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"Starke Automobilregion"

Claudia Peter von der IG Metall spricht über die Abhängigkeit vom Verbrennungsmotor

Die Unsicherheit mit Blick auf die Arbeitsplätze der Zukunft ist groß: Bei Daimler hängen im Pkw-Werk Rastatt alle Arbeitsplätze direkt am Verbrennungsmotor, im Werk Gaggenau sind es rund 80 Prozent. Diese Zahlen nennt Claudia Peter, die Erste Bevollmächtigte der IG Metall Gaggenau, im BNN-Interview.

Volles Rohr So lange es noch Verbrennungsmotoren: Im Pkw-Werk Rastatt von Daimler hängen aktuell alle Arbeitsplätze direkt am Verbrennungsmotor, im Benz-Werk Gaggenau sind es rund 80 Prozent, sagt die Erste Bevollmächtigte Claudia Peter. Das Ziel der IG Metall bei der Umstellung auf alternative Antriebsarten lautet: „Es soll keine Transformationsverlierer geben.“ Foto: Collet

Die Unsicherheit mit Blick auf die Arbeitsplätze der Zukunft ist groß: Bei Daimler, dem mit Abstand größten Arbeitgeber der Region, hängen im Pkw-Werk Rastatt alle Arbeitsplätze direkt am Verbrennungsmotor, im Werk Gaggenau sind es rund 80 Prozent. Hinzu kommen Abhängigkeiten bei Zulieferern. Diese Zahlen nennt Claudia Peter, die Erste Bevollmächtigte der IG Metall Gaggenau, im Interview mit BNN-Redakteur Thomas Dorscheid.

Peter spricht darüber, wie dieser strukturelle Transformationsprozess bestmöglich gestaltet werden kann. Auch die aktuelle konjunkturelle Entwicklung erfüllt sie nicht mit Sorge; kein Betrieb mache sich ernsthaft Gedanken über Kurzarbeit, sagt Peter.

Viele Arbeitsplätze in den Mercedes-Benz-Werken Gaggenau und Rastatt sowie bei König Metall Gaggenau hängen am Verbrennungsmotor. Gibt es hierzu konkrete Zahlen?

Peter: Im Benz-Werk Rastatt sind es im Moment 100 Prozent der Arbeitsplätze, die am Verbrenner hängen, im Werk Gaggenau etwa 80 Prozent und bei König Metall etwa 45 Prozent. Grob gesagt haben drei Viertel aller Betriebe, die im Zuständigkeitsbereich der IG Metall Gaggenau liegen und die von uns betreut werden, mit dem Auto zu tun – sei es als Hersteller, Zulieferer, Kontraktlogistiker oder als Werkstatt. Nimmt man noch Bühl hinzu, wo die Firmen LuK und Bosch zusammen rund 10 000 Arbeitsplätze stellen, dann sind es sogar über 80 Prozent. Und von diesen Betrieben sind wiederum zwei Drittel vom Verbrenner abhängig. Der Fahrzeugbau stellt in der Region das mit Abstand dominierende produzierende Gewerbe.

Keine Krisenzeichen sieht Claudia Peter von der IG Metall. Foto: Dinger

Bei dieser großen Zahl an Arbeitsplätzen, die direkt am Verbrenner hängen, muss sich doch die IG Metall mit Blick auf die überragenden Themen Elektromobilität und Digitalisierung auch große Sorgen machen…

Peter: So ticken wir aber nicht. Wir sehen, was da kommt, wir wissen, was passieren kann und setzen uns dafür ein, dass die Transformation gestaltet wird, etwa durch die Qualifizierung der Beschäftigten oder auch dadurch, dass die Betriebe sich um andere Produkte kümmern. Unser Ziel lautet: Es soll keine Transformationsverlierer geben. Dies fordern auch unsere Betriebsräte ein, die sich im stetigen Austausch mit den Standortleitern und Geschäftsführern befinden. Sorgen müssten wir uns dann machen, wenn wir feststellen müssten, dass die Arbeitgeber nicht bereit sind, sich für die Veränderungen rechtzeitig zu wappnen. Aber sie haben in der Region eine große Sensibilität und bereiten sich auch vor. Das Bewusstsein ist in den Köpfen, deshalb bin ich optimistisch, dass die große Aufgabe zu bewältigen ist. Konkret: Das Benz-Werk Rastatt bereitet sich auf die Kompaktreihe des E-Autos vor, das Werk Gaggenau erhält als weitere Komponente die E-Achse und König Metall engagiert sich in der Entwicklung der Vakuumtechnik zur Isolierung von Batterien.

