Winfried Schäfer wird 70.
Winfried Schäfer wird 70. | Foto: Collage BNN / Imago / GES

Porträt der KSC-Legende

Fußball-Weltenbummler Winfried Schäfer wird 70 und ist immer noch mit „Feuer und Leidenschaft“ dabei

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Der Name Winfried Schäfer Name ist bis heute mit Glanzzeiten des KSC verbunden, mit Ausnahmetalenten wie Oliver Kahn und Mehmet Scholl oder dem „Wunder vom Wildpark“ – dem 7:0-Sieg im UEFA-Cup 1993 gegen den FC Valencia. Am Freitag den 10. Januar feiert Schäfer seinen 70. Geburtstag.

Nach seiner Zeit beim KSC wird Winfried Schäfer ein Weltenbummler. Kamerun, Jamaika, Iran, Thailand und die Vereinigten Arabischen Emirate werden sein Arbeitszuhause. Das Leben der KSC-Legende im Porträt ist zuerst im Jubliäumsheft „Nur der KSC“ erschienen. Zum Geburtstag ergänzen Erinnerungen von Schäfer an seine Vergangenheit und ein Blick auf seinen Geburtstag das Porträt.

Winfried Schäfer: Der Legenden-Trainer im Blick

Wo wohl würde Winfried Schäfer ein Porträt über den Fußball-Weltenbummler Winfried Schäfer beginnen lassen? „Überall da, wo jemand einen Ball hatte. Straße gegen Straße“, gerät dem nunmehr 70-Jährigen die Antwort reichlich vage.

Deshalb setzt diese Annäherung an seine Person in Ettlingen, am lauen Abend des 29. Juni 2019, ein. Der Trainer Schäfer kommt aus Mozarts Zauberflöte und auf dem Nachhauseweg von den Schlossfestspielen am Hotel Erbprinz vorbei. Dort trifft er auf eine aufgekratzte Männerrunde vom KSC.

Zufall.

Sportdirektor Oliver Kreuzer begeht mit dem Präsidenten Ingo Wellenreuther und dem Vize Günter Pilarsky einen besonderen Sieg. Die am Mittag von den Mitgliedern beschlossene Ausgliederung, mit der sich der KSC für den Kapitalmarkt öffnet, ist neben der Rückkehr in der Zweiten Liga und dem vorbereiteten Stadionneubau ein weiteres Puzzleteil für das, was nach 2022 ein hübsches Ganzes ergeben soll: Visionen von der Bundesliga.

Mit Pilarsky schwingt Schäfer ab und an den Golfschläger für gute Zwecke. Ansonsten aber begegnet der KSC dem Trainer nur noch in der Vergangenheit.

Nein: Sie verfolgt ihn.

Überall hin, wo jemand einen Ball hat.

Trainerneuling Schäfer beim KSC in den 80ern

Anfangs, 1986 war`s, habe nicht jeder beim KSC begriffen, warum der Manager Carl-Heinz Rühl, der kurz vor Silvester gestorben ist, auf den Trainerneuling setzte.

Sicher: Schäfer kannte man als Spieler.

Der Weisweiler-Schüler aus dem Gladbacher Fohlen-Stall stand zwischen 1975 und 1977 in der Bundesligamannschaft des KSC, trainiert von: Rühl.

Calli war in meiner Karriere sehr wichtig, er hat den ewigen Besserwissern den Mund verboten.

Winfried Schäfer

Schäfer führt an, dass viele der Zweifler später nach Aufstieg und Vorboten des Kommenden unter den ersten waren, die sich an seiner Seite sonnten.

Winfried Schäfer war 1968 bis 1970 sowie 1977 bis 1985 bei Borussia Mönchengladbach als Spieler unter Vertrag bei Borussia Mönchengladbach.  | Foto: imago images / Thomas Zimmermann

Als der KSC in der Tabelle vor dem FC Bayern stand …

1992 ließ der KSC als Tabellenachter gar den FC Bayern (10.) in der Abschlusstabelle hinter sich. „Gefreut hat sich nur die Deutsche Bahn, denn von da an fuhren Uli Hoeneß und sein Trainer sehr oft mit dem ICE von München nach Karlsruhe“, lässt Schäfer einen jener Sätze fallen, die typisch für ihn sind.

