Woche-Vollzeit-Arbeiten‘ einfach nichts für mich ist. Dass ich in dieser ganzen Geschichte einfach nicht glücklich werde“, erklärt Kern. 2010 machte er die Musik zu seinem Beruf. Von großen Bühnen konnte Kern jedoch zunächst nur träumen. „Ich habe mich am Anfang mehr oder weniger gut als Musiklehrer durchgeschlagen. Eigentlich habe ich mit null Schülern angefangen“, sagt der Rockmusiker und lacht. Irgendwann habe er vier Arbeitstage mit dem Musikunterricht ausfüllen können, nebenbei aber schon in einigen Bands Gitarre gespielt. Die Auftritte häuften sich.

Eine Entscheidung wird fällig

„Dann kam vor zwei, drei Jahren der Moment, in dem ich mir gesagt habe, ich will nicht mehr Musiklehrer sein“, erklärt Kern. „Ich hatte Angst, dass meine freischaffende Musikertätigkeit darunter auf Dauer leidet.“ Mit der Entscheidung, sich voll auf seine Selbstständigkeit zu konzentrieren, kam der Stein 2013 schließlich ins Rollen. „Mit der Zeit habe ich viele Konzerte national und international mit verschiedenen Bands spielen dürfen. Es war und ist mir eine Ehre, mit so vielen guten Musikern zu spielen. Viele sind auch heute noch Freunde, man hat noch Kontakt und arbeitet miteinander“, sagt Kern und lächelt versonnen in seinen Kaffee.

„Hast du Lust, auf Tour zu gehen?“

Wie kam es schließlich zum Engagement bei „Barock“? „Der Lead-Gitarrist und ich sind eigentlich schon ziemlich lange gut befreundet“, klärt Stefan Kern auf. Er kam irgendwann auf mich zu und fragte mich: ‚Hey Stefan, hast du Lust, auf Tour zu gehen?‘ Das war drei Wochen, bevor es losging.“ Kern hatte Lust, übte drei Wochen lang die Songs und startete mit „Barock“ durch. Seitdem ist er der Rhythmusgitarrist der Band, also für die Akkordbegleitung, zuständig und begeistert bei der Sache: „Es macht unglaublich Spaß, mit so guten Musikern auf der Bühne zu stehen und mein Bestes zu geben für einen der – in meinen Augen – besten Gitarristen der Welt.“ Gemeint ist Malcolm Young, der Gründer, Rhythmusgitarrist und Songwriter der australischen Hardrock-Band „AC/DC“ war und im November 2017 im Alter von 64 Jahren starb.

Wie „Barock“ auf der Bühne klingen, zeigt auch folgendes Video:

Kann man von der Musik leben?

Und wie sieht es auf der finanziellen Seite aus? Stefan Kern rutscht auf seinem Stuhl herum, lächelt aber. „Ja, es geht. Man kann davon leben. Natürlich mit Abstrichen“, sagt er. Es gebe Höhe und Tiefen – auch extreme Höhen und extreme Tiefen. „Manchmal war ich schon ziemlich pleite, manchmal habe ich richtig gut Geld. Ich bin aber auch ein recht genügsamer Mensch. Geld spielte noch nie die erste Geige in meinem Leben“, erklärt der Gitarrist. Aber das gehöre in der Musikbranche dazu. Das sei ja in allen freien kreativen Berufen so.

Und wenn Sie mal nicht Musik machen, Herr Kern?

„Dann fälle ich Bäume.“ Der „Barock“-Gitarrist lacht schallend. „Kein Scherz: Ich habe seit zwei Jahren einen sogenannten Spezialbaumdienst, den ich mit meinem Bruder betreibe. Wir machen sozusagen die Arbeit, die sonst keiner machen will“, erklärt Stefan Kern. „Unser Hauptgeschäft sind eigentlich Baumfällungen an schlecht zugänglichen Orten. Dabei seilen wir Äste ab. Die Bäume werden so quasi von oben nach unten abgetragen.“ Das sei auch ein sehr adrenalinreicher Job, fühle sich aber auch nicht wirklich nach „Arbeit“ an. Kern deutet mit den Fingern Gänsefüßchen an. Es mache einfach Spaß, so wie die Musik.

In luftiger Höhe arbeitet Stefan Kern, wenn die Gitarre einmal Pause hat. | Foto: Stefan Kern

„Rockstar“ werden wollen ist die falsche Einstellung

Und was würde Stefan Kern angehenden Berufsmusikern raten? Er schmunzelt kurz, antwortet dann aber ernst: „Mein Rat wäre: Es ist die falsche Einstellung, unbedingt erfolgreich oder direkt ‚Rockstar‘ werden zu wollen. Wenn man sich das Ziel setzt, dass man unbedingt einmal ausverkaufte Stadien oder goldene Schallplatten haben möchte, kann man leicht enttäuscht werden. Es sollte einem einfach um die Musik gehen. Dann kann man auch eigentlich nichts falsch machen.“

Wie geht es nun weiter?

An Plänen mangelt es Kern nicht. Als Nächstes stehen die zwei Auftritte mit „Barock“ am 29. und 30. März in der Festhalle im Karlsruher Stadtteil Durlach auf dem Programm. 2019 wolle er außerdem definitiv noch ein eigenes Album aufnehmen. „Ich habe im letzten Jahr echt viele Songs geschrieben und Lust, die rauszuhauen“, sagt der Gitarrist. Und mit einem Blick auf seine Arbeitshandschuhe fügt er lächelnd hinzu: „Und der ein oder andere Großbaum ist sicherlich auch noch fällig.“