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Kritik an Politik

"Fühlen uns verarscht": Erste Pfleger in Mittelbaden kündigen wegen fehlender Schutzkleidung

Das Pflegebündnis Mittelbaden kritisiert die Politik wegen fehlender Schutzkleidung für Pfleger scharf. Allein die Gaggenauer Altenhilfe braucht 10.000 Atemschutzmasken pro Monat – mindestens. Die ersten Pfleger haben aus Angst um ihre Gesundheit gekündigt. Eine Aussage des Baden-Badener Bürgermeisters sorgt für Empörung.

Direkter Kontakt: Bei der ambulanten Pflege ist das Infektionsrisiko für die Mitarbeiter besonders hoch. Die Altenhilfe Gaggenau betreut deshalb nur noch Kunden, die ansonsten keinen Kontakt mehr haben. Foto: Halfpoint/adobe stock

Das Pflegebündnis Mittelbaden kritisiert die Politik wegen fehlender Schutzkleidung für Pfleger scharf. Die ersten Pfleger haben aus Angst um ihre Gesundheit gekündigt.

Die Situation in der Pflege ist dramatisch. Den Einrichtungen im Landkreis Rastatt fehlen mehrere tausend Atemschutzmasken. Weil sie Angst hatten, sich mit dem Coronavirus zu infizieren, haben bereits Pfleger hingeworfen.

Peter Koch ist Vorsitzender des Pflegebündnisses Mittelbaden und Geschäftsführer der Gaggenauer Altenhilfe. Er kritisiert die Politik scharf. Eine Aussage des Baden-Badener Bürgermeisters macht ihn wütend.

Altenpflege in Gaggenau benötigt 10.000 Masken im Monat

Die Gaggenauer Altenhilfe betreibt drei Einrichtungen und einen ambulanten Dienst. Um ihre Pfleger zumindest halbwegs zu schützen, sind laut Koch 10.000 Masken pro Monat notwendig. „Selbst dann müssten unsere Mitarbeiter mit ein bis zwei Masken pro Schicht auskommen“, erklärt er.

In einem Brandbrief hatte Koch die Politik vor einigen Tagen verzweifelt um Hilfe gebeten . Wo die Ausrüstung aufgebraucht sei, gingen Pfleger oft ohne Schutz in die Wohnungen der Menschen.

Peter Koch kritisiert die Politik. Foto: G. Modlich/Denkwirkstatt

Nach Brandbrief erhielt die Altenhilfe 20 Masken

Am Freitag erhielt die Altenhilfe eine Lieferung vom Landratsamt. Im Paket: 20 Masken. „Das reicht hinten und vorne nicht“, sagt Koch, „wir müssen versuchen, uns mit unseren Rücklagen über die Runden zu retten.“

Das heißt: Masken werden länger benutzt als vorgesehen.

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Pfleger kündigten aus Angst vor Infektion

Die ersten Pfleger haben schon ihre Konsequenzen gezogen. „Es gibt Kollegen, die aus Angst vor einer Infektion hingeworfen haben“, berichtet Koch.

Es sei „schwer, die Mitarbeiter bei der Stange zu halten.“ Der Leiter der Gaggenauer Altenhilfe hat mittlerweile selbst wieder den Dienstkittel angezogen: „Ich bin an vorderster Front dabei“.

Für Unmut sorgt nun eine E-Mail der Stadt Baden-Baden an die Pflegeheime. Die Einrichtungen sollten ihren Bedarf an Schutzkleidung melden, hieß es darin. Es ging um die Verteilung einer „anzahlmäßig geringen Stückzahl“. Das Material müssten sie selbst abholen.

Wir fühlen uns verarscht.
Peter Koch, Vorsitzender des Pflegebündnisses Mittelbaden

Marius Schulze Beiering ist empört „Ich bekomme die absolute Handlungsunfähigkeit der politischen Akteure vor Augen geführt“, schreibt das Vorstandsmitglied des Pflegebündnisses Mittelbaden in einer Pressemitteilung. Und weiter: „So kann es nach der Krise nicht weitergehen.“ Die Wertschätzung der Pflege müsse sich ändern.

Auch Koch hat einen Hals auf die Politik. Mit Blick auf die Bedarfsabfrage sagt er: „Wir fühlen uns verarscht.“

Zuletzt hatte Baden-Badens Bürgermeister Roland Kaiser betont, die Stadt werde keine Schutzkleidung an freie Träger von Pflegeheimen abgeben. Sie hätten ihrer eigenen Pandemiepläne aufstellen und Vorsorge treffen müssen.

Das ist eine bodenlose Frechheit. Hier geht es um Menschenleben.
Peter Koch, Vorsitzender des Pflegebündnisses Mittelbaden

Kochs Replik fällt deutlich aus: „Das ist eine bodenlose Frechheit. Hier geht es um Menschenleben.“ Alle Einrichtungen hätten einen Grundbestand. „Aber eine Lagerhaltung zahlt uns niemand – weder die Krankenkasse noch die Pflegekasse.“

Lieferketten funktionieren nicht mehr

Koch sieht ein strukturelles Problem, das sich kurzfristig kaum lösen lässt. „Das gesamte System ist auf Just in time ausgerichtet“, sagt er.

Normalerweise funktionieren die Lieferketten: Ein bis zwei Tage nach der Bestellung ist die Ausrüstung da. In der Krise aber kommt es zu massiven Verzögerungen.

Die Gaggenauer Altenhilfe betreibt in der Benz-Stadt das Helmut-Dahringer-Haus. Es ist wegen der Coronapandemie für Besucher geschlossen. Foto: Dorscheid

Engpass kommt nicht überraschend

„Der Politik mangelt es an Weitsicht“, kritisiert Koch und verweist auf die E-Mails eines Herstellers von Schutzkleidung.

Er hatte das Gesundheitsministerium bereits im Januar vor einem Engpass gewarnt und, das hatte Minister Jens Spahn (CDU) bestätigt, keine Antwort erhalten.

„Unsere Pfleger werden im Regen stehen gelassen“, klagt Koch. Für ihn steht fest: Die Coronakrise muss ein Nachspiel haben. „Wir werden alles dafür tun, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.“

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