Dem Männermagazin Penthouse erzählte er 1994 vom „Luxus“, der bei seiner Rückkehr „komplett verpilzt und verschimmelt“ war. Schäfer gab an: „Die Spieler hatten keine Fußballschuhe, keine Winterschuhe, keine Mäntel und im Bus nix zu essen. Heute haben wir 25 Millionen Mark auf dem Konto.“

Mehr zum Thema: Interview mit Winnie Schäfer – „Wahnsinn, einfach Wahnsinn“

Der „wilde Winnie“ vom KSC in die Welt

Winfried Schäfer war nicht nur viele Jahre Trainer beim KSC, zwischen 1975 und 1977 auch im Mittelfeld aktiv. | Foto: imago-images

Frech und direkt war der Mann mit der rotblonden Mähne und der Fußball-Macke schon immer.

Schäfer hat nichts vergessen.

Manches vielleicht verziehen.

Vielleicht.

Leicht tut er sich nicht damit:

Roland Schmider, Wernfried Feix und ich, wir waren ein Team.

Vor allem sein Mentor Feix sei „für den Verein ein ganz wichtiger Mann“ gewesen. Der damalige Verwaltungsratsvorsitzende, 2010 verstorben, sei keiner gewesen, der sich zu sehr von Emotionen leiten ließ. Sicher: Es gab sie zur Genüge, die Machtkämpfe, die Zerwürfnisse, die Versöhnungen, die Provinzpossen und Ego-Shows – und die öffentlich gewaschene Schmutzwäsche.

Doch wer mag heute davon noch hören, darüber lesen?

Mit keinem anderen Trainer war der KSC so erfolgreich wie mit Schäfer.

Umgekehrt gilt dasselbe. 1998 entließ man ihn.

Nach den folgenden Reinfällen beim VfB Stuttgart und bei Tennis Borussia Berlin machte der „wilde Winnie“ seit der Jahrtausendwende eigentlich nur noch wilde Sachen. Pausenlos. Zehn Tage nach der Zufallsbegegnung mit den KSC-Leuten in Ettlingen verrät er seine nächste abenteuerliche Aufgabe: Baniyas SC, Abu Dhabi.

Kamerun und Schäfer – eine Erfolgswelle

War er beim KSC zur rechten Zeit am rechten Ort, so war er das erstmals wieder in Kamerun.

German Guru.

Afrika-Cup-Gewinner.

Volkstribun.

Und 2002 traf er bei der WM seinen KSC-Schüler Oliver Kahn wieder. „Oli wurde zum deutschen WM-Retter“, betont Schäfer. Das 0:2 in Shizuoka bedeutete, dass die Westafrikaner raus waren. Schon deren Vorbereitung hatte den Namen nicht verdient.

Weil der Sportminister die Prämien an die Spieler nicht auszahlen wollte, waren auch Schäfers Nerven strapaziert: „Zum Turnier sind wir dann fünf Tage später in Japan eingetroffen.“ Beim Confed Cup ein Jahr später durchlebte Schäfer mit Kamerun eine Achterbahn der Gefühle.

Weltmeister Brasilien: bezwungen.

Im Halbfinale gegen Kolumbien brach Marc-Vivien Foé auf dem Spielfeld zusammen. Der Familienvater verstarb eine Stunde später im Krankenhaus. Die Bilder, die sich in der Kabine von Lyon abspielten, würden Schäfer und der aus Karlsruhe mitgekommene Teamarzt Heinz-Walther Löhr nie vergessen.

Frankreich besiegte Kamerun im Finale nach Golden Goal. Was blieb?

Es war eine fantastische Zeit dort.

Winfried Schäfer

Sie endet im November 2004, nach einer 0:3-Niederlage gegen die Deutschen in Leipzig. Wieder gab`s davor Chaos, nur diesmal war nichts mehr zu retten für den deutschen Trainer.

