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Produktion hat sich verdoppelt

Coronavirus und Klopapier: "Nachvollziehen können wir den Run auf Toilettenpapier nicht"

Klopapier ist zum Symbol des Hamsterns in der Corona-Krise geworden. Dabei können Experten diesen Hype nicht nachvollziehen. „Die Versorgung ist gesichert", sagte etwa Annette Schönleber, Sprecherin des Marktführers Essity aus Mannheim. Essity stellt die Marke Zewa her.

Ein Mann trägt eingekauftes Toilettenpapier und Küchenrollen aus einem Supermarkt. Foto: Rene Traut/dpa

War es purer Zufall oder weise Voraussicht? Oder haben es jene Aldi-Kunden, die beim Sonderposten Anfang des Jahres zugriffen, womöglich gar im Urin gespürt, dass sie bei der offerierten Doppelpackung „Kokett Toilettenpapier soft und saugstark“ mit dem Kauf nicht zögern sollten? Es war auf jeden Fall ein rechtes Glück, diese kleine Investition ins große Geschäft getätigt zu haben. Denn die Lage ist wegen des Coronavirus nun auch dreilagig ernst.

Leer geräumte Klopapierregale lösen bei den Kunden, die im Januar arglos auf Vorrat kauften statt zuletzt fast hysterisch hamsterten, aber kein flaues Gefühl im Magen aus. Allenfalls Kopfschütteln wie bei Jürgen Fischar.

Der Mann ist halt kein Psychologe, sondern Verkaufsleiter der Papierfabrik Fripa in Miltenberg. Ihm ist unverständlich, dass Deutschland gerade von der Rolle ist. „Nachvollziehen können wir den Run auf Toilettenpapier nicht“, sagt Fischar, dessen Arbeitgeber mit 450 Mitarbeitern Toilettenpapier für Aldi und andere Groß- und Einzelhändler fertigt.

Wir haben gerade eine Wahnsinnsauftragsflut und können die Bestellungen kaum mehr abdecken.
Jürgen Fischar, Verkaufsleiter der Papierfabrik Fripa in Miltenberg

Das Unternehmen, einer von einem halben Dutzend Toilettenpapierproduzenten in Deutschland, sieht sich derzeit vor einer enormen Herausforderung. „Wir haben gerade eine Wahnsinnsauftragsflut und können die Bestellungen kaum mehr abdecken.“

Produktionsmenge hat sich wegen des Coronavirus mehr als verdoppelt

Rund um die Uhr werde Zellstoff zu Tissue verarbeitet, bis zur zweieinhalbfachen Menge im Vergleich zu Zeiten ohne Corona. Bis zu 250 Lkw-Ladungen mit je 4.300 Packungen gingen täglich vom Hof, macht 1,075 Millionen, in der Regel bestückt mit je zehn Rollen. Die aktuelle Nachfrage bereitet Fischar durchaus Sorgen: „Irgendwann braucht der Konsument nichts mehr.“

Das Szenario gilt auch für den Marktführer Essity aus Mannheim, der mit 4.500 Mitarbeitern allein in Deutschland die Marken Zewa, Danke, aber auch Tempotaschentücher herstellt.

Für die Endkunden gibt Essity-Sprecherin Annette Schönleber Entwarnung an der Klorollenfront: „Die Versorgung ist gesichert.“ Täglich verließen mehrere hundert Lkw das in Europa größte Essity-Werk in Mannheim-Waldhof. An Rohstoffen herrsche kein Mangel, die Produktionsstätten liegen in Deutschland.

Chinesen haben das Klopapier erfunden

Aber erfunden haben sollen den Griff zum Papier nach der Notdurft die Chinesen. Erste Erwähnungen reichen ins sechste Jahrhundert zurück. Erst 1.000 Jahre später wurde auch in Europa Papier statt Heu, Stroh, alter Lappen oder gar der bloßen linken Hand verwendet. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde in den USA das erste Toilettenpapier hergestellt, die perforierte Version ist 50 Jahre jünger.

Ab 1888 boten die Eisenwerke Gaggenau perforiertes Klopapier nebst passenden Haltern an. 1928 wurde in Ludwigsburg die Toilettenpapierfabrik Hakle gegründet, die auch heute noch die bekannteste Marke ist.

Zurück ins Hier und Jetzt: Über die Webseite howmuchtoiletpaper.com kann jeder berechnen, wie lange sein Klopapierbestand noch reicht. Der Selbsttest lässt aufatmen: 67 Tage, bei zwei Personen die Hälfte. Dann sollten die Regale wieder gut gefüllt sein.

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