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Interview mit Ortsvorsteher Manuel Royal

Bühl-Vimbuch pflegt Austausch mit elsässischem Mommenheim: „Eine Partnerschaft ist auch Friedenspolitik“

Was machen die Elsässer anders als die Badener? Der Bühler Stadtteil Vimbuch pflegt eine Partnerschaft mit Mommenheim. Ortsvorsteher Manuel Royal weiß von Unterschieden zu berichten - und schwierigen Corona-Wochen in Mommenheim.

Am Start in Mommenheim: Nicht nur bei der Benefizveranstaltung „Rock ‘n’ Run“ (hier im Sommer 2019) sind zahlreiche Besucher aus Vimbuch in der elsässischen Partnergemeinde zu Besuch. Foto: Gunther Leppert

Die Partnerschaft mit der elsässischen Gemeinde Mommenheim hat für den Bühler Stadtteil Vimbuch eine sehr große Bedeutung. Seit Anfang der 1960er Jahre wird die Beziehung gepflegt, 2004 wurde eine offizielle Partnerschaftsurkunde unterzeichnet.

Die nur geringe Entfernung zwischen den beiden Orten ermöglicht einen intensiven Austausch, wie der Vimbucher Ortsvorsteher Manuel Royal im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Wilfried Lienhard berichtet.

Manuel Royal, Ortsvorsteher von Bühl-Vimbuch. Foto: Wilfried Lienhard

Welche Bedeutung hat die Partnerschaft mit Mommenheim für Vimbuch?
Royal

Eine sehr, sehr große, und nicht nur, weil es die einzige Partnerschaft ist, die wir unterhalten. Wir leben hier Europa richtig. Es gibt in vielen Bereichen einen Austausch, und wir lernen auch voneinander. Wir haben die Begegnung von Grundschülern, die sich im Regelfall abwechselnd einmal jährlich besuchen. Besonders hervorzuheben sind die Pflanzaktionen, bei denen Mommenheimer nach Vimbuch kommen, um unseren Platz Mommenheim zu bepflanzen. Umgekehrt fahren Vimbucher zu Pflanzarbeiten ins Elsass. Wir haben sportliche Begegnungen, Angebote im Konzertbereich und einen regen Austausch zwischen den politischen Gremien. Ich glaube, dass das mit Abstand die aktivste Bühler Partnerschaft ist, was natürlich auch mit der geringen Entfernung von 50 Kilometern zu tun hat.

Sie sagen, Sie lernten voneinander. Was läuft in Mommenheim anders als hier?
Royal

Wie schnell dort ein Industriegebiet erweitert und zwei Wohngebiete erschlossen wurden, das fand ich beeindruckend. Innerhalb von vier Jahren sind parallel zwei wirklich große Wohngebiete entstanden. Das führte zu einem enormen Wachstum, von 1.800 auf 2.300 Einwohner. Dann sah man, dass Kindergarten und Schule nicht mehr ausreichen und hat sie für fünf Millionen Euro ausgebaut. Durch das erweiterte Industriegebiet erwartet man jährlich über eine halbe Million Euro mehr an Steuereinnahmen. Da lässt sich bei einer solchen Kommune schon gut mit gestalten, auch wenn da vor allem Logistik untergekommen ist, was viel Flächenverbrauch für vergleichsweise wenig Arbeitsplätze bedeutete. Für Vimbuch wäre das nicht wünschenswert. Es ist aber schon toll, wie schnell das geht, und bedenklich, wie lange so etwas bei uns dauert. Das letzte Baugebiet in Vimbuch hat sich über zwölf Jahre gezogen. Dabei sind wir doch ein Europa mit ähnlichen Vorgaben, sollte man meinen. Allerdings wurden auch problematische Details in den Baugebieten, beispielsweise bei Zufahrten, in Kauf genommen. Das wäre bei unserer Genauigkeit so wohl nicht akzeptiert worden.

Was ist umgekehrt hier besser?
Royal

Mommenheim hat weniger Einwohner als Vimbuch, ist aber eine eigenständige Gemeinde. Der Nachteil ist das fehlende Fachpersonal. Bürgermeister Francis Wolf und die Beigeordneten mit ihren Ressorts sind ehrenamtlich tätig. Da beneiden sie uns zum Teil schon, dass wir jederzeit das Fachpersonal in der großen Bühler Stadtverwaltung einsetzen können. Elektriker, Technische Zeichnerin, IT-Experten oder Hausdruckerei – wir haben alles selbst.