Thailand: Ein gesichtsloses Ende

Als erfolglos sieht Schäfer die Zeit in Thailand nicht an. | Foto: GES

„In dem Geschäft“, sagt Schäfer, „darf man sich nicht verbiegen lassen.“ Dann erzählt er, wie seine zweijährige Episode als Nationaltrainer Thailands 2013 endete: „Als sich der Finanzminister in meine Aufstellung einmischte, habe ich ihm in der Kabine erklärt, dass das hier so nicht laufen wird. Daraufhin wurde er lauter, und ich wurde lauter – vor versammelter Mannschaft verlor er sein Gesicht. Was das in Asien bedeutet, braucht man keinem erklären.“ Als erfolglos sieht Schäfer jene Zeit nicht an.

Er beendete es mit einem vierwöchigen Intermezzo bei Muangthong United nahe Bangkok. Schäfer: „Eine Art Freundschaftsdienst. Ich habe die in einem Monat von Platz acht auf Platz zwei der Thai League gebracht, dann bin ich ab nach Jamaika.“

Die Höhen und Tiefen Jamaikas

Schon beim Landeanflug auf Kingston staunt der Ankömmling: „Links sah ich grüne Hügel und ich dachte an den Schwarzwald. Mir war nicht klar, dass die Insel so grün ist.“ Bald hörte er Bob Marley, der Sound unter Palmen. Von Schäfers Arbeit erhofft sich der Verband, es zur WM-Endrunde 2018 nach Russland zu schaffen.

Wenn sich das Nationalteam in Kingston vor Länderspielen trifft, bittet Schäfer die Spieler um 19 Uhr in den Independence Park zum Training, tagsüber vertreiben sie sich die Zeit am Strand oder im Touristenhotel, wo die „Reggae Boyz“ untergebracht sind. Er sagt ihnen das, was er auch schon den „Unbezähmbaren Löwen“ in Kamerun ein Dutzend Jahre zuvor sagte:

Feuer! Leidenschaft!

Wer für sein Land gut spielt, der schafft es vielleicht nach Frankreich oder in eine andere europäische Liga. Im Kleinen hat er dieses Belohnungsprinzip ja schon beim KSC funktionieren sehen. Wer dort gut spielte, der schaffte es zum FC Bayern: Oliver Kreuzer, Michael Sternkopf.

Nie vergessen hat Schäfer den Halbfinal-Auftritt mit dem Karibik-Meister beim Gold Cup im Juli 2015 in Atlanta gegen die USA. Über 70.000 Leute im Georgia Stadium, Jürgen Klinsmann der Trainer bei den Amis und Berti Vogts, Schäfers früherer Mitspieler in Gladbach und bis heute guter Freund, dessen Technischer Berater.

Wir haben 2:1 gewonnen. Von den Rängen gab`s stehende Ovationen, weil wir amerikanischen Fighting-Spirit gezeigt haben.

Winfried Schäfer

Das Finale gegen Mexiko: 1:3. Schwerer aber wiegt die Schlappe im September 2016 gegen Panama (0:2), der den WM-Zug abfahren lässt. Schäfer wirft man später vor, nach Schlusspfiff der Partie gegen Haiti einem Kameramann im TV-Interview mit Teammanager Roy Simpson den Kabelstecker gezogen zu haben.

„Quatsch“, sei das, wie vieles, das Leute über ihn reden oder schreiben, beteuert Schäfer:

Die Vorwürfe waren lächerlich. Er filmte ja weiter. Ohne Strom?

Man suspendiert Schäfer, zahlt seine ausstehenden Gehälter nicht. Klar, beschäftigt das Anwälte. Und jener von Schäfer überforderte Dolmetscher umtreibt wohl heute noch manchmal die Frage, wie er es hätte übersetzen sollen, Schäfers Denglisch. „Karnevals-Goal“!

Die nächste Station: der Iran

Kann Schäfer überhaupt auch nur ein Jahr ohne Fußball sein? Schäfer dazu:

Unmöglich. Meine Frau Angelika würde mich rauswerfen, denn ich bin dann unausstehlich.

Im September 2017 übernimmt er fast 12.000 Flugkilometer östlich von Jamaika den Club Esteghlal Teheran. Die Iraner haben 30 Millionen Fans weltweit und als Heimstätte das 78.000 Zuschauer fassende Azadi Stadium.

Wieder Clubfußball.

Endlich.

