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Psychologen machen Mut

Corona-Impfung: Wenn die Spritze für Todesängste sorgt

Die Angst vor der Spritze werde heute als ein verbreiteter Grund für die Corona-Impfverweigerung unterschätzt, sagen Psychologen – und machen den Betroffenen zugleich Mut: Die Störung lasse sich mit eigenen Mitteln mildern und gut therapieren.

Unbehagen beim Anblick der Nadel: Die Spritzenangst ist besonders im Kindesalter verbreitet und kann durch unbedachte Äußerungen der Eltern oder unsensibles Verhalten von Ärzten entstehen. Foto: Matthias Bein picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Es geschieht völlig unerwartet. Die Schülerin weiß, dass sie eine Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs bekommen soll, aber sie ist noch nicht dazu bereit.

Ihr Arm ist stark angespannt. Das aufgeregte Mädchen versucht gerade, sich zu beruhigen, als der Arzt ohne Vorwarnung zusticht. „Das hat damals extrem weh getan“, erinnert sich Anne Feldmann. „Ich hatte plötzlich Atemnot und fing an zu weinen.“

Die traumatische Erfahrung, die die junge Karlsruherin mit ruhiger Stimme schildert, hat sich in ihr Bewusstsein eingebrannt. Sie ist der Grund, warum die heute 16-Jährige jedesmal mit sich kämpfen muss, wenn beim Arztbesuch ein Piks oder eine Blutabnahme anstehen. Feldmann ist nicht gegen Corona geimpft. Aus Scham vor ihrer Schwäche möchte sie nicht, dass die BNN ihren echten Namen nennen.

Ich hatte plötzlich Atemnot und fing an zu weinen.
Anne Feldmann, Schülerin aus Karlsruhe

Vor drei Wochen hat diese Zeitung von einer repräsentativen Forsa-Studie berichtet, die der verbreiteten Impfskepsis in Deutschland auf den Grund ging. In der langen Liste der Argumente und Motive der mehr als 3.000 Befragten spielte die Angst vor der Nadel gar keine Rolle.

Nach der Veröffentlichung des Artikels meldete sich BNN-Leserin Ulrike Behrends aus Achern in der Redaktion. Die Zahl der Menschen, die heute wegen akuter Spritzen-Phobie ihre Corona-Impfung verweigern oder sie zumindest hinauszögern, werde stark unterschätzt, weil niemand darüber reden möchte, schrieb sie. „Denn wer outet sich schon gerne als Weichei?“

Die 65-jährige Pensionärin spricht aus Erfahrung in der eigenen Familie. Behrends ist bereits geboostert und hat als Blutspenderin keine Probleme damit, eine Nadel in den Händen eines Arztes zu sehen. Ganz anders sei es jedoch bei einem ihrer Söhne. Der 41-Jährige sei zwar jetzt gegen Corona geimpft, aber es habe ihn eine enorme Überwindung gekostet, erzählt Behrends offen.

Seine Angst vor der Spritze ist viel größer als die vor dem Schmerz.
Ulrike Behrends, Pensionärin aus Achern

Sie erinnert sich, dass bei ihrem Flemming alles in der Grundschule angefangen habe. „Er hat sich als Einziger geweigert, gegen Masern geimpft zu werden. Er hatte einen Schweißausbruch und hat getobt und geschrien.

Andere Kinder und ich haben auf ihn eingeredet, aber er war für uns nicht erreichbar.“ Ihr Sohn habe später gelernt, sich abzulenken und ruhig zu bleiben, wenn ein Piks absolut unvermeidlich sei. „Trotzdem lässt sich Flemming beispielsweise beim Zahnarzt nie eine Spritze geben“, sagt die Mutter, „weil seine Angst davor viel größer ist als die vor dem Schmerz.“

Ein Hindernis auf dem Weg zur Herdenimmunität

Könnte die Trypanophobie, wie die Spritzenangst in der Fachsprache heißt, tatsächlich ein relevantes Hindernis auf dem Weg zur angestrebten Corona-Herdenimmunität in Deutschland sein? Ja, glauben ein von den BNN befragter Psychologe und eine Psychiaterin aus der Region. Nach ihren Einschätzungen könnten zwischen fünf und 15 Prozent der Bevölkerung von der Störung betroffen sein.

„Die Spritzenphobie geht oft einher mit Ängsten vor Verletzungen“, sagt Maren Stödtke, Oberärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in der Median Klinik Gunzenbachhof Baden-Baden. „Das hat auch frühgeschichtliche Ursprünge: Denn in der Steinzeit und im Mittelalter hatten verletzte Menschen geringere Chancen zu überleben.“

Derlei Ängste seien besonders im Kinder- und Jugendalter verbreitet, weil sich kein Kind gerne verletzen lasse, verdeutlicht die Expertin.

Eltern können vieles richtig machen oder falsch

Eine Schlüsselrolle spielten dabei die Eltern. „Ihre Aufgabe ist es, beim Arzt für das kranke oder zu impfende Kind eine sichere Situation zu schaffen. Wenn man jedoch vielleicht sagt: ,Das war schlimm, aber du warst tapfer’, ist es ungünstig, weil es die Situation in ein negatives Licht rückt, und so Ängste entstehen können.“ Stödtke schlägt deswegen eine andere Formulierung vor: „Es ist in Ordnung, wenn Dinge auch mal wehtun, aber das war notwendig.“

Auch der Psychologe Stefan Junker hält es für wichtig, dass sich die Eltern bei den ersten Begegnungen ihrer Kinder mit der Spritze klug verhalten. Es sei an sich eine beängstigende Situation, eine Nadel aus der Nähe zu sehen.

