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IT-Spezialist ist Stammgast

Rastatter Wohnungslosenhilfe bezieht neue Räume in der Stadionstraße

Die Wohnungslosenhilfe des Caritasverbandes Rastatt ist jetzt in neuen Räumen in der Stadionstraße untergebracht. Auch die Stammgäste sind mit umgezogen.

Wohnlich eingerichtet: Die Teestube in den neuen Räumen des Caritasverbandes garantiert den Wohnungslosen nicht nur Wärme, sondern bietet auch die Möglchkeit zum Essen, und zur Nutzung der Medien. Foto: Hans Jürgen Collet

Mit wilder Mähne, einer Feder am Hut und einer Stirnlampe sitzt er vor dem Computerbildschirm. Torsten Kaiser ist gelernter Datenverarbeitungskaufmann und wenn er spricht, wird schnell klar, dass er ein absoluter IT-Spezialist ist. Er lädt Handys auf, kümmert sich um USB-Anschlüsse und beantwortet vielerlei Fragen, wenn es um Belange der digitalen Welt geht.

IT-Spezialist findet alternative Lebensform für sich

Aber: Kaiser lebt nicht gerade so, wie man es sich von einem Mann mit seinen Kenntnissen vorstellt. Nachdem er seine beruflichen Perspektiven in Hamburg verloren hatte, zog er weit hinunter in den Süden, suchte seine Freiheit und fand sie im Wald bei Iffezheim.

„Seit 2016 lebe ich dort in einer Waldhütte“, sagt er froh gelaunt. „In dem Privatwald bin ich dauerhaft geduldet“, erklärt er. Aber nicht nur das: Kaiser ist auch Stammgast in den neuen Räumen der Wohnungslosenhilfe, die der Caritasverband Rastatt direkt neben der Herz-Jesu Kirche in der Stadionstraße im Münchfeld eingerichtet hat. Zuvor wurden die Räume von der Kirchengemeinde genutzt.

Für mich ist das Leben im Wald wie ein Lottogewinn.
Torsten Kaiser, Obdachloser

„Für mich ist das Leben im Wald wie ein Lottogewinn“, sagt der 58-jährige Kaiser, der deshalb bei den Mitarbeitern und in seinem Umfeld auch als „Waldgeist“ bezeichnet wird, aber nun auch gerne in die Stadionstraße kommt. „Er blüht bei uns richtig auf“, sagt Sozialarbeiterin Desiree Ochs, die mit zwei anderen Mitarbeitern in der Wohnungslosenhilfe engagiert ist.

Bislang war die Einrichtung im Untergeschoss des Hauptgebäudes des Caritasverbandes in der Carl-Friedrich-Straße untergebracht – dort, wo jüngst die neue Tagesstätte eröffnet wurde. Seit Anfang Juli ist nun das neue Domizil mit Sanitärraum, Dusche, Waschmaschine, einem Besprechungszimmer und einer Teestube bezogen.

Coronabedingt besteht überall Maskenpflicht. Es gibt eine kleine Küche, Tisch, Couch, Liege, Fernseher und Computer. „Fast alles wurde gespendet“, sagt Ochs zu dem Inventar, das noch mit einigen Spinden angereichert werden soll.

Wunsch nach einer kleinen Werkstatt

Paul Hnas, Leiter des Gemeindepsychiatrischen Dienstes beim Caritasverband, sieht die neue Umgebung als „passenden Standort für unser Klientel“. Er erinnert an einige Eskalationen, die es in der Carl-Friedrich-Straße gab, gerade auch im Zusammenhang mit einer „Trinkerszene“ und auch mit der Nachbarschaft in der Lützower Straße.

„Bis jetzt war hier alles ruhig, es gab noch keine besonderen Vorfälle“, zieht Hnas eine Bilanz nach der Umsiedlung, an der sich ihm zufolge Landkreis, Stadt und die Kirchengemeinde beteiligt haben. Noch ist nicht alles perfekt. So wünschen sich die Verantwortlichen etwa eine kleine Werkstatt für diverse Reparaturen, nicht zuletzt auch von Fahrrädern. Mithin seien Werkzeuge oder USB-Sticks ebenfalls gerne gesehene Spenden.

Eklatante Wohnungsnot ist ein Dauerthema

Desiree Ochs hat schon registriert, dass vor dem nahenden Winter die Nachfrage nach Schlafsäcken und Isomatten wieder ansteigt., so dass hier ebenfalls erhöhter Bedarf bestehe. Eine Übernachtungsmöglichkeit in der Einrichtung gibt es allerdings nicht.

Ochs lobt im Übrigen die Spendenbereitschaft aus den Reihen des KSC und des SC Freiburg: „Von dort haben wir Trainingsjacken, Hosen und Rucksäcke erhalten.“ Manch ein Obdachloser, der die Sachen trägt, werde schon als Fußballer betrachtet, berichtet Ochs.

Die Verantwortlichen denken indessen noch an die Installation eines Sicherheitssystems mit einem Notfallknopf, da bisweilen Mitarbeiter mit den Obdachlosen alleine im Haus seien, erklärt Hnas. Und die Klientel? „Oft sieht man immer wieder die selben Gesichter“, sagt Ochs und berichtet davon, dass derzeit häufig auch junge Männer um Hilfe suchen, die zu Hause ausziehen mussten.

Viele wollen lieber im Freien leben.
Desiree Ochs, Sozialarbeiterin

Ausweisdokumente werden geprüft, Aufenthaltsorte ermittelt, der Umgang mit Behörden unterstützt, Arbeitslosengeld oder auch die Grundsicherung in Form von Tagessätzen verteilt. Geimpft seien die meisten schon, die in die Einrichtung kommen, aber auch hier werde bei Bedarf Hilfe angeboten.

Die eklatante Wohnungsnot ist bei Desiree Ochs und ihren Mitstreitern ein dauerhaftes Thema: „Viele wollen lieber im Freien leben, als in einer Obdachlosenunterkunft.“ Derzeit zählt Ochs etwa fünf bis zehn Besucher in der Einrichtung pro Tag, rund 70 Prozent seien Stammgäste, fast ausschließlich Männer.

„Die meisten sind zwischen 40 und 55 Jahre alt“, sagt sie. Und wer noch genaueres über die Wohnungslosenhilfe an ihrem neuen Standort wissen will kann eine Handynummer wählen. Sie gehört dem „Waldgeist“, der sie am Eingang ausgehängt hat.

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