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50 Jahre Frauenfußball

Wütende Pfarrer und geknickte Egos: Wie der Frauenfußball die südbadische Männerwelt auf den Kopf stellte

Der Pfarrer wetterte von der Kanzel und die Männer kamen aus Sensationslust: Sinah Amann hat die Geschichte des Frauenfußballs in Südbaden erforscht und konnte oft nur noch staunen.

Frauenfußball erforscht: Sinah Amann beschäftigte sich in einer wissenschaftlichen Arbeit an der Albrecht-Ludwigs-Universität Freiburg mit dem Frauenfußball in Südbaden. Foto: Sinah Amann

Es war damals schon ein Kreuz mit der katholischen Kirche: Der Pfarrer von St. Cyriak im Ottersweierer Ortsteil Unzhurst wetterte von der Kanzel gegen die Fußballerinnen des VfB Unzhurst, bezichtigte den engagierten Trainer, er würde die Kinder durch den Sport aus der Kirche treiben. Und etwas weiter südlich, bei den SF Schliengen, musste der frisch gewählte Vereinsboss Karl Mannhardt damals viel Überzeugungsarbeit leisten, um die erhitzten Gemüter zu beruhigen. Denn auch dort schickten sich sportliche Frauen an, in eine Männerdomäne zu einzudringen. Und die Männer liefen Sturm, aktive Kicker und Funktionäre drohten mit dem Austritt aus dem Verein.

Das war allerdings nicht in grauer Vorzeit, es ist gerade mal 50 Jahre her. Der VfB Unzhurst nimmt dabei unter den südbadischen Clubs eine Sonderstellung ein, seit 1968 gibt es dort - ohne Unterbrechung - Frauenfußball.

Putzmittelverkauf finanzierte Trikots

Sinah Amann kam bisweilen aus dem Staunen nicht mehr heraus, als sie während ihres Lehramtsstudiums der Albrecht-Ludwigs-Universität Freiburg in einer wissenschaftlichen Arbeit am Historischen Seminar mit der Geschichte des Frauenfußballs in Südbaden beschäftigte und dabei die badischen Frauen-Fußball-Pioniere VfB Unzhurst sowie SF Schliengen besonders unter die Lupe nahm.

Der Fußball hat mir viel gegeben
Sinah Amann, Referendarin

„Kurios waren zum Beispiel die Spielregeln extra für Frauen. Eine Partie sollte anfangs nicht länger als zwei Mal 30 Minuten dauern.“ Und von wegen Sponsoren: Als bei den SF Schliengen das erste weibliche Fußballteam an den Start ging, benötigte die Mannschaft Trikots. Heute würde ein großzügiger Geldgeber dafür sorgen, damals stellte eine Firma den Mädels 200 Flaschen Putzmittel hin. „Die könnt Ihr verkaufen“, hieß es, die Provision durften die SF-Kickerinnen dann behalten und konnten so die ersehnten Trikots kaufen.

Sinah Amann, die gerade am beruflichen Gymnasium in Emmendingen ihr Referendariat absolviert, stammt aus einer Fußballer-Familie. Ihre Mutter gehört zu eben den Pionierinnen, die bei den Sportfreunden den Frauen-Fußball mit aufbauten, der Vater war ebenfalls viele Jahre aktiver Kicker. „Ich habe einen großen Teil meiner Kindheit auf dem Sportplatz verbracht“, berichtet die 29-Jährige. Der Fußball wurde ihr somit in die Wiege gelegt.

Ihre sportliche Karriere begann bei den SF Schliengen, dort spielte sie bis 2006, ging dann aufs Sportinternat des SC Freiburg, machte dort Abitur und wechselte 2011, als die Breisgauer ihren Vertrag nicht verlängerten, zum Frauen-Bundesligisten SC Sand. Dann zwang ein Bänderriss Sinah Amann zum Pausieren, seit 2018 läuft sie für den Oberligisten FC Freiburg/St. Georgen auf. „Ich habe mich überreden lassen.“ Dazu ist sie noch Stützpunkttrainerin des DFB. „Der Fußball und die Trainertätigkeit haben mir viel gegeben“, sagt die angehende Pädagogin für Sport und Geschichte, „Und sie tun es nach wie vor.“ Das Durchsetzungsvermögen zum Beispiel, das man auf dem Platz brauche, sei genauso vor einer Schulklasse gefordert.

SBFV öffnet sein Archiv

Mit ihrem sportlichen Hintergrund und bei ihrer Fächerkombination war es für junge Frau natürlich klar, in welche Richtung ihre wissenschaftliche Arbeit geht - Frauenfußball und Geschichte sollten schon darin vorkommen . Ihre Dozentin Sylvia Paletschek zeigte sich gleich begeistert. „Sie hat einen ihrer Forschungsschwerpunkte im Bereich Frauen- und Geschlechtergeschichte.“ So machte sich die gebürtige Lörracherin, die just im Jahr der ersten Fußball-WM der Frauen das Licht der Welt erblickte, ans Werk.

Als Glücksfall für ihre Forschungen erweisen sich Karl Mannhardt (Schliengen) und Hermann Neuburger (Unzhurst). Sie gehören zu den großen Förderern des Frauenfußballs in Baden und standen als Interviewpartner zur Verfügung. Dazu habe sich der Südbadische Fußball-Verband (SBFV) als sehr kooperativ erwiesen und öffnete sein Archiv. In Schliengen entdeckte die 29-Jährige noch eine Besonderheit. „Von 1971 bis 1983/84 gibt es Tagebücher mit Spielberichten, Mannschaftsaufstellungen und Zeitungsartikeln.“ Für ihre Forschungen war das eine Quelle von unschätzbarem Wert.

Angesichts der stetig wachsenden Fülle an Material war der ursprüngliche Rahmen von etwa 60 Seiten bald gesprengt, stolze 102 sind es geworden. Allein acht Zeitzeugen hat Sinah Amann für ihre Arbeit interviewt, Spielerinnen wie Funktionäre. Und immer wieder entdeckte sie bei ihren Recherchen neue Fakten, die eindrücklich den damaligen Zeitgeist widerspiegeln. So hatte der Frauenfußball der früheren Jahr erheblichen Zuschauerzulauf. Doch es ging den stark vertretenden Herren der Schöpfung weniger um die Kunst am Ball, „da lässt sich Sensations-Geilheit erkennen“, so Sinah Amann.

Für die 29-Jährige, deren Schwestern bis zum Beginn des Studiums ebenfalls Fußball spielten, wurde immer klarer, die Fußballfrauen aus vergangenen Tagen leisteten eine gewaltige Pionierarbeit, deren Wert für die heutige Generation der Spielerinnen nicht hoch genug eingeschätzt werden könne.

Nach ihrem Referendariat hofft Sinah Amann auf eine Lehrerstelle in der Nähe ihrer Heimat. „Ich bin ein Familienmensch“, betont sie. Und natürlich geht es dann, wenn die Amanns zusammen sitzen, um die Sportart Nummer eins in Deutschland - vor allem um den FC Bayern München. Der Rekordmeister von der Isar ist ja auch in Sachen Frauenfußball nicht die schlechteste Adresse.

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