Der schwäbische Bekleidungshersteller Trigema näht nun Mundschutzmasken. Eine Unternehmerin aus Baden hält das für gefährlich.
Der schwäbische Bekleidungshersteller Trigema näht nun Mundschutzmasken. Eine Unternehmerin aus Baden hält das für gefährlich. | Foto: dpa

Corona-Krise ausgenutzt?

Rastatter Schutzmasken-Hersteller erhebt schwere Vorwürfe gegen Textilfirma Trigema

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In der Corona-Krise fehlen Schutzmasken für Mediziner und Pflegekräfte. Der schwäbische Textilhersteller Trigema hat reagiert und produziert nun einen „wiederverwendbaren Mundschutz“ aus Stoff. Doch die Spezialfirma Dach aus Rastatt übt heftige Kritik daran. Sie will möglichst schnell eine eigene Produktion starten: für bis zu 1,5 Millionen Schutzmasken am Tag.

Wolfgang Grupp hat die Zeichen der Zeit schnell erkannt. Der schwäbische Textilhersteller – auch als „König von Burladingen“ bekannt – hat ein neues Produkt im Programm: einen waschbaren Mundschutz aus weißem Stoff.

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„In der aktuellen Corona-Krise wird dringend Schutzbekleidung benötigt“, heißt es dazu auf der Internetseite seiner Firma. „Trigema hat seine Produktion daher umgestellt, um ab sofort dem Mundschutz-Mangel entgegenzuwirken.“

Das ist in etwa so, wie wenn Sie eine Kapuze als Fahrradhelm verkaufen.

Ming Gutsche, Geschäftsführerin der Rastatter Firma Dach

Diese Woche will Grupp bis zu 60.000 Stück herstellen, nächste Woche die Produktion auf 100.000 Stück hochfahren. Zahlreiche Bestellungen aus Krankenhäusern, Pflegeheimen, Arztpraxen und anderen Bereichen lägen ihm bereits vor, sagt der Unternehmer. Doch was bringt dieses Stück Stoff gegen den Virus?

„Nichts“, sagt Ming Gutsche, Geschäftsführerin der Rastatter Firma Dach, die auf medizinische Schutzausrüstung spezialisiert ist. „Das ist in etwa so, wie wenn Sie eine Kapuze als Fahrradhelm verkaufen.“

Vorwurf der Geschäftemacherei mit Covid-19

Dem Trigema-Chef wirft sie Geschäftemacherei vor. Denn über seinen Online-Shop bietet er die angeblichen Schutztücher auch Privatpersonen an – im Zehnerpack für 120 Euro.

In einer schriftlichen Stellungnahme der Firma Dach heißt es dazu: „Wir halten es für unverantwortlich und gefährlich, in Zeiten der Not Produkte auf den Markt zu bringen, um mit der begründeten Sorge der Menschen Profit zu machen, obwohl die Produkte keinerlei reale Schutzwirkung entfalten.“

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Die Einmal-Masken von Dach erfüllen je nach Schutzkategorie unterschiedlich strenge Anforderungen, sind aber alle offiziell als Medizinprodukte zertifiziert. Textilmasken wie die von Trigema hingegen „verfügen über keinerlei Filterwirkung zum Schutz vor Bakterien oder Viren und insbesondere auch nicht vor dem Coronavirus“, bemängelt das Rastatter Unternehmen.

„Sie sind für den Einsatz in Krankenhäusern nicht nur völlig ungeeignet sondern auch gefährlich. Sie sind auch nicht geeignet, die Übertragung des Virus etwa in Altenheimen, Behörden oder Firmen zu verhindern oder auch nur zu behindern.“

Textilfabrikant Grupp: Ich wurde gebeten zu helfen

Trigema-Chef Grupp entgegnet: „Ich habe mir den Mund- und Nasenschutz nicht ausgedacht, um in einer Krisensituation Geld zu verdienen, sondern weil man mich darum gebeten hat zu helfen.“ Kliniken seien auf ihn zugekommen und hätten gefragt, ob Trigema solche Schutzmasken herstellen könne.

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„Dabei war von vornherein klar, dass ich kein Produkt anbieten kann, dass die hohen Standards für zertifizierte Medizinprodukte erfüllt“, betont der findige Unternehmer. „Ich bin Textilhersteller, kein Spezialist für medizintechnische Produkte. Aber wenn eine Pflegekraft Essen ins Zimmer bringt, muss sie keinen Mundschutz wie im Operationssaal tragen.“

Ming Gutsche würde sich dieser Tage eigentlich lieber mit dem eigenen Unternehmen beschäftigen als mit der neuen Konkurrenz aus Burladingen. Sie baut gerade eine eigene Produktion am Firmensitz auf, um von den bisherigen Lieferanten in China unabhängiger zu werden. „In der Corona-Krise zeigt sich die Kehrseite der Globalisierung: Seit zwei Monaten bekommen wir keine Lieferungen mehr“, sagt Gutsche.

Schutz vor Coronavirus: Im Mai soll die Produktion in Rastatt starten

Da es noch dauert, bis das geplante Produktionsgebäude in Rastatt gebaut werden kann, hat Dach jetzt eine Lagerhalle umfunktioniert. Dort soll eine voll automatisierte Produktionsanlage aufgebaut werden. „Ab Mai können wir dann bis zu 1,5 Millionen Schutzmasken pro Tag produzieren“, sagt Gutsche.

Und zwar sowohl die einfacheren chirurgischen Gesichtsmasken als auch die besser schützenden Atemschutzmasken der Kategorien FFP-2 und FFP-3. Sie sind derzeit in Deutschland und Europa Mangelware, werden aber auf den Isolier- und Intensivstationen dringend benötigt.

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Ein Exportverbot für medizinische Schutzausrüstung, das die Bundesregierung Anfang März kurzfristig erlassen hat, wurde inzwischen schon wieder aufgehoben. Innerhalb der Europäischen Union gab es heftige Kritik daran – unter anderem aus Österreich. Nun gelten Ausfuhrbeschränkungen nur, wenn Drittstaaten außerhalb der EU beliefert werden.

Trigema-Chef Grupp muss sich darum nicht kümmern. Denn sein „wiederverwendbarer Mundschutz“ aus einem Baumwoll-Polyester-Gemisch gilt nicht als medizinische Schutzausrüstung.

Darauf weist er in seinem Online-Shop zwar auch hin: „Noch keine Zertifizierung und nicht medizinisch geprüft“, heißt es Kleingedruckten. Doch direkt danach folgt der Hinweis: „Medizinische Einrichtungen sowie Pflegeeinrichtungen werden vorrangig beliefert.“