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Masterarbeit sucht Lösungen für die berühmte Panoramastraße im Nordschwarzwald

Bühler Architekt sucht nach Verbesserungen für die Schwarzwaldhochstraße

Ruinen und geschlossene Hotels prägen das Bild der Schwarzwaldhochstraße. Der Architekt Johannes Bäuerle hat an der Kunstakademie Stuttgart seine Masterarbeit über die berühmte Panoramastraße geschrieben und sucht nach einem Weg aus der Krise.

In seiner Masterarbeit hat Johannes Bäuerle die Idee für 16 kleine Stationen für die Schwarzwaldhochstraße entwickelt. Vier hat er exemplarisch ausgearbeitet. Eine ist ein Waldbad beim Plättig. Foto: Johannnes Bäuerle

Die Schwarzwaldhochstraße befindet sich seit Jahrzehnten in der Dauerkrise. Der aus Lauf stammende Architekt Johannes Bäuerle, der am Technischen Gymnasium in Bühl Abitur gemacht hat, hat an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart seine Masterarbeit über die Schwarzwaldhochstraße geschrieben und Lösungsansätze entwickelt. Unser Redaktionsmitglied Ulrich Coenen hat sich mit Bäuerle über seine Ideen unterhalten.

Johannes Bäuerle ist Architekt und hat seine Masterarbeit über die Schwarzwaldhochstraße geschrieben. Foto: Ulrich Coenen

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Ihre Masterarbeit über die Schwarzwaldhochstraße zu schreiben?
Johannes Bäuerle

Meine Mutter stammt aus Hundsbach. Mir sind die Höhenregion und die Bauten entlang der Höhenstraßen daher von klein auf bekannt. Die Höhenhotels zeugen, trotz Schließung und stetigem Verfall, von einer großen touristischen Zeitepoche. Die Schwarzwaldhochstraße hat meiner Meinung nach bis heute viel ungenutztes Potenzial.

Haben Sie mir Ihrer Masterarbeit mehr einen wissenschaftlichen Ansatz verfolgt oder stand die Entwurfsarbeit im Vordergrund?
Bäuerle

Das eine geht nicht ohne das andere. Man benötigt ein theoretisch fundiertes Konzept, aus dem man Architektur entwickeln kann. Ein schönes Haus allein in der Landschaft, losgelöst von Typus und Topografie, funktioniert nicht.

2015 hat sich bereits der Architekt Sascha Matt in seiner Masterarbeit am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) mit der Schwarzwaldhochstraße beschäftigt. Diese Zeitung hat ausführlich berichtet.
Bäuerle

Ich kenne die Arbeit und hatte auch Kontakt zu Sascha Matt. Er will mit seinem Entwurf für einen Hotelneubau auf Hundseck einen neuen Leuchtturm an die Schwarzwaldhochstraße setzen. Matt hat einen Impuls gegeben. Allerdings brauchen wir entlang der Schwarzwaldhochstraße nicht nur spektakuläre Leuchtturmprojekte.

Können Architekten an der Schwarzwaldhochstraße überhaupt noch etwas bewirken oder ist das die Sache von Politikern und Investoren?
Bäuerle

Der Runde Tisch, den der baden-württembergische Justizminister Guido Wolf bei seinem Besuch auf Einladung des Vereins Kulturerbe Schwarzwaldhochstraße kürzlich angekündigt hat, ist ein Anfang. Ohne Politiker und Investoren wird es nicht gehen. Wichtig ist aber, dass Architekten von Anfang an mit im Boot sind. Wir brauchen einen architektonischen Masterplan, der den Gestaltungsrahmen vorgibt.

Die Schwarzwaldhochstraße grenzt an den neuen Nationalpark. Ist das eine Chance?
Bäuerle

Sicher! Es gibt neue Fördertöpfe und es entsteht ein neuer Anziehungspunkt. Es ist aber wichtig, dass jetzt keine Glücksritter Einzelprojekte realisieren. Wir brauchen eine einheitliche Linie.

Was halten Sie vom neuen Besucherzentrum Ruhestein, das nach einem Entwurf des Büros Sturm und Wartzek gebaut wird und kurz vor der Fertigstellung steht?
Bäuerle

Ich halte es konzeptionell für gelungen. Mir gefällt auch, dass das Land einen Wettbewerb ausgelobt hat. Man spürt, dass die Architekten sich mit dem Ort auseinandergesetzt haben. Eine ortstypische Architektur ist es aber nicht geworden. Entstanden ist ein Leuchtturm, der eine Fernwirkung entfalten kann.

