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Gemeinde will Früchte retten

Band am Baum kennzeichnet in Bischweier Gratis-Pflück-Obst – doch kaum einer macht mit

Die Gemeinde Bischweier will mit einer simplen Idee Obst vor dem Vergammeln retten. Eigentümer können ihre Bäume mit Bändern kennzeichnen, die signalisieren: Hier darf jeder pflücken. Doch die Aktion stößt bislang auf geringe Resonanz. Und das Landratsamt übt massive Kritik.

Kulturlandschaft in Mittelbaden: Streuobstwiesen wie hier bei Wintersdorf sind ein prägendes Bild im Landkreis Rastatt. Foto: pr

Die Idee klingt genial einfach: Die Gemeinde Bischweier gibt Bänder aus, mit denen Eigentümer ihre Obstbäume kennzeichnen können. Passanten wissen dann, dass sie sich an diesem Baum bedienen können. „Bischweier rettet Obst“, heißt die Initiative, die ein Beitrag gegen Lebensmittelverschwendung sein soll.

Doch während das Projekt in den sozialen Netzwerken Applaus erntet, hagelt es seitens des Landratsamts Rastatt Kritik. Und die Resonanz hält sich in Grenzen.

Streuobstwiesen spielen in der mittelbadischen Kulturlandschaft eine große Rolle. Derzeit biegen sich vor allem die Äste der Kirschbäume unter der reifen Last. Spaziergänger kennen das Bild: Ernten Eigentümer die Bäume nicht ab, verderben die Früchte am Boden. Häufig brechen auch Äste ab, weil sie dem Gewicht nicht standhalten.

Hauptamtsleiterin möchte Bewusstsein für Lebensmittel schärfen

Die Bischweierer Hauptamtsleiter Katharina Kimmich-Liebe wollte dagegen etwas unternehmen. Sie ist die treibende Kraft im Rathaus hinter dem Vorhaben, will sich aber nicht mit fremden Federn schmücken. „So etwas gibt es schon in anderen Gemeinden. Ich habe davon im Radio gehört“, erzählt sie.

Da es im Kirschendorf Bischweier jede Menge Bäume gibt und auch die Gemeinde selbst zahlreiche Streuobstwiesen im Eigentum hat, dachte sie: „Das ist eine coole Idee.“ Das Projekt solle dazu beitragen, dass Bewusstsein für Lebensmittel bei der Bevölkerung zu schärfen.

Die Umsetzung ist denkbar einfach. Interessenten können sich im Rathaus melden und ihren Bedarf anmelden, die Mitarbeiter legen die Bänder dann zur Abholung bereit – coronakonform kontaktlos. Aufmerksam gemacht hat die Gemeinde auf die Aktion online und im Kommunalecho. Die Reaktionen in den sozialen Netzwerken sind fast ausschließlich positiv: „Wow, tolle Aktion“, schreibt etwa eine Facebook-Nutzerin in der Gruppe „Bischweier Forum“.

Wir wollen und können so eine
Aktion auf keinen Fall unterstützen. Uwe Kimberger, Kreisfachberater

Doch trotz des simplen Prozederes und der Werbung blieb die Resonanz bislang null. Niemand hat ein Band im Rathaus abgeholt. „Ich weiß auch nicht genau, woran es liegt“, sagt Kimmich-Liebe. Trotzdem flattern schon Bänder im Bischweierer Wind. Der Bauhof hat damit einige Kirschbäume gekennzeichnet, die sich im kommunalen Besitz befinden. Kimmich-Liebe hofft, dass das Projekt auf diese Weise Fahrt aufnimmt.

Uwe Kimberger wäre es dagegen am liebsten, die Idee würde wieder in der Versenkung verschwinden. Der Obstfachberater des Landratsamts Rastatt sieht das Projekt sehr kritisch. „Wir wollen und können so eine Aktion auf keinen Fall unterstützen“, sagt er. Durch die Bänder werde jeder eingeladen, fremde Grundstücke zu betreten oder sogar zu befahren.

Die Obstbäume könnten durch unsachgemäße Ernte beschädigt werden. „Und was passiert, wenn ein Unfall geschieht?“, fragt Kimberger. Es müsse geklärt werden, ob in diesem Fall die Versicherung des Grundstückeigentümers einspringe. Auch Michael Jüngling vom Obst- und Gartenbauverein Bischweier sieht darin einen Knackpunkt: „Was ist, wenn ein Ast einem Kind auf den Kopf fällt?“

Hier darf jeder pflücken: Bauamtsleiter Julian Streiling kennzeichnet einen Kirschbaum der Gemeinde mit einem Band. Foto: pr

Laut Kimmich-Liebe hat die Gemeinde mittlerweile ein Einschätzung seitens des Badischen Gemeinde-Versicherungsverbands angefordert. Auf den Werbeplakaten für die Aktion soll der Passus ergänzt werden: „Betreten der Grundstücke und Pflücken auf eigene Gefahr“.

Viele Obstbäume werden nicht mehr gepflegt

Kimberger ärgert aber auch ein Aspekt abseits bürokratischer Fragen. Er sieht das Obst durch die Aktion entwertet. Im Anbau stecke Herzblut und viele Stunden Arbeit. „Was ist das noch wert, wenn jeder das Obst geschenkt bekommt?“, sagt er. Am meistern ärgere ihn, dass die Aktion „unter dem Deckmantel der Lebensmittelrettung“ stehe.

Aus seiner Sicht seien die Früchte zunächst „organische Masse“. Erst durch die fachmännische Ernte und den Vertrieb würden sie zu Lebensmitteln. Es handle sich um einen natürlichen Vorgang, wenn nicht geerntete Früchte verrotten. „Das regelt die Natur von ganz allein”, sagt Kimberger.

Michael Jüngling hält das allerdings auch nicht für der Weisheit letzter Schluss. Es gebe in Bischweier viele Bäume, die nicht mehr abgeerntet würden. „Wir haben ein Generationenproblem“, sagt Jüngling.

Nach Kimbergers Meinung muss aber auch nicht jeder Streuobstwiese eine gut gepflegte Lebensmittel-Plantage sein. Abgebrochene Äste und Totholz würden neue Lebensräume schaffen. Früher hätten die Erzeuger oft den Vorwurf gehört, sie griffen zu sehr in die Natur ein und pflegten zu stark. Inzwischen habe sich die Argumentation umgedreht: „Jetzt gibt es die Retourkutsche – in Form des Vorwurfs der Lebensmittelverschwendung.“

Die Gemeinde Bischweier will es Passanten ermöglichen, sich an Obstbäumen selbst zu bedienen. Normalerweise ist das strafbar. Wer unbefugt pflückt, begeht kein Kavaliersdelikt, sondern juristisch gesehen einen Diebstahl. Der Straftatbestand der Verbrauchsmittelentwendung, landläufig „Mundraub“ genannt, wurde bereits 1975 abgeschafft. Auch das Gerücht, dass man auflesen dürfe, was nach Martini (11. November) noch nicht geerntet worden ist, ist falsch. Das Obst gehört dem Eigentümer. Die Initiative mundraub.org informiert auf einer Karte im Internet über Bäume, an denen sich jeder bedienen darf. Im Raum Rastatt sind dort allerdings nicht viele Einträge verzeichnet.

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