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Verzicht auf Wiederwahl

Dekan Thomas Jammerthal lockt eine neue Herausforderung in Karlsruhe

Nach 16 Jahren als Dekan des Evangelischen Kirchenbezirks Baden-Baden und Rastatt wechselt Thomas Jammerthal in das Personalreferat des Oberkirchenrats nach Karlsruhe.

Vermittler bei Gemeinden und Pfarrern: Thomas Jammerthal, Dekan des Evangelischen Kirchenbezirks Baden-Baden und Rastatt, ist vor allem bei Konflikten gefordert. Foto: Rudolphi

Mit 57 Jahren denken viele bereits an den Ruhestand, der sich am Horizont abzeichnet. Sich beruflich neu orientieren – für die meisten Menschen in diesem Alter ist das kein Thema, geschweige denn eine verlockende Option. Nicht so für Thomas Jammerthal. Der Dekan des Evangelischen Kirchenbezirks Baden-Baden und Rastatt will es noch einmal wissen.

Der Vater von drei Kindern, die schon aus dem Haus sind, hat entschieden, sich nach zwei Amtsperioden nicht wieder zur Wahl zu stellen, sondern eine neue Herausforderung zu suchen: Er wechselt zum 1. September in den Evangelischen Oberkirchenrat nach Karlsruhe und übernimmt dort eine Stelle im Personalreferat.

„16 Jahre sind eine lange Zeit und ich denke, bei Wahlämtern, was das Dekanat ja ist, ist es gut, wenn es nach einer gewissen Periode einen personellen Wechsel gibt“, erläutert Jammerthal im Gespräch mit unserer Redaktion. In einer langen Amtszeit werde vieles zur Routine, was für die Arbeit nicht immer vorteilhaft sei.

Auch der Führungsstil passe manchen, anderen nicht. „Deshalb ist es ratsam, nicht ewig auf derselben Stelle zu sitzen“, betont Jammerthal. „Ein Wechsel ist gut für mich, aber auch für den Kirchenbezirk, weil er neue Ideen mit sich bringt.“

Die Verwaltungsarbeit macht den größten Teil aus

Der Dekan weist darauf hin, dass die Arbeit sich in den vergangenen Jahren stark verändert habe. Er habe als Pfarrer der damaligen Markus-Gemeinde und als Dekan begonnen. Traditionell habe es früher ein nebenamtliches Dekanat gegeben. Mittlerweile verlagere die Landeskirche zunehmend mehr Aufgaben auf die mittlere Verwaltungsebene, sodass kaum ein Dekan noch eine Pfarrstelle innehabe.

Auch seine Nachfolge werde nur noch zu 30 Prozent an der Stadtkirche arbeiten. „Ich bin sozusagen ein Auslauf-Modell. Ich hatte noch beides“, meint der Seelsorger.

x Baden-Baden Januar 2017 Evangelische Stadtkirche Foto: Ottmüller

Was sind wesentliche Aufgaben eines Dekans? Jammerthal schmunzelt: „Wir haben in Baden noch den alten preußischen Dienstweg. Das heißt, aller Schriftverkehr der Gemeinden und der Pfarrer mit dem Oberkirchenrat läuft über meinen Schreibtisch und wieder zurück.“ Der Dekan habe deshalb eine gewisse Vermittlerfunktion.

„Ich bin jedoch nicht der Seelsorger der 23 Pfarrerinnen und Pfarrer, sondern deren Dienstvorgesetzter“, stellt Jammerthal klar. Diese Verantwortung sei ihm jedoch leicht gefallen, da die Menschen ihm ein hohes Vertrauen entgegengebracht hätten. „Ich glaube, mir ist es in den 16 Jahren gelungen, mit den Kollegen und Gemeinden in ein gutes Gespräch zu kommen“, resümiert Jammerthal.

Konflikte belasten die Arbeit

Er verhehlt aber nicht, dass es gelegentlich Konflikte gegeben habe, in denen er als „Troubleshooter“ gefordert gewesen sei. „Das war sehr belastend. Ich habe jedoch immer versucht, damit fair und transparent umzugehen. Aber da bleiben natürlich Wunden zurück.“

Jammerthal nennt als Beispiele die Friedensgemeinde, die mit ihrem damaligen Pfarrer nicht zurechtgekommen sei. Oder die Paulusgemeinde, die ein Missbrauchsfall des früheren Pfarrers erschüttert hat. Hinzu kamen einige lange Vakanzen. „Derzeit sieht es so aus, dass wir bis Dezember alle Pfarrstellen, auch Bühlertal, wieder besetzen können“, betont der Dekan.