„Ich habe es genossen, als ich wieder dreimal hintereinander auf dem Platz stand. Als Nationaltrainer hast du viel mehr Zeit und fährst mal da oder dort hin, hast keine Spiele. Aber zu sehen, wie ich dein Training Woche für Woche auswirkt, gibt dir einen anderen Kick.“, erzählt Schäfer.

Er habe den Fußball immer geliebt und, ja, er sei sein Leben.

Junge Kerls wie damals Mehmet Scholl nach vorne zu bringen, versuche er weiter.

In Al-Ain in den Vereinigten Arabischen Emiraten bildete er den 16 Jahre alte Omar Abdulrahman aus. Der wurde 2016 Asiens Fußballer des Jahres, war zwischenzeitlich zu Al Hilal nach Saudi-Arabien gegangen.

Schäfer ist stolz auf solche Biografien, in denen er vorkommt. Aber bei Esteghlal war es dann wie überall, wo Leute mitreden, die nicht aus dem Fußball kommen: Dort habe man viele Topspieler gehen lassen, obwohl die Blauen das Halbfinale der asiatischen Champions League erreichten.

Als „Dscheneral Almani“ im Iran besungen

Der Mann aus Mayen behauptet, nicht eitel zu sein. „Ich arbeite hart und mit Begeisterung, und die Leute sehen das.“

In Thailand sangen Schulkinder ein Loblied auf ihn.

Als „Dscheneral Almani“, als deutschen General, huldigten sie Ihm in Teheran, wo das Spiel von Esteghlal gegen Persepolis das Nonplusultra ist.

Das Stadtderby ist eines der prestigeträchtigsten Duelle im asiatischen Fußball überhaupt. Im März 2018 sollen 100.000 Menschen im Stadion gewesen sein, als Esteghal den Rivalen mit 1:0 bezwang.

13 Monate später muss Schäfer gehen – nach einer Niederlage gegen Persepolis.

Zurück in die Emirate

Ehemaliger Bundesliga-Trainer Winfried Schäfer
Der ehemalige·Bundesliga-Trainer Winfried Schäfer steht vor Spielbeginn am Spielfeldrand. | Foto: Marcus Brandt/dpa/Archivbild

Nun also Benyas SC, wieder die Emirate, wo er mit Al-Ahli aus Dubai 2006 Meister wurde und mit Al-Ain innerhalb weniger Wochen 2009 drei Cups, darunter den President`s Cup, holte. Das war vor seiner verdrängten Erfahrung in Aserbaidschan, wo er 2010/2011 den FK Baku trainierte. Vor allem ein Erlebnis aus seiner Zeit mit Al-Ain gedenkt Schäfer.

2007 hielt er sich mit deren Mannschaft im Trainingslager in Valencia auf. Pedro Cortés, damals Clubchef des FC Valencia, hatte ihn zu einem Spiel eingeladen: „Der Stadionsprecher hat vor Anpfiff den Leuten mitgeteilt, dass der ehemalige KSC-Trainer da ist, dessen Team 1993 mit 7:0 gewann. Es war ein riesiger Applaus über mehrere Minuten im Stadion. Der KSC war wer in Europa.“.

Keine Zeit für Sentimentalitäten

Und heute? Da fragt Schäfer, rein rhetorisch, warum sich der SC Freiburg und der KSC so weit voneinander entfernten.

Nun ja: Die Zeit, sie war fraglos nicht dessen beste Freundin.

Doch für Sentimentalitäten, für Mozart, Marley und Memoiren bleibt Schäfer aber wegen des neuen Jobs kaum Zeit.

Wo’s am schönsten war?

KSC, Kamerun, Dubai, Thailand.

In dieser Reihenfolge.

Er lässt nach Hause ausrichten, dass er „happy“ sei.

Und zum Schluss wünscht er:

Good luck, KSC!

KSC-Spezial: „Nur der KSC“
Das BNN-Spezial „Nur der KSC“ (106 Seiten) ist erhältlich in allen Geschäftsstellen der BNN und im Buchhandel, Preis 8,50 €, ISBN 978-3-927725-22-5.

