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Interview

Hausärztin aus Achern über Versorgungslücken, weite Wege und das Praxensterben

Wie gut, wie lückenhaft ist die ärztliche Versorgung in der Ortenau? Die Hausärztin Barbara Kowollik-Scheider aus Achern spricht im Interview über diese heftig umstrittene Frage. Klar ist: Es fehlen Nachfolger für die Praxen.

Lange Wartezeiten oder gute Versorgung? Die Ansichten über das medizinische Angebot in der nördlichen Ortenau gehen auseinander. Foto: Karmann

Das Gesundheitswesen ist im Umbruch – und in Aufruhr. Niedergelassene Ärzte finden immer schwerer einen Nachfolger, die Krankenhäuser fühlen sich finanziell ausgetrocknet, die Bürger müssen sich auf stundenlange Wartezeiten in der Notaufnahme einstellen.

Wie sieht es an der medizinischen Front aus, bei den Hausärzten, die noch immer erste Anlaufstelle für die Patienten sind? Die Acherner Hausärztin Barbara Kowollik-Schneider zumindest sieht die Dinge nicht so dramatisch, wie manche Schlagzeilen glauben machen könnten.

Frau Kowollik-Schneider, mögen Sie ihren Job noch?

Ich liebe meinen Beruf, ich würde ihn immer wieder wählen.

Viele ihrer Berufskollegen sehen das wohl anders – es wird immer schwieriger, für Hausarztsitze Nachfolger zu finden.

Das stimmt. Und es betrifft nicht nur den ländlichen Raum. Auch in Achern habe zwei Kollegen in den letzten Jahren keine Nachfolger gefunden, die Praxen wurden geschlossen, wohlgemerkt hier, in der Stadt. Eine Konsequenz ist, dass viele meiner Kollegen noch weit über das Rentenalter hinaus arbeiten, und oftmals sind sie in unserem sehr aufreibenden Beruf überlastet.

Seit 1991 als Hausärztin in Achern: Barbara Kowollik-Schneider Foto: Löhnig

Fragt man die Kassenärztliche Vereinigung, so ist die medizinische Versorgung in der Region, rein statistisch gesehen, trotz allem gut. Warum findet man dann kaum noch einen Arzt, wenn man zum Beispiel umgezogen ist?

Das stimmt so aber nicht. Neu Zugezogene werden – zumindest in unserer Praxis – angenommen. Probleme gibt es eher für Patienten, die Doktor-Hopping betreiben, da sehen wir von Neuaufnahmen ab, denn die Kapazitäten haben wir nicht. Es gibt durchaus Patienten, die eine ganze Reihe von Kolleginnen und Kollegen schon durchhaben. Wir checken am Telefon schon ab und an, warum jemand zu uns wechseln möchte ...

Besonders dramatisch ist die Situation bei den Fachärzten, wer zu einem Haut- oder Augenarzt will, der muss sich durchaus auf Wartezeiten von einem halben Jahr einstellen.

Das trifft sicher nicht für den Akutfall zu, wir Hausärzte bemühen uns dann um schnelle Termine. Zu solchen Einzelfällen kann ich nichts sagen, aber der Raum Achern ist durchaus gut versorgt, dieses Gebiet ist deshalb für die Neueröffnung von Kassenarztpraxen gesperrt. Durch Praxisaufgaben kann sich das allerdings relativ schnell ändern. Sehr lange Wartezeiten gibt es bei Psychotherapeuten, da würde man sich oftmals schnellere Interventionen wünschen.

Ein Problem für viele Menschen sind die exorbitanten Wartezeiten in den Notaufnahmen der Krankenhäuser. Erklärt wird dies oft damit, dass die Patienten den langen Wartezeiten bei niedergelassenen Ärzte ausweichen. Woran liegt das?

