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Kritik an Zuckerberg

Whistleblowerin Haugen sagt vor US-Senat aus: „Facebook muss moralischen Bankrott erklären“

Frances Haugen, ehemalige Facebook-Mitarbeiterin, hat in einem Unter-Ausschuss des US-Senats zu den Praktiken des Konzern ausgesagt. Dabei kritisiert die Whistleblowerin unter anderem Firmengründer und -chef Mark Zuckerberg scharf.

Frances Haugen, ehemalige Facebook-Mitarbeiterin und Whistleblowerin, sagt während einer Anhörung des Senatsausschusses für Handel, Wissenschaft und Verkehr aus. Foto: Drew Angerer/dpa

Showdown im US-Kapitol. Jenes Gebäude, das Anfang des Jahres von einem Mob wütender Trump-Anhänger gestürmt worden war, bei dem fünf Menschen ums Leben kamen und Hunderte verletzt wurden. Seitdem galt das Gelände rund um den Gebäudekomplex in Washington als Sperrzone. Erst vor wenigen Tagen sind die letzten Sicherheitsbarrikaden rund um das Parlamentsgebäude entfernt worden.

„Kinder online schützen“ lautet der etwas generische Titel der Anhörung. Selten war eine Unter-Ausschusssitzung des US-Senats so gut besucht, gerade in Zeiten einer Pandemie, scherzt der Ausschussvorsitzende, Senator Richard Blumenthal zur Eröffnung.

Der Grund dafür ist eine Frau: Frances Haugen, eine 37-jährige Datenspezialistin und frühere Facebook-Produktmanagerin. Die Harvard-Absolventin hat für ein Erdbeben im Silicon Valley und rund um die Welt gesorgt, als sie sich dazu entschloss, interne Unterlagen mit der Welt zu teilen, die Facebook schwer belasten.

Whistleblowerin appelliert an die Senatoren, Facebook zu regulieren

„Gestern haben wir erlebt, wie Facebook aus dem Internet verschwand“, so Haugen in ihrem Eröffnungsstatement. „Ich weiß nicht, weshalb das geschah, aber ich weiß: Für mehr als fünf Stunden wurde Facebook nicht dazu benutzt, Spaltungen voranzutreiben, Demokratien zu destabilisieren und Mädchen und junge Frauen nicht dazu gebracht, sich in ihren Körpern schlecht zu fühlen.“

Es ist noch nicht zu spät.
Frances Haugen, ehemalige Facebook-Mitarbeiterin

Die Whistleblowerin appellierte an die Senatoren, zu handeln und Facebook zu regulieren, solange das noch möglich sei. „Es ist noch nicht zu spät.“

Der Entschluss, mit ihrem Wissen an die Öffentlichkeit zu gehen, sei gefallen, als ihr klar wurde, dass sich Facebook aus sich heraus nicht ändern werde. Die Gefahren, die von Facebook ausgehen, seien der Führungsspitze lange bekannt gewesen. „Facebook, was es tut“ und man habe sich dazu entschlossen, Profit über Sicherheit zu stellen.

Whistleblowerin Haugen lässt kein gutes Haar an Mark Zuckerberg

„Facebook möchte Sie glauben lassen, dass die Probleme, über die wir (hier) reden, unlösbar seien“, so Haugen vor den Ausschussmitgliedern. „Ich bin heute hier, um Ihnen zu sagen, dass das nicht stimmt. (…) Ein sicheres und freundlicheres Soziales Netzwerk, das Redefreiheit respektiert, ist möglich.“

Im späteren Verlauf der Anhörung lässt Haugen kein gutes Haar an ihrem früheren Arbeitgeber, insbesondere nicht an Firmenchef Mark Zuckerberg, den sie auf Nachfrage als den Verantwortlichen für die Missstände in dem Unternehmen benennt. „The bucket stops with Mark“, bringt es die Kronzeugin auf den Punkt. Am Ende bestimme immer Mark.

Zuckerberg hält 55 Prozent der Stimmrechte an Facebook

Mark Zuckerberg besäße eine einzigartige Stellung in dem Unternehmen. Er hält 55 Prozent der Stimmrechte an Facebook, kann also noch nicht einmal von seinem eigenen Aufsichtsrat entlassen werden. „In Harvard wird einem beigebracht, Verantwortung zu übernehmen für das Unternehmen. Zuckerberg habe Facebook allein auf Metriken, auf Zahlen ausgerichtet.“

So habe Zuckerberg persönlich darauf bestanden, den Facebook-Algorithmus so zu belassen, wie er ist, obwohl zu diesem Zeitpunkt intern bekannt war, wie sehr die auf Wachstum programmierte Nachrichtenauswahl Menschen gegenseitig aufhetzt und letztlich sogar zu Gewaltausbrüchen und Lynchmorden führen kann.

Diese Entscheidung galt auch für Schwellenländer, die Facebook selbst als sogenannte „at risk“-Staaten einstufte, also Länder, die für Gewaltakte gegen Minderheiten bekannt sind. Ob dieser Empfehlungsalgorithmus auch heute noch aktiv sei? „Ja, das ist er“, so Frances Haugen.

Whistleblowerin Haugen stehen harte Zeiten bevor

Über die Motive, die zu solchen fragwürdigen Entscheidungen führen, könne die Kronzeugin nach eigenen Angaben nur spekulieren. Es könnte an dem Belohnungssystem, zum Beispiel an den Bonuszahlungen liegen, die zu dieser Unternehmenskultur führen, sagt sie. Facebook müsse „moralischen Bankrott“ anmelden, um sich zu ändern.

Der Internetkonzern sei an einem sehr schwierigen Punkt in seiner Geschichte angelangt, so Frances Haugen. Das Unternehmen habe seit geraumer Zeit Probleme, geeignetes Personal zu rekrutieren. Viele Bereiche seien personell komplett unterbesetzt, was zu immer neuen Problemen führe.

Der Whistleblowerin stehen harte Zeiten bevor. Zwar genießt sie Schutz aufgrund eines Whistleblower-Gesetzes, das Informanten, die gesetzwidriges Verhalten von Konzernen melden, zur Seite steht. Dieser Schutz gilt allerdings nur für ihre Zeugenaussage und die Dokumente, die sie der Regierung zur Verfügung gestellt hat.

Die Tatsache, dass Haugens Dokumente auch den Weg zum „Wall Street Journal“ und zu CBS gefunden haben, könnte ein Hebel für Facebooks Anwälte sein, die 37-Jährige über Jahre hinaus mit Klagen zu überziehen, die ihr Leben ruinieren könnten.

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