Auf Zeitreise mit Winfried Schäfer

Vom TuS Mayen zum KSC und weiter zum Nationaltrainer verschiedener Länder. An welche Anekdoten erinnert sich Schäfer und wie hat er Situationen erlebt? 16 Stationen aus dem Leben des ehemaligen KSC-Trainers, wie er sie unserer Redaktion exklusiv erzählte:

Spieler von Borussia Mönchengladbach auf dem Münchener Oktoberfest im September 1968. V.l: Winfried Schäfer, Herbert -Hacki- Wimmer und Berti Vogts. | Foto: Imago

Schäfer über seine Gladbach-Zeit:
„Dass ich nach Gladbach gekommen bin, das war Zufall und auch ein bisschen Glück.
Ich war damals Jugend-Nationalspieler, Udo Lattek war unser Trainer. Er stand mehr auf Spieler vom 1. FC Köln, also nicht solche wie mich, vom TuS Mayen. Aber wir haben mit der Rheinland-Auswahl den Mittelrhein geschlagen. Lattek hat ein Trainingscamp in Duisburg gemacht, war selbst aber nicht dabei, weil er Helmut Schön bei der Nationalmannschaft unterstützen musste.
Uns trainierte der Verbandstrainer vom Niederrhein. Wir hatten ein Testspiel gegen Borussia Mönchengladbach II, wie sie Hennes Weisweiler immer arrangierte, damit er junge Spieler anschauen und auswählen könnte. Ich bin nach der Halbzeit reingekommen, es stand 2:0 für Gladbach. Ich habe dann die beiden Tore zum 2:2 gemacht. Daraufhin hat mich der Hennes eingeladen.
„Kommst mal zum Training, Jung.“
Tja, so ist das dann gelaufen.“

Trainer Hennes Weisweiler während der Halbzeitpause in der Kabine zwischen seinen Leistungsträgern (v. li.) Berti Vogts, Winfried Schäfer und Günter Netzer (alle Gladbach). | Foto: imago/Sven Simon

Schäfer über einen möglichen Wechsel zum 1. FC Köln:
„1970, nach der Meisterschaft mit Borussia Mönchengladbach, hatte in Köln einen Vorvertrag beim 1. FC Köln unterschrieben und fuhr danach mit Angelika, meiner späteren Frau, in Urlaub.
Dort las ich in der Bild-Zeitung, dass die Kölner Mittelfeldspieler Wolfgang Overath und Heinz Flohe, die beim WM-Turnier in Mexiko waren, sagten: „Wir brauchen doch keinen Mittelfeldspieler mehr.“
Nach dem Urlaub bin ich zum FC-Präsidenten Oskar Maass gefahren und habe den Vertrag vor seinen Augen zerrissen.“

Die Kickers Offenbach gewinnen den DFB-Pokal, v.li.: Schiedsrichter Gerhard Schulenburg, Hans Reich, Winfried Schäfer mit dem Pokal, Horst Gecks, Josef Weilbächer, Torwart Karlheinz Volz, Egon Schmitt, Helmut Nerlinger und Präsident Horst Gregorio Canellas. | Foto: Imago

Schäfer über seinen Wechsel zu den Kickers Offenbach:
„Statt nach Köln ging ich zu den Offenbacher Kickers. Dort ging es ja gleich gut los. Das Halbfinale des DFB-Pokals wie das Endspiel der Saison 1969/70 waren wegen des frühen WM-Beginns in die neue Saison verlegt worden.
Unser Endspielgegner war dann: der 1. FC Köln mit Overath gespielt. Wir haben gewonnen.
Ich wurde also in einem Jahr Meister und Pokalsieger mit unterschiedlichen Vereinen. Das war vorher noch nie da und wird auch nie wieder vorkommen.“

