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Steinbach hatte bis 1978 einen richtigen Bahnhof

Als pinkelnde Kühe den Stellwerker in Steinbach zur Verzweiflung brachten

Steinbach hatte einst einen richtigen Bahnhof mit Empfangsgebäude. Und es gibt viele Geschichten die sich um die 1978 abgerissene Station ranken.

Längst Geschichte: An der international bedeutenden Rheintalmagistrale stand bis 1978 das einstmals schmucke Empfangsgebäude des Steinbacher Bahnhofs aus der Frühzeit der Eisenbahn. Foto: Stadtmuseum/-archiv Baden-Baden

Es war im Januar 1945, kurz vor Kriegsende, als sich im Bahnhof Steinbach ein Eisenbahnunglück ereignete, das heute für mächtige Schlagzeilen sorgen würde. Ein Güterzug fuhr von Bühl Richtung Norden. Etwa zehn Wagen hingen an der Dampflok, einer schweren Güterzug-Maschine der Baureihe 44 oder 50.

In Steinbach musste der Zug wegen einer Überholung aufs westliche Gleis. „Der Lokführer hat sich verbremst”, berichtet Konrad Velten, der Zug rollte zu früh aus. Der Meister auf dem Führerstand machte den Regler noch mal auf, gab also Gas, etwas zu viel allerdings. Die Maschine schleuderte, der Prellbock nahte. Das Personal sprang ab.

„Der Zug krachte in den Prellbock, die Güterwagen schoben sich ineinander. Die Lok rutschte auf die Straße”, so Velten weiter. Dort blieb das Dampfross dann auch auf Geheiß der örtlichen Nazi-Machthaber als Panzersperre. „Da kam man gerade noch mit einem Handkarren durch.” Einen kriegsentscheidenden Vorteil brachte das Hindernis nicht, am 8. Mai 1945 kapitulierte Deutschland, bis im Sommer war die Lok von der Straße geräumt.

Konrad Velten, der Leiter des Rebland-Museums, kennt wie kaum ein anderer die Geschichten und Anekdoten rund um die Eisenbahn in Steinbach, Sinzheim und Baden-Baden. Als Jungwerker absolvierte er von 1952 bis 1956 seine Eisenbahner-Lehrzeit am Bahnhof Sinzheim.

Der steht noch - im Gegensatz zum Steinbacher Stationsgebäude - und wird heute als Wohnaus genutzt. Und als Lehrling musste Velten im Winter immer nach Steinbach, um die rund 15 Weichen mit dem Handbesen vom Schnee zu befreien. Weichenheizungen gab es erst später. „Diese Arbeit war ziemlich gefährlich”, erinnert sich der 82-Jährige, denn der Zugverkehr rollte unaufhörlich, und bei Schnee war kaum etwas zu hören.

Stolze Dampfloks

Bis zum 5. Juli 1957, als die Elektrifizierung der Strecke abgeschlossen war, hatten Dampfloks das Sagen. Die stolzen, hochbeinigen 01-er mit ihren Schnellzügen hielten natürlich nicht in Steinbach, aber die Baureihe 39, Zugpferd vor den Personenzügen zwischen Offenburg und Karlsruhe, machte im heutigen Baden-Badener Stadtteil Station.

Das Fahrgastaufkommen bewegte sich in überschaubaren Grenzen, so Velten, „wer weiter weg fuhr, begann seine Reise in der Regel in Bühl, dort hielten die Eilzüge.” Und dennoch: Steinbach war kein schlichter Haltepunkt, so wie heute die Stadtbahn-Station Rebland. Es war ein Bahnhof. Dessen Belegschaft belief sich auf neun bis zehn Mann, die zuständig waren für die Fahrdienstleitung (24 Stunden, Schichtbetrieb), das Expressgut und das Reisegepäck sowie die Güterhalle. Der Bahnhofschef hatte im Empfangsgebäude eine Dienstwohnung.

Täglich rollte ein Leig (Leichter Güterzug) nach Steinbach. Obst wurde verladen, und „die Winzergenossenschaften aus Steinbach, Neuweier und Varnhalt waren stark präsent. Sie verschickten ihren Wein”, so Velten. Er war dann von 1973 bis 1983 Fahrdienstleiter sowie Aufsichtsbeamter in Baden-Baden und ab 1983 im technischen Dienst in Karlsruhe beschäftigt.

Wer heute am Haltepunkt Rebland auf die Stadtbahn wartet, eingebunkert zwischen Schallschutzwänden aus Beton, dem wird nicht gewahr, das Steinbach einstmals einen richtigen Bahnhof hatte, dass es früher, statt der Überführung der Straße von Steinbach nach Weitenung, Bahnschranken gab. „Der Übergang war nicht ohne”, erinnert sich Velten.

Kam ein schwer beladenes Kuhfuhrwerk, war der Stellwerker, der die Schranken bediente, schon alarmiert. Nicht nur einmal stoppten die Kühe auf den Gleisen, holten nach der mit Mühe bewältigten Steigung zum Bahndamm Luft oder pinkelten. „Wenn dann der Zug nahte, hat der Stellerwerker schon mal aus dem Fenster gebrüllt.”

Gefürchtet waren zu Dampfzeiten die schnellen Renner der Baureihen 01 oder 18 (die legendäre badische Sprinterin), die mit ordentlichen Tempo heranrasten. Als dann die E-Loks der Baureihe 10 übernahmen, wurde die Geschwindigkeit noch höher. Aber da verschwanden die Kühe schon aus dem Straßenverkehr.

1978 läutete dann das Totenglöcklein des Steinbacher Bahnhofs mit seiner beträchtlichen Vita. Wie Roland Seiter in seiner 2008 zum Stadtrechtsjubiläum verfassten Steinbacher Chronik schreibt, bat das Bürgermeisteramt Steinbach schon 1843 darum, also in der Frühzeit der Eisenbahn, ein Stationsgebäude bauen zu dürfen.

Seit 2004 rollen in Steinbach wieder Züge

Im Februar 1844 wurde der Bau genehmigt, am 1. Juni 1844 fuhr der erste Zug zwischen Oos und Offenburg und hielt auch in Steinbach. Im Jahr 1868 bekam Steinbach eine Güterhalle. Dem Abriss des Empfangsgebäudes aus der frühen Zeit der badischen Staatsbahn weinte jedoch kaum jemand nach.

„Als in den 1960-er-Jahren immer mehr Menschen ein Auto hatten, ging das ohnehin nicht so große Fahrgastaufkommen zurück”, so Konrad Velten. Steinbach brauchte seinen Bahnhof nicht mehr, der zudem doch recht abgelegen war. Seit 2004 kann man von Steinbach aus wieder mit dem Zug vereisen, denn da wurde der Haltepunkt Rebland in Betrieb genommen. Etwa alle halbe Stunde fährt eine Stadtbahn Richtung Bühl oder Baden-Baden.

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