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Corona hat Einstellungen erschwert

Im Murgtal gibt es noch freie Lehrstellen

Der Gaggenauer Steve Kassuba hatte Glück: Er hatte schon vor der Corona-Krise seinen Lehrvertrag in der Tasche. Die Pandemie hat es Jugendlichen und Betrieben schwer gemacht, passende Ausbildungen zu finden und zu besetzen. Deshalb sind noch viele Stellen frei.

Entspannter Blick in die Zukunft: Der 16-jährige Gaggenauer Steve Kassuba hatte seinen Lehrvertrag noch vor der Corona-Krise in der Tasche. Foto: Christiane Widmann

Steve Kassuba kann gelassen in den Herbst blicken: Der 16-jährige Selbacher hat seine Ausbildung bei einem Sanitär- und Heizungsfachbetrieb in Baden-Baden sicher. Im September geht’s los, die Details zum Ablauf und zum Unterricht in der Gewerbeschule erfährt er kurz zuvor. „Ich freue mich”, sagt er mit einem breiten Lächeln. „Das ist ein neuer Abschnitt meines Lebens.”

Er hatte einen großen Vorteil, als er Praktika absolviert, Bewerbungen geschrieben und die Zusage seines Wunsch-Betriebs bekommen hat: Die Corona-Pandemie hatte Deutschland noch nicht erreicht. Nur wenige Wochen später wurde das wohl wichtigste Element der Jobsuche zur Herausforderung: einander persönlich kennenzulernen.

Wir haben deutlich mehr frei gemeldete Stellen als in den Vorjahren.
Wencke Kirchner, IHK Karlsruhe

Das erweist sich auch für Firmen als Problem. „Bei vielen kleinen und mittelständischen Betrieben ist es in diesem Jahr sehr schwierig, Bewerber zu bekommen”, sagt Wencke Kirchner. Sie leitet bei der Industrie- und Handelskammer Karlsruhe (IHK) den Ausbildungsbereich. „Wir haben deutlich mehr frei gemeldete Stellen als in den Vorjahren.” Anfang August waren es bezirksweit knapp 1.000 Stellen, davon 145 im Kreis Rastatt. Die Palette reicht vom Industriemechaniker bis zum Hotelfachmann.

Kirchner hat den Eindruck, dass Jugendliche sich in diesem Jahr später oder gar nicht um Stellen bemühen. „Wir können’s uns nicht ganz erklären, wo alle bleiben”, sagt sie. Eine Hürde könnte sein, dass Ausbildungsmessen, Infoveranstaltungen in der Schule oder Praktika nicht im gewohnten Umfang möglich waren. Sie helfen, Berufe und weniger bekannte Betriebe zu entdecken.

Handwerksbetriebe schließen Verträge im Corona-Jahr später ab als üblich

Auch bei der Handwerkskammer Karlsruhe (HWK) waren Ende Juli noch fast 40 Lehrstellen in den Kreisen Rastatt und Baden-Baden zu haben, etwa als Anlagenmechaniker, Maler oder Zahntechniker. Laut Alexander Fenzl, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit, nähert sich die Zahl der Verträge stetig der von 2019 an.

Sein Eindruck ist, dass die Betriebe Gespräche, Besuche und Zusagen nachholen. „Es ist davon auszugehen, dass sich alles ein bisschen nach hinten verschiebt.” Ob wieder 2.400 Verträge zustande kommen, bezweifelt er, aber „wir kommen sicherlich über 2.000”.

Ein Einstieg ist nach wie vor möglich, sogar nach Beginn des Lehrjahres. Beide Kammern werben deshalb weiter. Die IHK kündigt für 26. und 27. August Infostände an, unter anderem in Rastatt. Die HWK plant am 19. September in Karlsruhe eine Last-Minute-Vermittlung.

Wencke Kirchner rät dazu, die Chance zu nutzen. Denn es ist noch nicht abzusehen, wie sich die wirtschaftliche Situation entwickelt. „Unsere Befürchtung ist, dass wir im nächsten Jahr einen Einbruch bei den Ausbildungsplätzen haben werden.” Um die Übernahme der Azubis macht sie sich hingegen wenig Sorgen. „Eine Ausbildung kostet einen Betrieb sehr viel Geld. Das investiert er nur dann, wenn er ein originäres Interesse hat, die Fachkraft zu übernehmen.”

Der Markt wird auch in Zukunft so sein, dass die Jugendlichen es sich aussuchen können.
Alexander Fenzl, HWK Karlsruhe

Zudem herrscht nach wie vor Fachkräftemangel, zum Beispiel bei MINT-Berufen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik), in der Pflege oder der Logistik. Auch Handwerksbetriebe suchen dringend Nachwuchs. Die Zahl der Lehrlinge sinkt Jahr für Jahr, obwohl Berufe wie Kfz-Mechatroniker, Goldschmied oder Friseur durchaus beliebt sind. 2019 gab es im Bezirk Karlsruhe 2.402 Azubis, 322 im Kreis Rastatt. „Der Markt wird auch in Zukunft so sein, dass die Jugendlichen es sich aussuchen können”, sagt Alexander Fenzl.

Auch Steve Kassuba hat in mehreren Betrieben gehört, er dürfe ruhig bei seinen Mitschülern und Freunden die Werbetrommel rühren. „Die würden noch mehr nehmen.” Zugleich kennt er einen Jugendlichen, der mit Verweis auf die Corona-Krise abgelehnt worden ist. Ob wegen der Pandemie weniger Stellen angeboten oder Verträge abgesagt werden, lässt sich jedoch seitens der IHK und HWK nicht belegen. Erst die Statistiken im Herbst werden Näheres zeigen. Laut Wencke Kirchner gibt es wie jedes Jahr einzelne Absagen. Die Gründe erfassen die Kammern nicht.

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