Die Notfallversorgung durch die niedergelassenen Kollegen hat sich geändert, sie ist aber auf keinen Fall schlechter geworden. Die Kassenärztliche Vereinigung hat, meist in den Krankenhäusern, Zentren eingerichtet, in denen die Kollegen ihren Wochenenddienst machen. Jeder niedergelassene Arzt ist im Jahr zu sechs Terminen verpflichtet, kann den Dienst aber auch tauschen oder abgeben – zum Beispiel an mit Krankenhausärzten oder älteren Kollegen, die das gerne machen. Daneben gibt es einen Fahrdienst, der ist allerdings nachts oft sehr belastend für die betroffenen Kollegen.

In der Realität gehen die Menschen dann doch lieber in die Notaufnahmen der Kliniken und nicht zum Notdienst der Niedergelassenen. Ergebnis: Extreme Wartezeiten.

Unsere Notdienstsprechstunden im Krankenhaus sind samstags und sonntags von 9 bis 13 Uhr und von 16 bis 20 Uhr. Am Mittwoch- und Freitag-Nachmittag ist ein Notfahrdienst ab 13 Uhr eingerichtet und von 16 bis 20 Uhr eine Notdienstsprechstunde zentral in Offenburg. Und mal ehrlich, bis 12 Uhr wissen Sie, ob Sie krank sind oder nicht. Ein grippaler Infekt kann meist auch mal einen Tag warten. Die gesundheitliche Versorgung in der Region ist auf alle Fälle gut – auch wenn es mal nicht mehr ganz so schnell geht.

Lohnt sich der Beruf des Hausarztes denn finanziell?

Es gibt natürlich Kollegen, die sich beklagen. Aber ich finde, ein Hausarzt kann gut leben, wenn er sich engagiert. Eine Praxis neu zu eröffnen erfordert natürlich hohe Investitionen, aber heute sind das in der Regel Übernahmen von Kollegen, die in den Ruhestand gehen.

Die happigen Abstandszahlungen früherer Jahre dafür gibt es heute nicht mehr – die Nachfrage nach Hausarztpraxen ist mau.

Früher war es üblich, eine Praxis zusammen mit dem Patientenstamm weiterzugeben, dadurch hat man seine Investitionskosten vom Anfang wieder herausbekommen. Das kann man heute aber vergessen.

Sind die Ansprüche der Patienten gewachsen?

Das kann man so nicht sagen. Die Menschen sind aber aufgeklärter, ihre Fragen basieren oft auf einem soliden Grundwissen und Verständnis ihrer Krankheit.

Woran liegt das?

Das muss nicht Dr. Google sein. Medizinische Themen sind heute in den Medien präsenter als früher, dazu gibt es viele Vorträge in den Kliniken. Früher gab es im Ärzteblatt eine Rubrik „Ihr Patient hat gelesen …“ um uns auf kommende Fragen vorzubereiten. Über so etwas lachen wir heute.

Das fordert den Arzt, sich selbst auch immer auf dem aktuellen Stand zu halten …

Fortbildung ist enorm wichtig. Das ärztliche Wissen, mit dem man beginnt, hat eine Halbwertszeit von wenigen Jahren.

Vor einem massiven Umbruch steht die Struktur der niedergelassenen Ärzte im Ortenaukreis. Jeder zweite Hausarzt in der nördlichen Ortenau will in den kommenden fünf Jahren seine Praxis aufgeben.

Dies hat eine Umfrage des Landratsamts schon 2018 ergeben. Die nicht repräsentative Erhebung, an der rund 57 Prozent der Ärzte mitgemacht haben, zeigt in jedem Fall, dass der demografische Wandel auch in der Ärzteschaft seine Spuren hinterlassen hat. Nicht überall im Kreis ist die Situation so zugespitzt, doch auf den gesamten Ortenaukreis bezogen will immerhin noch jeder dritte Mediziner seine Praxis in den kommenden Jahren angeben. Und Nachfolger sind, wie mehrfach berichtet, kaum zu finden. Der Altersschnitt der im Dezember 2018 in Auszügen veröffentlichten Studie liegt bei rund 55 Jahren.

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