Duisburg hat Winfried Schäfer Glück gebracht. | Foto: Imago

Winfried Schäfer über seinen Wechsel zum KSC:
„Duisburg hat mir überhaupt Glück gebracht, fällt mir gerade auf. Nach meiner Karriere habe ich für Gladbach-Trainer Jupp Heynckes Spieler beobachtet. Bei einem Jugendturnier in der Sportschule Duisburg traf ich Calli Rühl, meinen alten KSC-Trainer der Jahre zwischen 1975 und 1977, der im Wildpark frisch Manager war.
Ich sagte: „Calli, für mich unbegreiflich, dass beim KSC nichts vorankommt. Die Zuschauer warten nur auf ein Signal.“
Er lud mich eine Woche später ein, ich hörte mir alles an. Problem: Der KSC war überschuldet.
Ich sagte: „Okay, wenn ihr nicht so viel Geld habt, machen wir es anders. Ich will für jeden Zuschauer über den 6.000. – so viele waren pro Spiel kalkuliert – eine D-Mark.“
Wir sind aufgestiegen – für beide Seiten also lohnend.“

Der Aufstieg in die Bundesliga ist geschafft, die Fans feiern KSC-Trainer Winfried Schäfer. | Foto: Imago

Winfried Schäfer über den Aufstieg mit dem KSC:
„Die Aufstiegssaison war denkwürdig. Im November 1986 gab`s diese 0:8-Klatsche in Hannover. Ich dachte: „Mist, was machst du jetzt? Ich kann keine Kabinenpredigt halten.“ Ich erinnerte mich an Udo Lattek und rief auf dem Weg von Hannover über Autotelefon Rainer Schütterle an.
„Schütte!“ – „Ja, Trainer.“ – „Weißt du, was ihr jetzt macht?“ – „Nein, Trainer.“ – „Jetzt trinkt ihr alle mal ein Bier, dann legt ihr euch ins Bett und dann starten wir neu.“
Die haben dann zwei getrunken, Schütte vielleicht drei. Die haben sich ausgesprochen wie wir früher bei Latteks Kaffeekränzchen. Das nächste Heimspiel gegen Saarbrücken gewannen wir mit 6:0.“

Roland Schmider und Winfried Schäfer (v. l.) | Foto: GES

Winfried Schäfer über den Aufstieg mit dem KSC:
„Der Aufstieg hat den Club gerettet. Wir haben dazu ein neues Team bilden und die ewigen Meckerer ruhigstellen müssen. Am letzten Bundesliga-Spieltag hielt uns Arno Glesius mit seinem Tor zum 1:1 gegen Frankfurt drin. Ich erinnere mich an meinen Assistenten Rainer Ulrich beim Linienrichter auf der anderen Seite, wie er ihm die Sicht verdeckte. Vielleicht war Arno ein Tick im Abseits. Die Meckerer waren danach die ersten, die Champagner tranken.“

Jubel nach dem Sieg gegen Valencia. | Foto: GES

Winfried Schäfer über den UEFA-Cup:
„Das Spiel im November 1993 gegen den FC Valencia war eines der größten KSC-Spiele. Diese Begeisterung! Das Ergebnis! Fußball total.
Das Spiel gegen AS Rom war auch traumhaft. Anders. Wir spielten mit drei Spitzen und haben Italiens Spitzenreiter taktisch erledigt. Aber besonders war schon meine erste Rückkehr nach Gladbach.
Aber Valencia. Das bleibt für immer. Nach dem Spiel sind wir in die Kabine. Der Präsident Roland Schmider hatte eine Prämie fürs Weiterkommen ausgeschrieben, die Zahl – ich glaube 5.000 oder 6.000 Mark -, stand auf einem großen Blatt in der Kabine. Die haben die Jungs ausgestrichen und das Feilschen ging los. Am Schluss wurden pro Kopf 15.000 D-Mark bezahlt. Der Calli ist in Ohnmacht gefallen und hat überlegt, wie er das Geld reinholt. So was gibt es nicht mehr. Das ist das Schöne, wie das damals lief. Wenn das heute einer macht, hat er Probleme mit dem Vorstand und mit der Zeitung. Aber das ist die beste Methode.“

