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Zwist in Karlsruhe schwelt weiter

Staatstheater-Krise: Wie lange hält die Politik an Peter Spuhler fest?

Der Rückhalt schwindet für Peter Spuhler. Dem Chef des Staatstheaters Karlsruhe werden schwere Verfehlungen in der Amts- und Mitarbeiterführung vorgeworfen. Nun geht eine große Besucherorganisation auf Distanz, und die Rettungsversuche der Kunstministerin und des Karlsruher OB werden politisch scharf kritisiert.

Umbau als Vertragsargument: Peter Spuhler (Mitte), hier im Januar 2019 mit Ministerpräsident Winfried Kretschmann, Kunstministerin Theresia Bauer, dem Geschäftsführenden Direktor Johannes Graf-Hauber und dem Karslruher OB Frank Mentrup. Foto: Artis/Uli Deck Foto: Artis

Der Titel wirkt, als sei er brandaktuell gewählt: „Krise als Chance - Was kommt danach?” lautet das Thema einer Gesprächsrunde, zu der das Staatstheater Karlsruhe am heutigen Dienstagabend auf seine Terrasse einlädt. Als diese Veranstaltung im Corona-Sonderspielplan angesetzt wurde, war mit besagter Krise natürlich die Lahmlegung des Kulturbetriebs durch die Pandemie gemeint. Doch nun bringt er die zentrale Frage im Zwist um Generalintendant Peter Spuhler auf den Punkt.

Der Zustand der Krise ist offenkundig, aufgrund der vehementen Kritik aus der Belegschaft am Führungsstil von Peter Spuhler. Er soll durch übermäßigen Kontrollzwang, cholerisches Verhalten, stetige Einmischung in kleinste Details und das Einfordern permanenter Verfügbarkeit sowohl die Arbeitsabläufe am Haus als auch die Gesundheit der Mitarbeiter bis hin zu mehreren Burn-Out-Fällen gefährdet haben.

Gesellschaft der Freunde äußert sich

Rückhalt unter den Beschäftigten soll Spuhler dem Vernehmen nach kaum noch haben, trotz einer reuevollen Ansprache bei zwei Personalversammlungen. Am Montagabend ist nun auch der größte Unterstützerverein des Theaters auf Distanz gegangen: Die Gesellschaft der Freunde des Badischen Staatstheaters, nach Eigendarstellung mit über 1.400 Mitgliedern der größte Kulturförderverein in Karlsruhe und eine der größten Theaterfördergesellschaften in der Bundesrepublik, zieht eine ernüchternde Bilanz aus neun Jahren Intendanz.

In einem Statement für den Verwaltungsrat wird die große Einsatz- und Leistungsbereitschaft und das hohe Können aller Theatermitarbeiter gelobt. Über die hohe Personalfluktuation der Ära Spuhler heißt es: „Dass so viele motivierte Personen bereits nach kurzer Zeit wieder das Haus verlassen, ist schmerzhaft.” Auch im Programm gebe es keine Verlässlichkeit. Szenisch hervorragende Produktionen würden unverständlicherweise abgesetzt, verlässliche „Quotenbringer” hingegen seien inszenatorische Desaster geworden.

Parteien kritisieren Verwaltungsrat

Die hohe Personalfluktuation war auch Thema des BNN-Berichts über drei scheidende Mitarbeiter der Opernsparte, mit dem die öffentliche Diskussion begann. Politisch wurde das Thema durch einen Offenen Brief des Personalrats an den Verwaltungsrat, dem Kunstministerin Theresia Bauer (Die Grünen) und der Karlsruher Oberbürgermeister Frank Mentrup (SPD) vorsitzen.

Deren gemeinsame Stellungnahme, man sei von diesen Vorwürfen völlig überrascht und halte den Weg in die Öffentlichkeit für „inakzeptabel” stößt nun auf politische Gegenkritik.

Sehr deutlich wird der CDU-Kreisverband Karlsruhe in einer Pressemitteilung: Er sieht „schwere Versäumnisse” von Bauer und Mentrup „in deren Funktion als Führung des Theater-Verwaltungsrats”. Statt „ihrer Fürsorgepflicht für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Staatstheaters nachzukommen”, hätten sie „beide den Personalrat öffentlich an den Pranger gestellt”.