Wie hat sich die Corona-Pandemie auf den Austausch gewirkt?
Royal

Wir mussten leider das gesamte Programm auf Null runterfahren. Bei den Wahlen im vergangenen März gab es in Mommenheim einige Änderungen im Gemeinderat und bei den Beigeordneten, es sind Leute ausgeschieden, die in der Pflege unserer Partnerschaft sehr engagiert waren. Die Begegnungen mit den Neugewählten, das gegenseitige Kennenlernen, das war nicht möglich. Mommenheim hatte das Virus am Anfang auch schwer erwischt, es gab relativ früh Erkrankungen und auch Todesfälle. Die Verwaltung hatte täglich mehrere Anweisungen aus Paris umzusetzen. In dieser Situation war die Partnerschaft natürlich nachrangig. Interessant finde ich, dass jeder der 19 Gemeinderäte Kontakt zu zehn bis 15 Familien hielt. Das war eine frühe bürgerschaftliche Hilfe, mit der auch hilfsbedürftige Familien identifiziert wurden.

Was schätzen Sie an der Partnerschaft?
Royal

Interessante Diskussionen mit teilweise völlig anderen Sichtweisen und gesellige Runden mit den Mommenheimern. Aber: Für ein Bier mit Francis Wolf brauchen wir keine Partnerschaft. Die Einwohner von Vimbuch und Mommenheim müssen die Gelegenheit haben, sich auszutauschen. Wir waren zu verschiedenen Gelegenheiten auch schon mit einem vollen Bus dort, beispielsweise bei der Benefizveranstaltung „Rock ‘n‘ Run“. Jeder, der mal dort war und diese Herzlichkeit erlebt hat, kann sich kaum vorstellen, dass Deutsche und Franzosen mal gegeneinander Kriege geführt haben. Eine solche Partnerschaft ist daher auch Friedenspolitik. Mein Opa war im Krieg gegen Frankreich, gegen Feinde – und mein Sohn spielt heute ganz selbstverständlich mit Gleichaltrigen in Mommenheim. Er wächst damit auf, dass die Menschen dort unsere Freunde sind. Das muss für alle Kinder völlig normal sein, dass auf der anderen Seite des Rheins unsere Freunde wohnen. Deshalb unterstützt der Ortschaftsrat auch den Schulaustausch. Es ist bemerkenswert, was wir hier mit wenig Geld erreichen. Da wird vieles möglich durch Begegnungen. Die Mommenheimer haben andere Prioritäten, andere Ansichten als wir. Im direkten Gespräch miteinander wächst dann das Verständnis füreinander – und ich denke oftmals: Wir sind zu akribisch, genau und detailverliebt.

Gibt es auch Kontakte außerhalb der offiziellen Schiene?
Royal

Ja. Beim Sommerfest in Mommenheim treffe ich immer wieder Vimbucher, die dort Bekannte haben. Manche waren schon bei den ersten Kontakten des Kirchenchors in den 1970er Jahren dabei. Und auch über Vereine sind private Kontakte entstanden.

Nun blickt Vimbuch nicht nur nach Mommenheim, sondern fährt auch regelmäßig in die Bühler Partnerstädte. Wie sieht es hier aktuell aus?
Royal

Solche Fahrten werden immer sehr gut angenommen. Mehrere Vereine waren schon in Vilafranca, und von dort hatten wir schon auch Chöre und die Musikschule zu tollen Konzerten hier zu Gast. Zum Dorffest, das wir im vergangenen Juni feiern wollten, hatte sich eine Folklore-Tanzgruppe aus Katalonien angekündigt. Die Flüge waren schon gebucht, dann kam Corona. Auch mit Villefranche gibt es Kontakte, und in Schkeuditz hat der Gesangverein 2019 zum Tag der Deutschen Einheit konzertiert. Der geplante Gegenbesuch kam im vergangenen Jahr wegen Corona nicht zustande.

Gibt es schon irgendwelche Pläne für weitere Besuche?
Royal

Der Heimat- sowie der Obst- und Gartenbauverein wollten dieses Jahr nach Schkeuditz. Das wird wohl leider nicht klappen, und der Besuch in Sachsen muss verschoben werden. Es soll dabei eine ganz besondere Aktion fortgesetzt werden.

Worum geht es dabei?
Royal

Wir haben in Vilafranca ein tolles Erlebnis gehabt, als wir auf dem „Platz des Friedens“ an der Europastraße gemeinsam mit unseren Freunden einen Bühler Zwetschgenbaum gepflanzt haben. Daraufhin haben sich die Verantwortlichen der beiden Vereine gesagt: „Lass uns doch weitermachen. Wir pflanzen in jeder Partnerstadt ein Bäumchen“. Vor 20 Jahren hat Alfred Ziegler als Vorstand des Obst- und Gartenbauvereins in Mommenheim ein Kastanienbäumchen gepflanzt, und daraus ist ein richtig schöner Baum geworden, der mit der Freundschaft mitwächst. Das wollen wir überall machen und die Partnerschaften mit Leben erfüllen.

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