Das denkmalgeschützte Kurhaus Sand ist seit vielen Jahren geschlossen. Es gehört der Stiftung „Paradiesbau auf Erden“, die offensichtlich nicht in der Lage ist, das große Gebäude einer neuen sinnvollen Aufgabe zuzuführen?
Bäuerle

Dort sind tiefgreifende Investitionen notwendig, die sich nicht für eine Generation rechnen. Das geht nur als Familienprojekt, wie es früher an der Schwarzwaldhochstraße üblich war, oder eben als Liebhaberobjekt für einen Millionär. Alleine die Sanierung der Holzfassade mit ihren zahlreichen Schmuckdetails ist extrem aufwendig und würde mit den Dächern eine zweistellige Millionensumme verschlingen. Die Herausforderung wird es auch sein, Handwerker zu finden, die diese Arbeit noch beherrschen. Mein Ansatz für den Innenraum ist die Zusammenlegung von jeweils zwei Zimmern, um heutigen Hotelstandard zu erreichen, gleichzeitig aber die Grundrissstruktur zu erhalten. Das einzigartige originale Inventar aus der Zeit um 1900 lässt sich integrieren, schließt aber bestimmte Nutzergruppen von vorneherein aus. Klassenfahrten würden nicht möglich sein. Wir brauchen aber auch solche Angebote an der Schwarzwaldhochstraße.

Der größte Problemfall ist das seit 2010 fast durchgehend geschlossene Schlosshotel Bühlerhöhe. Als Werk des bedeutenden Architekten Wilhelm Kreis ist es ein Denkmal nach Paragraf 12 des baden-württembergischen Denkmalschutzgesetzes, also ein „Denkmal von besonderer Bedeutung“.
Bäuerle

Die Bühlerhöhe ist ein Opfer des allgemeinen Niedergangs der Schwarzwaldhochstraße. Das Schloss ist ein Juwel, das Problem aber im Grunde ähnlich wie beim Kurhaus Sand. Wenn man den Sand aufwendig saniert, entsteht ein neues Fünf-Sterne-Hotel neben der Bühlerhöhe. Dann existieren zwei Top-Adressen in unmittelbarer Nachbarschaft. Wir brauchen aber ein Konzept für die Schwarzwaldhochstraße, das die breite Masse anspricht und nicht nur die Schönen und die Reichen.

Welche Architektursprache ist für Neubauten an der Schwarzwaldhochstraße denkbar?
Bäuerle

In meiner Masterarbeit gehe ich von 16 kleine Stationen aus, von denen ich vier exemplarisch ausgearbeitet habe. Das sind ein Waldbad beim Plättig, Baumhäuser am Seibelseckle, ein Wisentstall auf der Grinde und ein Bienenstock-Haus bei der Zuflucht. Dafür habe ich vier Formensprache entwickelt, die aus meiner Sicht passen. Ich habe Typologien, die im Nordschwarzwald vorhanden sind, modern gedacht. Es dürfen keine neuen Bausünden entstehen, aber eben auch kein Disneyland.

Was halten Sie vom erheblichem Verkehrsaufkommen an der Schwarzwaldhochstraße und den Motorradfahrern, die gerade im Sommer in der Kritik stehen?
Bäuerle

Wir benötigen ein neues Verkehrskonzept. Die Schwarzwaldhochstraße muss entschleunigt werden. Der Lkw-Verkehr muss mit Ausnahme des Anlieferverkehrs verschwinden. Eine Geschwindigkeitsbegrenzung auf 50 Stundenkilometern mit 30 Kilometer-Zonen in speziellen Bereichen ist sinnvoll. Zusätzlich brauchen wir einen gut getaktete und preiswerten ÖPNV. Dann reisen die Menschen vielleicht weniger nach Ibiza und Ischgl und stattdessen wieder an die Schwarzwaldhochstraße.

Wie geht es weiter?
Bäuerle

Die Strecke von Baden-Baden nach Freudenstadt ist eine Perlenkette. Man darf aber nicht nur über einzelne Objekte sprechen, so reizvoll diese auch sein mögen. Wir brauchen ein übergeordnetes Konzept, das die umliegenden Ortschaften wie Herrenwies oder Hundsbach einschließt. Die Zeit brennt. Der Bestand, der dort oben ungeheizt rumsteht, wird nicht besser. Für die zukünftige Planung spielen die Eigentümer ebenso eine Rolle wie die zahlreichen angrenzenden Kommunen. Ich finde die Idee des Vereins Kulturerbe Schwarzwaldhochstraße, im Kurhaus Sand ein Skimuseum einzurichten, reizvoll. Aber das alleine wird die Schwarzwaldhochstraße nicht retten. Wir dürfen nicht nur objektbezogen denken. Alle müssen an einen Tisch und an einem Strang ziehen. Das geht nur mit Unterstützung auf Landesebene.

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