Der Verwaltungsrat muss jetzt umgehend das Heft des Handelns in die Hand nehmen.
FDP-Kreisverband Karlsruhe-Stadt

Die Gemeinderatsfraktion der Partei „Die Linke” teilt mit: „Der Verwaltungsrat hat über Jahre weggeschaut und in seiner Kontrollfunktion völlig versagt.” Das Staatstheater brauche „dringend einen Neustart”, und zwar „am besten mit einem Führungsteam” und „echten Mitspracherechten der Belegschaft”. Und der FDP-Kreisverband Karlsruhe-Stadt fordert: „Der Verwaltungsrat muss jetzt umgehend das Heft des Handelns in die Hand nehmen und Bauer und Mentrup das Vertrauen entziehen.”

Am Freitag wird’s ernst

Was auch immer der Verwaltungsrat tut, wird sich am kommenden Freitag zeigen. Dann tagt dieses 16-köpfige Gremium, das über die Besetzung der Generalintendanz entscheidet. Dort vertreten sind neben Bauer und Mentrup auch das Finanzministerium in Person von Staatssekretärin Gisela Splett (Die Grünen), der Karlsruher Kulturbürgermeister Albert Käuflein (CDU) sowie sechs Landtagsabgeordnete (derzeit aus den Parteien AfD, CDU, Die Grünen und SPD) sowie sechs Stadtratsmitglieder (aus CDU, Die Grünen, FDP, KAL und SPD).

Erst im Mai 2019 hatte dieses Gremium den bis 2021 laufenden Vertrag von Peter Spuhler bis 2026 verlängert, laut damaliger Pressemitteilung des Kunstministeriums „einstimmig”. Damit werde, so wurde Theresia Bauer damals zitiert, „die national mit zahlreichen Auszeichnungen anerkannte künstlerische Qualität des Badischen Staatstheaters” gesichert. Zudem liege das Bau- und Sanierungsvorhaben „in erfahrenen Händen.” Zusammen mit Johannes Graf-Hauber als Geschäftsführendem Direktor und der seit 1. November 2018 bestehenden neuen Leitungsstruktur sei „das Haus jetzt langfristig personell und organisatorisch bestens aufgestellt”.

Bauer will „Blick nach vorne richten”

Aktuell spricht Bauer, die Peter Spuhler eng verbunden gilt seit dessen Erfolg als Intendant des Stadttheaters in ihrem Wohnort Heidelberg, etwas anders von der Situation. Im SWR räumte sie ein, eine „Debatte über Leistungsdruck und Überstunden” habe es schon früh gegeben und diese sei „von daher ein Dauerthema“.

Nach einem Treffen mit dem von ihr heftig kritisierten Personalrat am vergangenen Freitag erklärte sie, es sei „ein sehr gutes, ein sehr intensives und ernsthaftes Gespräch” gewesen. Man habe „schwierige Situationen benannt”, aber auch „darüber geredet, wie wir den Blick nach vorne richten können”.

Auch Frank Mentrup formuliert seinen Standpunkt mittlerweile etwas anders als in der schriftlichen Stellungnahme: „Es wäre meiner Ansicht nach richtig gewesen, diese Vorwürfe zunächst intern zu besprechen. Zumal ich sehe, dass diese Vorwürfe über Burn-Out oder etwa das Anschreien von Mitarbeitern eine andere Qualität haben als das, was bei der Mediation vor fünf Jahren diskutiert wurde”., so der Karlsruher OB auf BNN-Anfrage.

Diesen Vorwürfen müsse nun nachgegangen werden. Dafür habe man den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Theaters Angebote gemacht und wolle diese im Verwaltungsrat diskutieren.

Mentrup begründet Verlängerung

Zwar habe der Personalrat im Frühjahr 2018 eine Mitarbeiter-Umfrage zum Arbeitsklima vorgelegt. Diese habe ihm aber eher signalisiert, dass man in diese Mediation nochmals einsteigen müsse, so Mentrup. Faktoren, die gegen eine erneute Verlängerung von Spuhlers Vertrag sprächen, habe er darin nicht gesehen.

Zur Vertragsverlängerung selbst sagt Mentrup, man sei „mit der künstlerischen Qualität des Staatstheaters sehr zufrieden gewesen“ und Spuhler habe das Haus „für die Stadtgesellschaft und für die Zusammenarbeit mit vielen Institutionen geöffnet“. Zudem habe er „den Prozess der Vorbereitung der Sanierung sehr fachkundig begleitet, was ein weiteres Argument war, ihn mindestens in das erste Modul der Sanierungsphase mitzunehmen.“

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