Offenburg Prozess um getöteten Arzt
In Handschellen wird der 27-jährige Angeklagte vor Prozessbeginn in den Gerichtssaal in der Offenburger Moltkestraße gebracht. | Foto: Patrick Seeger

Prozess um getöteten Arzt

Eine Blutspur durch die Offenburger Innenstadt

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Kann man zu diesem Mann durchdringen? Richter Heinz Walter müht sich redlich im großen Saal des Offenburger Landgerichts: „Wir wollen wissen, was an diesem Tag in der Arztpraxis geschehen ist“, fragt er. Nicht zum ersten Mal. Die Antwort des 27 Jahre alten Angeklagten lässt die Menschen im vollen Saal in der Moltkestraße bitter auflachen: „Ich weiß gar nicht, was soll da passiert sein?“

Nicht zum ersten Mal scheitert der Versuch des ebenso beharrlich wie behutsam nachfragenden Gerichts, die Hintergründe der brutalen Bluttat zu erhellen, die am 16. August vergangenen Jahres die Menschen nicht nur in der Ortenau erschütterte. Ein weithin beliebter Hausarzt war in seiner Praxis erstochen worden – mit 20 Messerstichen in Kopf, Hals, Brust. Am Ende blieb das mutmaßlich für 1,99 Euro in einem Supermarkt gekaufte Messer im Körper des Mannes stecken.

Grausame Details, aber keine Hintergründe

Der Täter verletzte eine Assistentin des Arztes und flüchtete zu Fuß – eine Blutspur mehrere hundert Meter durch die Offenburger Innenstadt hinter sich herziehend. Zu Beginn des Prozesses gegen einen wenige Stunden nach dem Vorfall festgenommenen Asylbewerber aus Somalia gibt es grausame Details zu der mit extremer Gewalt ausgeführten Tat, aber rein gar nichts zu Motiv oder Hintergrund. Hatte der Mann zugestochen, weil er in einer Art Verfolgungswahn annahm, der Arzt hatte ihn bei einer Blutabnahme Jahre zuvor vergiftet? Die Anklage vermutet es.

Notiz über „Kündigung eines Arbeitsverhältnisses“

Es sind verschlungene Wege die, wenn überhaupt, zur Wahrheit führen. Der vielleicht aufschlussreichste Teil des ersten Verhandlungstags ereignet sich am späten Nachmittag, als der umsichtig leitende Richter Walter handschriftliche Notizen verliest, die in der Wohnung des Mannes gefunden wurden. Ein wirres Mantra aus krausem Behördendeutsch, aufgeschnappten Fachausdrücken und dem Wunsch, wieder nach Hause zurückzukehren, unterbrochen immer wieder von einem Halbsatz: „Kündigung des Arbeitsverhältnisses in der Probezeit.“

Offenburg Prozess getöteter Arzt
Polizei und Spurensicherung am Tatort, wo der Angeklagte den Arzt mit 20 Messerstichen getötet haben soll. | Foto: slr

War das der Wendepunkt im Leben des Asylbewerbers, der in seinem Job, wie der Ermittlungsleiter bei der Kripo berichtet, zunehmend seltsam geworden war – vor allem Frauen gegenüber? Warf das den Mann vollends aus der Bahn, bis er schließlich zum Messer griff? Oder spielt er dem Gericht nur etwas vor? Ein Zuhörer mutmaßt: „Der ist schlau.“

Sie werden eine ganze Weile nicht ins Ausland kommen

Der Schlüssel zum Ausgang des Verfahrens liegt beim psychiatrischen Sachverständigen Stephan Bork von der Uniklinik in Tübingen. Doch worauf will er seine Expertise stützen? Der Angeklagte lehnt es ab, mit dem Arzt zu reden, obwohl er immer wieder über sich geschrieben hatte und auch jetzt noch sagt, dass er krank sei. „Welche Krankheit denn?“ will der Richter wissen. Das sei seine Privatsache, erwidert der 27-jährige, der in Hand- und Fußfesseln vorgeführt wird. Das wolle er nur mit einem ausländischen Arzt besprechen. „Sie werden, so viel kann ich bereits sagen, eine ganze Weile nicht ins Ausland kommen“, kommentiert Walter. Der Angeklagte verzieht keine Miene.

Witwe leidet entsetzlich unter der Tat

Der Richter sorgt dafür, dass an diesem Tag nicht nur der mutmaßliche Täter im Mittelpunkt steht, sondern auch das Opfer. Er bittet dessen Bruder als ersten in den Zeugenstand („wir wollen uns ein Bild machen“), fragt ihn, was der Getötete für ein Mensch gewesen sei. „Er hat sich immer für Gerechtigkeit eingesetzt, schon von Kindesbeinen an“, sagt der Mittfünfziger, und aus seiner Aussage wird klar: Die Witwe des Arztes leidet entsetzlich an der zerstörerischen Tat, droht, daran zu zerbrechen.

Prozess geht bis Ende Februar weiter

Auch mehr als fünf Monate danach suche sie weiter nach Indizien, „den ganzen Tag lang“. Da ist die Rede von einem seltsamen Anruf, einer Drohung, von zerstochenen Fahrradreifen, alles nichts Handfestes, aber Ausdruck des Leidens, den die 20 Stiche mit dem 13 Zentimeter langen Küchenmesser über die Familie gebracht haben. Ob am Ende des Prozesses – anberaumt sind bis Ende Februar fünf weitere Verhandlungstage – ein gerechtes Urteil steht? Das Gericht hat eine enorme Aufgabe zu bewältigen.