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Konfliktzone Internet

Jeder sechste Schüler betroffen: Corona bewirkt Zunahme von Cybermobbing

Die Zahl der Cybermobbing-Fälle ist laut einer neuen Studie seit 2017 um 36 Prozent gestiegen. Etwa zwei Millionen Kinder und Jugendliche sind deutschlandweit von Ausgrenzung und Angriffen im Internet betroffen. Die Corona-Pandemie wirkt als Verstärker.

Angriffe, Beleidigungen und Mobbing im Internet unter Kindern und Jugendlichen haben in den vergangenen Jahren spürbar zugenommen. Die Schulschließungen und das Ausweichen auf Unterricht im Netz haben das Problem verschärft. Foto: Julian Stratenschulte picture alliance / Julian Stratenschulte/dpa

Es fängt oft relativ harmlos an. Eine abgelehnte Kontaktanfrage in einem sozialen Netzwerk, eine beiläufige Bemerkung auf Instagram oder WhatsApp. Dann aber werden vielleicht noch peinliche, persönliche Fotos im Internet veröffentlicht, es mehren sich Beleidigungen, die Betroffenen werden bloßgestellt und isoliert.

Angriffe und Ausgrenzungen im Netz nehmen zu

Cybermobbing kann insbesondere bei Jugendlichen und Kindern ein großes, mitunter sogar ein lebensgefährliches Problem sein. Experten schlagen jetzt Alarm: Laut einer neuen Studie haben die Angriffe und Ausgrenzungen von jungen Menschen im Internet in den vergangenen drei Jahren stark zugenommen. Und die Corona-Pandemie hat die Situation noch verschärft.

Etwa zwei Millionen Jugendliche in Deutschland sind jetzt von Cybermobbing betroffen, jeder Sechste zählt sich mittlerweile zu den Opfern von Hass und Hetze im Netz. Die Zahl stieg in den vergangenen drei Jahren Jahren von 12,7 auf 17,3 Prozent. Das sind die zentralen Erkenntnisse einer gemeinsamen, repräsentativen Befragung des Karlsruher Bündnisses gegen Cybermobbing und der Techniker Krankenkasse unter mehr als 6.000 Schülern, Lehrern und Eltern.

Jedes dritte Opfer wurde schon einmal erpresst und bedroht

Die betroffenen Kinder und Jugendlichen berichten meist von Beleidigungen und Beschimpfungen (72 Prozent), viele wurden Opfer von Lügen oder Gerüchten (58 Prozent). Vier von zehn Betroffenen fühlen sich ausgegrenzt. Jeweils 30 Prozent wurden im Internet erpresst, bedroht und durch die Veröffentlichung peinlicher Fotos oder Videos blamiert.

Laut den Autoren der Untersuchung gibt es seit einer vergleichbaren Studie im Jahr 2017 etwa 500.000 mehr Fälle von Cybermobbing bei Jugendlichen, als unter gleichbleibenden Bedingungen zu erwarten gewesen wären. Ein wichtiger Faktor, der zu diesem Anstieg geführt haben könnte, ist in ihren Augen die Corona-Pandemie. Schulen wurden zeitweise geschlossen, der Unterricht ins Internet verlagert. Viele Eltern waren mit der Situation überfordert, und die Lehrer konnten sich weniger um die Schüler kümmern, die mehr auf sich selbst gestellt waren.

Langeweile und Frust vom Homeschooling erzeugen Konflikte

Die Forscher gehen davon aus, dass die Pandemie-Einschränkungen bei vielen Schülern Langeweile und Unzufriedenheit verursacht sowie bestehende soziale Konflikte verschärft haben könnten. Und da sich Corona-bedingt mehr Sozialkontakte in die Welt von WhatsApp und Instagram verlagert hatten, gab es dort auch mehr Angriffe.

Die Folgen von Cybermobbing, so warnt die Studie, können sehr schwerwiegend sein. Etwa ein Viertel aller Opfer hatte nach eigener Darstellung Suizidgedanken, das waren 20 Prozent mehr als 2017. Etwa jeder oder jede Fünfte griff aus Verzweiflung zu Tabletten oder Alkohol. Hier gab es eine Zunahme von 30 Prozent.

„Es zeigt sich ganz deutlich, dass heute gezielter und härter gemobbt wird, als noch vor drei Jahren. Nach den Tatmotiven gefragt, sind es vor allem: ,weil es die Personen verdient haben’ und ,weil ich Ärger mit der Person hatte’“, sagte zur Vorstellung der Studie am Mittwoch Uwe Leest, Vorstandschef des Bündnisses gegen Cybermobbing, das seit 2011 in Karlsruhe arbeitet. Die Untersuchung sieht einen Verbesserungsbedarf bei der Präventionsarbeit an Schulen und empfiehlt mehr Beratungsstellen und nicht zuletzt ein größeres Engagement von Eltern.

Der Medienpädagoge Sebastian Seitner hält gerade in Corona-Zeiten ein „wachsames Auge“ auf die seelische Verfassung von Schülern für extrem wichtig. „Lehrer und natürlich auch Eltern sollten sich um ein gutes Vertrauensverhältnis bemühen. Es kann helfen, wenn man das Gespräch mit dem Jugendlichen sucht, über seine Sorgen spricht und nachfragt, wie er und seine Freunde mit Cybermobbing umgehen“, sagte im Gespräch mit unserer Redaktion der Referatsleiter Medienpädagogische Unterstützungssysteme am Landesmedienzentrum Baden-Württemberg in Stuttgart.

Seitner wird nach eigenen Worten im Schnitt derzeit ein- bis zweimal pro Woche von besorgten Eltern kontaktiert. „Die Zahl der Anrufe und Anfragen um Hilfe ist in der Corona-Zeit gestiegen“, stellt er fest. Der Fachmann mahnt, bei Cybermobbing nicht wegzuschauen. „Manche Kinder machen sich da keine großen Gedanken. Doch wenn sie solche Angriffe gegen andere Altersgenossen mitkriegen, sollten sie ,Stopp’ sagen. Und es hilft auch sehr, wenn die Eltern und Lehrer sich einmischen.“

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