Atemberaubende Akrobatik wie hier von der kanadischen Formation "Quatuor Stomp" ist bei "tete-à-tete" bei freiem Eintritt zu erleben. | Foto: Jüttner

Eindrücke vom tête-à-tête

Straßentheater in Rastatt: Trotz Hitze volles Tempo

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Immer diese Handys! Wie kann man denn nur dauertelefonierend durch eine von Straßentheater vibrierende Fußgängerzone wie beim „tête-à-tête“ in Rastatt laufen? Aber Moment mal: Diese drei Herrschaften in grellem Weiß, die da unablässig quatschen und Selfies machen, benehmen sich ohnehin merkwürdig: Hier stibitzen sie einer Passantin den Eisbecher, dort klettern sie auf einen Straßencafé-Tisch, um besseren Empfang zu kriegen, und wer sich auf eine Selfie-Pose mit ihnen einlässt, muss damit rechnen, statt des eigenen Handys plötzlich eines ihrer Geräte in der Hand zu haben. Die sind natürlich nicht eingeschaltet, und das Trio telefoniert auch nicht wirklich. Der Walking-Act „Distracted“ (deutsch: Abgelenkt) führt witzig und temporeich die absurden Auswüchse der chronischen Smartphone-Nutzung vor Augen.

Immer am Handy: Die Mitwirkenden der Performance „Distracted“. | Foto: Jüttner

Aber klar: Smartphones sind heutzutage unumgänglich. Und beim „tête-à-tête“ können sie unter anderem helfen, indem man über die Köpfe der Vorderleute ein Foto macht, um die Bühne wenigstens zu erahnen. Denn beim größten deutschen Straßentheaterfestival, das in diesem Jahr sein 25-jähriges Bestehen feiert, empfiehlt es sich, bei den Aufführungen früh dran zu sein.

Früh dran sein – oder den Hals strecken

Wer weder einen Platz in den vorderen Reihen bekommt oder leere Getränkekisten bei sich hat (wie es erfahrene Festivalgänger tun), dürfte sich wohl einen Partner wünschten, wie Richard Kimberley ihn hat: Der schlaksige schnauzbärtige Zylinderträger des Musik-Comedy-Duos „Barada Street“ steigt beim Ukulele-Spielen vor der Kirche am Marktplatz immer wieder auf den knuddligen Melonenträger Juri Kussmaul wie auf ein Podest.

Beim Weiterziehen hatte sicher mancher Besucher den Hauptsong des Duos, „Nantes“ von der Band Beirut, im Ohr – zumindest so lange, bis ihm die Marching Band „Mr Wilson’s Second Liners“ über den Weg lief. Die britische Kapelle drehte Pophits von Massive Attacks „Teardrop“ bis New Orders „Blue Monday“ durch den Mixer ihres mitreißenden Blechbläser- und Trommelsounds. Bei etwas weniger Hitze am Fronleichnamstag hätte sich der Marktplatz da wohl in eine Tanzfläche verwandelt, so wie es am frühen Abend am Fasener Platz geschah.

Aber während das Publikum entscheiden darf, ob es sich bewegt oder nicht, gibt es für die Künstler keine Gnade. So ließ das kanadische Artisten-Quartett „Quatuor Stomp“ sich am ersten Festivaltag nicht von den brütenden Temperaturen abhalten, im Kulturforum eine fulminante Show abzuziehen. Allein was diese vier Herren mit drei Sprungseilen (gleichzeitig!) anstellten, war hinreißend, aber auch furiose Jonglage und akrobatische Sprünge waren geboten. Und alles kam auf Publikumskommando: Die Show heißt „What’s next?“, und was als nächstes kommt, entscheiden die Besucher per Würfelwurf.

Charmant albernes Magierduo

Eine andere Form, aus dem alten Prinzip der Publikumswünsche neue Humorfunken zu schlagen, gab’s beim charmant  albernen Magier-Duo Siegfried & Joy zu erleben, das „Freiwillige“ auf die Bühne holte und deren Text („Ja, das ist ein ganz normales Kartenspiel“) mit piepsig verstellter Stimme selbst durchs Mikro sprach. Die tatsächlich verblüffenden Tricks waren mitunter fast nur Zugabe zum augenzwinkernden Entertainment.

Zwei Quatschköpfe mit magischen Händchen: Siegfried & Joy. | Foto: Jüttner

Auch große Wirkung mit kleinem Aufwand gibt’s beim Festival, etwa vom Duo Joshua Monten: „Kill Your Darlings“ ist ein männlicher Pas de Deux, der sich von einer artistischen Variante des Schulhofspiels „Himmel und Hölle“ zur Kreidestaub-Schlacht auswächst.

Mit Kreide auf den Boden zeichnen kann jeder. Aber nicht, wie es bei „Kill Your Darlings“ passiert. | Foto: Jüttner

Und zu den zahlreichen Deutschland-Premieren gehörte das Stück „Tarft L’Khobz“ der Compagnie „Accroches Toi“ aus Marokko – ein so kraftvolles wie poetisches Spiel über harte Arbeitsbedingungen auf einer Baustelle, über Hierarchien und Machtgerangel, mit starken Balance- und Parkour-Einlagen. Und all das war nur ein kleiner Ausschnitt aus einem Programm, angesichts dessen 47 Gruppen man sich wünscht, alle Festivaltage komplett zu erleben.

Akrobatik mit Anliegen zeigte die marokkanische Compagnie „Accroches Toi“. | Foto: Jüttner