Mehr zum Thema: „Das Wunder vom Wildpark: das 7:0 gegen Valencia“ im BNN-Dossier

Ein „Zuckerle“ fördert die Motivation. | Foto: GES

Winfried Schäfer über Motivation:
„Im Jahr bevor wir es dorthin schafften, standen wir in der Bundesliga auf Platz acht.
Zu den Jungs sagte ich: „Passt mal auf. Jetzt geht ihr alle zum Präsidenten Schmider und handelt eine Uefa-Cup-Prämie aus.“ Ihnen sollte klarwerden, dass sie etwas zu verlieren hatten.
Ein Wolfgang Rolff, der später als Leader ganz, ganz wichtig wurde, war noch nicht da. Sie zierten sich. Im Jahr darauf waren wir in Deutschnofen in Südtirol zum Höhentraining. In einem Nachbardorf bestritten wir ein Testspiel gegen Real Madrid. 2:2 ging das aus. Danach ich wieder: „Lasst euch eine Prämie geben!“ Da sagte Manfred Bender in seinem Bayerisch: „Trainer, hamma schu g‘mocht.“
In dem Moment war mir klar: Mit der Truppe kannst du das schaffen.

Wolfgang Roll und Winfried Schäfer. | Foto: imago/Kicker/Liedel

Winfried Schäfer über KSC-Spieler Wolfgang Rolff:
„Gegen Real Madrid, damals im Testspiel, konnte man schon sehen, dass so Leute wie Schuster, Rolff, Bender uns helfen konnten. Lars Schmitt war verletzt. Und den Wolfgang Rolff wollte ich schon immer haben, Bayer Leverkusen aber zu viel Geld. Rolff war dann, als er kam, ohne Verein und hat nur individuell trainiert. Aber ich wusste, dass wir ihn holen sollten. Er hatte dann ein Testspiel gegen die Stuttgarter Kickers für uns mitgemacht.
Da hat er so gut gespielt, dass ich schon nach zehn Minuten zu Rühl sagte: „Calli, unterschreiben!“
Unsere älteren Vorstandsmitglieder wie Uli Heynig meinten, der sei doch viel zu alt. Der Calli hat das dann gemacht. Der war immer fit, der Rolff. Ich hatte den mal für Jupp Heynckes in Köln im Spiel des HSV beobachtet. Dort habe ich Ernst Happel getroffen, der angeblich mit niemandem redete. Aber der hat geredet wie ein Wiener Kaffeeklatscher. Ich habe ihn auf den Rolff angesprochen. Er hielt ihn für einen der besten Mittelfeldspieler, weil er intelligent und mutig ist – genau deshalb habe ich ihn geholt. Rolff war zusammen mit Dundee und Kiriakov unser bester Einkauf beim KSC.“

Schäfer spielt nicht nur Fußball, sondern auch Golf. | Foto: GES

Winfried Schäfer über die Bedeutung von Golf in seinem Fußballleben:
„Ich kann mich noch erinnern, wie der KSC und die Firma Ehrmann den Hauptsponsorvertrag besiegelten. Roland Schmider ist damals mit uns in den Kranz gegangen zu Wolfgang Nagel.
Anton Ehrmann ist schon über 90, der war immer Golfspieler und ich geh an jenem Abend so neben ihm und sage: „Herr Ehrmann hören Sie mal. Ist doch klar, wenn wir in den Uefa-Pokal kommen, gehen wir zwei Golf spielen.“ Da hat er gelacht: „Ja, ja“, meinte er. Und ich sagte ihm wo: „St. Andrews in Schottland.“ Da hat er erst recht gelacht.
Als wir im Uefa-Pokal waren, hat mein Telefon geklingelt. Ehrmann war dran: „Winnie, nächste Woche, bist du bereit? Alles ist gebucht.‘ Da sind wir nach St. Andrews geflogen.“


Winfried Schäfer und sein Verhältnis zu den Medien.
| Foto: Imago

Winfried Schäfer über die Medien:
„Die Medien? Ein Thema für sich. Ich erinnere mich an die Zeit, als Raimund Hinko, der damalige Chef von Sport-Bild, öfter bei uns war. Das war zu der Zeit, als wir die tollen Spiele gegen die Bayern hatten.
Seinerzeit bin ich immer morgens vor dem Spiel in die Sauna gegangen, so um 11 Uhr. Da ist Hinko in Büchenau ins Hotel Ritter gekommen, und ich sage zu ihm: „Du musst mit in die Sauna gehen.“ Er: „Kein Problem.“
Da saß er also mit in der Sauna, hat sein Aufnahmegerät dabeigehabt und wir redeten über das, was er wissen wollte. Herrlich.““

