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Entwicklung war absehbar

Evangelische Michaelsgemeinde in Rastatt löst sich auf

Für Angelika Schulze endet mit 2020 ein ganz besonderes Jahr, nicht nur wegen Corona. Die evangelische Pfarrerin aus Rastatt verliert mit dem Jahreswechsel ihre Pfarrgemeinde. Diese wird aufgelöst. Zu wenig Gläubige haben sich engagiert. Schulze hält diese Entscheidung zwar für richtig, nicht aber den Zeitpunkt.

Bleibt in Rastatt: Pfarrerin Angelika Schulze am Schreibtisch in ihrem Büro in der Werderstraße. Foto: Holger Siebnich

Angelika Schulze hatte es sich so schön ausgemalt. Als Alternative zum Gottesdienst wollte die Pfarrerin die evangelische Stadtkirche an Heiligabend drei Stunden lang öffnen, um Besuchern bei Orgelmusik und Andachten die Möglichkeit zu geben, das Fest trotz Corona auch im kirchlichen Rahmen zu feiern.

Doch die aktuelle Infektionslage lässt auch das nicht zu. Die offene Kirche wäre für Schulze die letzte Möglichkeit gewesen, noch einmal als Pfarrerin der Michaelsgemeinde zu den Gläubigen zu sprechen. Denn die Gemeinde wird zum Jahresende aufgelöst.

Als Schulze 2017 aus dem nordbadischen Rosenberg nach Rastatt wechselte, ahnte sie noch nicht, dass ihr nur drei Jahre später die Pfarrgemeinde abhanden kommt. Für ihre letzte Stelle vor dem Ruhestand wollte sie damals mit Anfang 60 noch einmal in einer Stadt arbeiten. Die Michaelsgemeinde schien eine ideale Wahl zu sein.

Keine Kandidaten für Ältestenkreis gefunden

Es handelt sich um die älteste evangelische Gemeinde im katholischen Rastatt. Schon seit 1807 ist die Kirche in zentraler Lage in der Herrenstraße ihr Gotteshaus. Johannes-, Petrus- und Thomasgemeinde, mit denen zusammen die Michaelsgemeinde die evangelische Kirche in Rastatt bildet, kamen erst im Lauf des 20. Jahrhunderts dazu.

Schulze merkte allerdings bald, dass sie weitgehend auf sich allein gestellt war. Auf sie wartete eine zwar treue, aber überalterte Gottesdienstgemeinschaft. Hinzu kam ein hoher Anteil an Russlanddeutschen unter den 2.600 Gemeindemitgliedern. „Sie sind es nicht so gewohnt, sich aktiv in Gemeinschaften einzubringen“, sagt Schulze und nennt das eine „starke Konsumhaltung“.

Die Entwicklung gipfelte in der Wahl zum Ältestenkreis im vergangenen Jahr, als sich kein einziger Kandidat für das achtköpfige Gremium zur Verfügung stellte.

Ich hab’ das natürlich alles nicht gewusst.
Angelika Schulze, Pfarrerin

Als Konsequenz beschloss die evangelische Kirchengemeinde Rastatt, einen Strukturprozess anzustoßen. An dessen Ende steht jetzt die Auflösung der Michaelsgemeinde. Schulze steht hinter dieser Entscheidung: „Das ist der richtige Schritt.“ Bei der entscheidenden Abstimmung im Kirchengemeinderat brachte sie es aber nicht übers Herz, für die Abwicklung der eigenen Gemeinde zu stimmen. Sie enthielt sich.

Auch wenn die Entwicklung absehbar war, empfand sie den Beschluss im ersten Augenblick als „schlimm und überraschend“. Vorwürfe macht sie sich keine. Die Strukturen hätten ihr nicht die Möglichkeit gegeben, das Ruder noch einmal rumzureißen. Sie macht aber auch keinen Hehl daraus, dass sie die Stelle 2017 nicht angetreten hätte, wenn sie damals schon mehr über die Hintergründe informiert gewesen wäre: „Ich hab’ das natürlich alles nicht gewusst.“ Aus ihrer Sicht wäre es besser gewesen, den Schritt bereits vor drei Jahren zu gehen.

Evangelische Stadtkirche in Rastatt 21.08.2015 Foto: Ein Kirchenraum.

Aber Schulze will nicht hadern. Zumal sich der Alltag für sie ab dem 1. Januar zunächst nicht groß ändern wird. Sie bleibt Pfarrerin in Rastatt. Die Michaelsgemeinde existiert dann zwar nicht mehr, Schulze übernimmt aber weiter eine sogenannte Predigtstelle an der Stadtkirche. Das bedeutet auch: Dort finden weiterhin Gottesdienste zu den gewohnten Zeiten statt. Das ist Schulze wichtig. Viele Kirchgänger wohnen in den umliegenden Seniorenheimen und kommen zu Fuß. Andere Kirchen sind für sie keine Alternative.

Schulze wird zudem weiterhin seelsorgerische Aufgaben übernehmen. Für kirchliche Amtshandlungen wie Taufe, Trauung, Konfirmation oder Trauerfeier sind künftig allerdings die drei verbliebenen Gemeindepfarrer zuständig, Wenz Wacker, Albrecht Berbig und Ulrich Zimmermann.

Die Mitglieder der Michaelsgemeinde werden ihren drei Gemeinden zugeordnet. Nach der Reform gibt es dann in Rastatt drei ungefähr gleich große evangelische Gemeinden mit jeweils rund 3.000 Mitgliedern.

Wenig Resonanz auf Nachricht der Auflösung

Die Pfarrerin hat sich mit ihrer neuen Aufgabe arrangiert. In zweieinhalb Jahren geht sie in den Ruhestand. Wie es dann mit der Stadtkirche weitergeht, weiß sie nicht. Erklärtes Ziel des Kirchengemeinderats sei es, für sie eine Nachfolge zu finden. Aber das liegt noch in der Zukunft. „Corona wird vieles ändern“, glaubt Schulze auch an langfristige Auswirkungen der Pandemie auf die Kirche.

Dass ihr das Virus nun einen Strich durch die Pläne zum Jahresende macht, trägt sie mit Fassung. Durch die Einschränkungen der Pandemie sei schon das ganze Jahr wie ein langer Abschied gewesen. Außerdem sei die Nachricht der Auflösung bei den Gemeindemitgliedern auf wenig Resonanz gestoßen. Ein bisschen hatte sich Schulze erhofft, dass kritische Stimmen oder Kampfeswille erklingen. Doch als sie die Nachricht im Gottesdienst verkündete, blieb eine Reaktion aus.

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