Wir setzen uns dafür ein, dass es weiterhin erfolgreiche Produktionsbetriebe, gute Arbeitsbedingungen und eine gute Bezahlung gibt.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit (IAB) geht in seiner Digitalisierungsstudie für die Region Rastatt davon aus, dass über 36 Prozent aller Aufgaben ersetzt werden können. Das hört sich nach einem sehr hohen Wert an, der direkt auf die Zahl der Arbeitsplätze durchschlägt …

Peter: Der Wert für den Landkreis Rastatt ist sehr hoch. Er ist deutlich höher als der Durchschnittswert in Baden-Württemberg mit 27,9 Prozent und ist höher als die Zahlen der Nachbarkreise Baden-Baden, Karlsruhe-Stadt und Karlsruhe-Land. In dieser Statistik zeigt sich die sehr große Zahl an Produktionsarbeitsplätzen, die wiederum mehrheitlich in der Automobilindustrie angesiedelt sind. Die großen Themen der Transformation, nämlich Dekarbonisierung und Digitalisierung, lassen sich nicht trennen, so wissen wir heute nicht: Wie sieht der Arbeitsplatz im Jahr 2030 aus? Ein Szenario ist: Wir werden weniger Arbeitsplätze in der Produktion haben, die tarifgebunden sind, dafür mehr Dienstleister, die zu einem größeren Teil tarifungebunden sind; das würde unter dem Strich bedeuten: Die Einkommen werden geringer. Aber das wollen wir nicht. Wir setzen uns dafür ein, dass es weiterhin erfolgreiche Produktionsbetriebe, gute Arbeitsbedingungen und eine gute Bezahlung gibt. Das macht einen Gutteil der Wirtschaftskraft in der Region aus. Wir wollen eine starke Automobilregion bleiben.

Wir haben alle ein Interesse daran, dass diese Region stabil bleibt.

In den strukturellen Übergang bringt sich der Regionale Transformationsbeirat ein, der schon zu mehreren Sitzungen zusammengekommen ist. Wer sitzt in diesem Gremium und worin besteht für Sie das bislang wichtigste Ergebnis?

Peter: Spürbar ist im Beirat die hohe Identifikation mit der Automobilregion, hier ziehen alle an einem Strang und setzen sich intensiv mit Zukunftsszenarien auseinander. Das Herzblut ist genauso spürbar wie die Bereitschaft, sich sachlich mit den einzelnen Aspekten auseinanderzusetzen und seine Position mit den Erkenntnissen der Experten abzugleichen. Wir haben alle ein Interesse daran, dass diese Region stabil bleibt. Im Transformationsbeirat sind die Standortleiter der Benz-Werke Rastatt und Gaggenau sowie von Bosch vertreten, ferner die mittelständischen Betriebe mit König Metall Gaggenau, dann die jeweiligen Betriebsratsvorsitzenden, die drei Oberbürgermeister von Rastatt, Bühl und Gaggenau, die Regierungspräsidentin, der Landrat, die IHK, die Arbeitsagentur, IG Metall und Südwestmetall.

Es gibt kein Anzeichen, eine Krise ausrufen zu müssen.

Bundesweiten Schlagzeilen der vergangenen Wochen ist zu entnehmen, dass Zulieferer bereits in großem Stil Stellen abbauen. Zu den strukturellen Umwälzungen in der Automobilindustrie kommt offenkundig eine konjunkturelle Abwärtsbewegung hinzu. Wie weit sind die Betriebe in der Region noch von Kurzarbeit entfernt?

Peter: Wir haben noch keinen Betrieb, der in der Situation ist, sich ernsthaft Gedanken über Kurzarbeit zu machen. Wir haben zwar Rückgänge, aber dies sind nach neun Jahren Wachstum Rückgänge hin zur Normalität, etwa in Form von weniger Wochenendarbeit. Es gibt kein Anzeichen, eine Krise ausrufen zu müssen. Was nicht von hier zu steuern ist, sich aber auch in der Region niederschlagen würde, sind internationale Risiken wie ein ungeregelter Brexit oder ein Handelskrieg. Eine Exportnation wie Deutschland ist an diesen Stellen sehr anfällig, die Verflechtungen sind eben international.

Für die anzupackenden Veränderungen erscheint es nicht hilfreich, wenn aktuell im Südwesten der Arbeitgeberverband Südwestmetall und die IG Metall im Clinch liegen …

Peter: Die Scharmützel gibt es nur von einer Seite. Aber es nutzt doch nichts, wenn die Arbeitgeber jetzt darüber jammern, dass der jüngste Tarifabschluss viel zu hoch ausgefallen sein soll. Fakt ist: Die Metall- und Elektroindustrie hierzulande ist der erfolgreichste Wirtschaftszweig – und dies trotz des guten Tarifergebnisses. Zumal ein Tarifergebnis doch immer ein Kompromiss ist. Aber wenn jetzt der Arbeitgeberverband austeilt, ist dies in der Tat nicht hilfreich – weder für die anstehenden Themen noch für die kommende Tarifrunde.

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