Der Trend zu Kirchenaustritten halte allerdings an. Zu Beginn seiner Amtszeit habe der Kirchenbezirk etwa 51.000 Mitglieder gezählt, jetzt seien es rund 47.000. Eine neue Entwicklung sei, dass nicht nur vorwiegend junge, sondern auch vermehrt Menschen über 60 austräten.

Jammerthal erklärt dies vor allem mit einer wachsenden Tendenz zur Individualisierung und einem nachlassenden Vertrauen in die Institutionen.

Die traditionellen Angebote sprechen viele Menschen nicht mehr an

Aber auch der demografische Faktor spiele eine Rolle. Hinzu komme, dass traditionelle kirchliche Angebote die Menschen oft nicht mehr ansprächen. „Obwohl es auch vorkommt, dass jemand neu eintritt“, bekräftigt der Dekan und nennt als Beispiel einen Ingenieur aus der früheren DDR, der sich taufen ließ. Heute sei dieser Mann Kirchenältester in der Stadtkirchengemeinde.

Die Kirchenaustritte bleiben Jammerthal zufolge nicht ohne Konsequenzen für die Strukturen. Immer mehr Gemeinden wie beispielsweise in Gaggenau schlössen sich zusammen, um bei der Verwaltung Synergien zu erzielen.

Ein weiteres Problem: Viele Immobilien sind nicht mehr erforderlich „Gaggenau und Forbach haben bereits Kirchen verkauft“, erklärt Jammerthal. Andere Gemeinden veräußerten ebenfalls einen Teil ihrer Gebäude, weil sie diese nicht mehr brauchen oder unterhalten können. „Da tut sich einiges“, versichert der Dekan.

Die Ökumene benötigt weitere Impulse

Jammerthal sieht in der Ökumene ein Instrument, um Kirche wieder für mehr Menschen attraktiver zu machen. „Ich habe regelmäßige Gespräche mit den katholischen Dekanen und wir organisieren viele gemeinsame Aktionen“, berichtet er. Zudem gebe es informelle Treffen mit den politischen Abgeordneten und den Rathausspitzen, um aktuelle gesellschaftliche Themen zu besprechen.

Jammerthal macht allerdings keinen Hehl daraus, dass die Ökumene nicht mehr den Schwung wie noch zu den 1990er-Jahren habe. „Im Vergleich zu anderen Landesteilen sind wir aber auf einem sehr guten Weg.“

Zu den Erfolgen seiner beiden Amtsperioden zählt Jammerthal unter anderem den Gebäude-Masterplan, den viele Gemeinden inzwischen vorangebracht hätten. Aber auch das Diakonische Werk habe sich weiterentwickelt, auf gesellschaftliche Entwicklungen reagiert und beispielsweise eine Schuldner-Beratung eingerichtet sowie einen Diakonie-Laden eröffnet.

„Diese Dinge waren erfolgreich, weil alle Beteiligten mitgemacht haben“, lobt Jammerthal das Engagement aller Beteiligten. Zudem sei es inzwischen gelungen, Rastatt komplett in das Baden-Badener Service- und Verwaltungsamt zu integrieren. Vor wenigen Jahren sei das noch nahezu undenkbar gewesen. „Bis vor Kurzem war das eine ganz heiße Kiste.“

Thomas Jammerthal bleibt in Baden-Baden wohnen

Jammerthal zählt mittlerweile zu den Dienstältesten im Kirchenbezirk. Es habe ihn zunächst gereizt, nach der Dekanatszeit wieder als Pfarrer in einer Gemeinde zu arbeiten. Dann sei jedoch die Anfrage aus dem Oberkirchenrat gekommen, dort das Personalreferat zu verstärken und seine Erfahrungen einzubringen.

„Das hat mich dazu gebracht, mich auf diese Herausforderung einzulassen. Das ist eine neue motivierende Aufgabe für mich“, ist der Dekan überzeugt. Trotz des beruflichen Wechsels in die Fächerstadt werde er in Baden-Baden wohnen bleiben: „Mir fällt es einfach schwer, von dieser Stadt wegzugehen.“

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