„Wenn dann beim Kinderarzt noch alle gestresst sind, könnte daraus eine Phobie entstehen“, sagt der Fachmann. „Denn die Kinder erwarten, dass es nächstes Mal auch schwierig sein wird. Irgendwann vermeidet man dann vielleicht gänzlich solche Situationen.“

Wenn beim Kinderarzt alle gestresst sind, könnte so eine Phobie entstehen.
Stefan Junker, Psychologe

In seiner Praxis in der Nähe von Waghäusel sieht Junker hin und wieder Menschen mit schweren Erkrankungen, die sich aus Angst vor der Spritze nicht behandeln lassen wollen. Oder schwangere Frauen, die ein schlechtes Gewissen haben, weil sie sich aus purer Panik vor dem Piks nicht impfen ließen und die jedoch ihrem Kind ein gutes Vorbild sein möchten.

„Das sind generell Menschen, deren Angstapparat schnell und stark hochfährt, ihr System ist sozusagen in andauernder Alarmbereitschaft“, sagt der Psychologe. „Sie leiden an Traumafolgen, haben selbst schlechte Erfahrungen bei Ärzten gemacht oder Horrorgeschichten von misslungenen Erfahrungen gehört.“

Viele Betroffenen meiden die Ärzte

Junker glaubt, dass unter normalen Umständen längst nicht alle Spritzenphobiker Rat und Hilfe bei Spezialisten suchen würden. Der Grund dafür sei, dass diese Angst bei ansonsten gesunden Menschen die Lebensqualität nicht permanent und stark beeinträchtige – ganz anders etwa als die Panik vor Höhen oder offenen Plätzen. „Die Corona-Krise verstärkt jedoch die Nadelphobien“, ist der Psychologe überzeugt.

Er macht dafür teilweise die Mythen und Propaganda von Impfgegnern in den sozialen Netzwerken verantwortlich. Sie würden suggerieren, dass die Angst vor der Nadel sinnvoll sei, als ein begründeter Reflex und Schutzmechanismus gegen etwas angeblich Schlimmes.

„Ich kriege eine andere Bewertung der Situation und habe keine Angsterkrankung mehr, sondern empfinde mich als einen ,Wutbürger‘“, erklärt Junker den Mechanismus und fügt hinzu: „Das ist nicht zu unterschätzen. In der großen Welle von Impfgegnern dürfte heute auch ein großer Anteil von Nadelphobikern sein.“

Eine rationale Herangehensweise könnte die Emotionalität mildern.
Maren Stödtke, Psychiaterin

Es gibt aber eine gute Nachricht für alle Betroffenen: Die Trypanophobie lässt sich wirksam und mit relativ geringem Aufwand behandeln. Manchmal kann man sich auch selbst helfen.

„Es ist sinnvoll, die Situation zu analysieren“, rät Maren Stödtke. „Was ist gefährlicher, der kurze Augenblick des Einstichs oder die Folgen, wenn ich die Spritze nicht akzeptiere? Eine rationale Herangehensweise könnte die Emotionalität mildern.“

Training hilft gegen Schwindelanfälle

Stefan Junker unterscheidet zwei Ausprägungen der Spritzenangst: Manche Menschen reagieren auf die Nadel mit Schwindelgefühlen und Kreislaufproblemen.

„Ihnen hilft die angewandte Anspannung“, sagt der Fachmann. „Man trainiert zum Beispiel, trotz der angespannten Muskulatur ruhig zu atmen, um den Kreislauf zu unterstützen – indem man auf einem Stuhl sitzend seinen Hinterkopf gegen eine Wand drückt“.

Anderen Menschen würde mentale Entspannung helfen: „Ich konzentriere mich auf Dinge, die ich benenne: Ein Bild, die Gardine. Es raschelt, ich höre Vogelgesang. Das lenkt meine Aufmerksamkeit auf andere Aspekte und tut gut.“

Wenn alles nichts nütze, lasse sich die Angst beispielsweise in wenigen Sitzungen in seiner Praxis bewältigen. Junker baut dafür mit seinen Patienten stufenweise eine „Angsthierarchie“ auf – von klein zu groß, von einem Foto einer Spritze über ein Impfvideo bis hin zur Nadel in der Hand. Parallel dazu verinnerliche man, ruhig zu bleiben, bis die Phobie „verlernt“ werde.

Jeder ist dazu fähig, mit seinen Ängsten umzugehen.
Stefan Junker, Psychologe

„Corona geht vorbei, aber die Notwendigkeit sich impfen oder sein Blut untersuchen zu lassen, wird bleiben“, sagt der Psychologe – und macht Mut: „Jeder ist dazu fähig, mit seinen Ängsten umzugehen.“

Auch die Karlsruher Schülerin Anne Feldmann hat sich ohne eine Therapie soweit in Griff, dass sie heute trotz des „extremen Unwohlseins“ eine Corona-Impfung in Betracht ziehen will.

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