Auch mal auf einer anderen Position eingesetzt werden? Zu Spielzeiten von Schäfer noch möglich. | Foto: Imago

Winfried Schäfer über seinen Einsatz als Mittelstürmer:
„Eine Sache aus meiner Spielerzeit beim KSC wird mir nicht aus dem Kopf gehen. Wie Calli Rühl als Trainer zu mir sagte: „Du spielst gegen Gerd Müller.“ Dann habe ich gegen Gerd Müller gespielt. Der hat kein Tor gemacht und hat keine Vorlage gegeben. So ein Vertrauen kriegst du heute nicht mehr.
Wer sagt heute schon zu einen Sechser: „Du spielst Mittelstürmer.“ Oder zu einem Innenverteidiger: „Du spielst  Rechtsverteidiger.“ Das ist ein Manko, das wir in Deutschland haben.
Unsere Spieler werden nur auf Position trainiert und wir haben die Probleme, die  Franzosen oder Belgier, die ganz gut spielen, nicht haben. Da kann der Rechtsverteidiger auch rechtes Mittelfeld spielen und zentrale Defender auch links spielen.“

Sein Privatleben ist Schäfer wichtig. | Foto: GES

Winfried Schäfer über sein Privatleben:
„Das wichtigste ist die Familie. Ich bin ein Familienmensch. Auch wenn ich viel unterwegs bin, kommt meine Frau immer zu mir.
Früher, als ich das erste Mal in Karlsruhe war, ist sie erst mal zwei Jahre in Gladbach geblieben. Der KSC hat damals Trainer verschlissen wie andere Ihre Handtücher. Wir haben da gesagt: „Lasst uns erst mal gucken, was passiert.“ Mein Sohn wurde geboren, als ich als Spieler nach Karlsruhe kam.
Und meine Tochter wurde geboren, als wir aufgestiegen sind.
Hat alles gepasst.
Dann bin ich länger als zwölf Jahre geblieben. Meinen 70. werde ich wie jeden anderen feiern. Nichts Großes. Wichtig ist, dass die Familie um mich herum ist.“

Schäfer und die Frage, wann der richtige Zeitpunkt zum Gehen ist. | Foto: Imago

Winfried Schäfer über sein Ende beim KSC:
„Den KSC nicht 1994 verlassen zu haben, als Rühl weg und Klaus Fuchs Manager war, war mein größter Fehler. Alles war voraussehbar. Aber: Vorbei. Ich hatte auch danach tolle Erfolge, war 2002 mit Kamerun bei der WM mit toller Mannschaft. Auch da hat man leider den Erfolg kaputt gemacht, weil der Sportminister kein Geld mehr herausgerückt hat für die Spieler.“

Nelson Mandela und Sean Dundee.
Nelson Mandela und Sean Dundee. | Foto: Mandelafoto: imago images / / Buzzi Dundee-Foto: imago images / ExSpo

Winfried Schäfer über Nelson Mandela und Sean Dundee:
„Vor vier Wochen habe ich den Film über Nelson Mandela gesehen und an Sean Dundee gedacht, der Mandela im Schloß Brühl bei einem Staatsbankett begegnete, bevor er Deutscher wurde, weil er bei meinem Freund Berti Vogts im Nationalteam spielen sollte. Mandela. Ja, wie er sein Leben gemeistert hat: bewundernswert. Aber ich denke auch an meine Eltern, an den Vater, der zwei Weltkriege mitgemacht hat.“

Schäfer in Abu Dhabi. | Foto: PR

Winfried Schäfer über Nelson Mandela und Sean Dundee:
Ich wohne hier in Yas Island, wo Abu Dhabis Formel-1-Rennstrecke ist. Ich habe ein Haus, die Leute sind sehr freundlich. Was ich nicht mag, sind der Juli und der August. Unerträglich heiß. Schwül-heiß. Nicht meine Welt.
Wenn ich an die Zeiten mit dem KSC im Trainingslager denke: Da gab‘s um 1990 herum zwei Hotels in dem Landstrich, das war‘s. Während man in Berlin über einen Flughafen redete, haben sie hier eine ganze Stadt aufgebaut. Man weiß, warum: Geld, Geld, Geld.“