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BNN-Interview mit der Chefin des Deutschen Aktieninstituts

Die Chefin des Deutschen Aktieninstituts über Fieber an der Börse, Finanz-Influencer und Finanzielles im Alter

An der Börse ist vieles anders: Dort schreibt man die „Rally“ im Gegensatz zu der im Motorsport ohne „e“. Und während viele Unternehmen in Corona-Zeiten klagen, jagen Börsianer von einem Rekord zum anderen. Im BNN-Interview nennt Christine Bortenlänger, Chefin des Deutschen Aktieninstituts, Gründe dafür.

Freut sich über den Jugendboom beim Aktiensparen: Christine Bortenlänger vom Deutschen Aktieninstitut erklärt im BNN-Interview die Rally an der Börse in Corona-Krisen-Zeiten. Foto: DAI e.V.

Wer hätte das vor rund einem Jahr beim Corona-Crash an den Börsen gedacht: Der Deutsche Aktienindex (Dax) hat sich mittlerweile nicht nur erholt, er ist sogar auf Rekordkurs.

Inzwischen sind in Deutschland so viele Menschen zu einem Aktionär geworden, wie seit 20 Jahren nicht mehr. Christine Bortenlänger, Geschäftsführende Vorständin des Deutschen Aktieninstituts, freut das natürlich.

Im Interview mit BNN-Wirtschaftsredakteur Dirk Neubauer nennt sie Gründe für die Börsen-Rally in Krisenzeiten - und warum man eine ruhige Hand am Aktienmarkt brauche.

Als Geschäftsführerin des Deutsches Aktieninstituts müssen Sie natürlich über den Dax-Höhenflug erfreut sein …
Bortenlänger

... wenn Dax und Börsen steigen und sich dies in einer vermehrten Berichterstattung in den Medien niederschlägt, freut mich das. Das ist Werbung für die Aktie. Mögliche Rücksetzer gehören allerdings zum Börsenalltag dazu und dürfen nicht vergessen werden. Aber auch denen kann ich etwas Positives abgewinnen, denn sie bieten denjenigen, die regelmäßig sparen und langfristig dabeibleiben, günstige Kaufkurse.

Reiben Sie sich nicht manchmal selbst verwundert die Augen, weil das Börsenbarometer ausgerechnet in diesen unsicheren Zeiten stark steigt?
Bortenlänger

An der Börse wird ja bekanntlich die Zukunft gehandelt. Wegen der Impfungen werden wir die Corona-Krise hoffentlich bald im Griff haben, und die Konjunktur wird sich erholen. Viele deutsche Unternehmen sind ohnehin relativ gut durch die schwere Zeit gekommen. Und einige, wie Logistiker oder Medizintechnikunternehmen, haben sogar profitiert. Niedrige Zinsen der Notenbanken und Unterstützungsprogramme der Regierungen rund um den Globus stützen aktuell den Aufwärtstrend.

Im Corona-Jahr 2020 haben hierzulande 12,4 Millionen Menschen in Aktien investiert, so viele wie seit 2001 nicht mehr. Warum?
Bortenlänger

Ein Grund ist die Corona-Krise selbst: Wegen geplatzter Urlaube und geschlossener Restaurants hatten viele Menschen mehr Zeit, sich auch um ihre Finanzen zu kümmern. Als im Frühjahr 2020 die Börsenkurse fielen, haben das viele als Chance für den Einstieg in den Aktienmarkt genutzt. Hinzu kommt: Die Aktienanlage hat die Hosentasche erreicht. Apps kostengünstiger Broker auf dem Smartphone erleichtern den Einstieg in den Aktienhandel. Schon mit wenigen Klicks kann man mit kleinen Beträgen in Fonds, ETFs und Aktien sparen. Das trifft den Nerv der Zeit – gerade auch bei den Jugendlichen.

Wir erinnern uns aber auch an das Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000. Befürchten Sie, dass zahlreiche Anleger dem Aktienmarkt wieder den Rücken zuwenden werden, wenn der Dax mehr oder weniger stark fällt?
Bortenlänger

Nein, das denke ich nicht. Viele Menschen, die 2020 in Aktien investiert haben, haben sich für das Sparen in Aktienfonds und Aktien-ETFs entschieden. Für mich ist das ein klares Zeichen, dass Sie langfristig dabeibleiben wollen.

Wie ist denn Ihre Einschätzung für die weitere Dax-Entwicklung in diesem Jahr?
Bortenlänger

Die Corona-Pandemie ist der größte Unsicherheitsfaktor, wenn man auf die Entwicklung der Börsen schaut. Mit Blick auf die aktuellen Impfzahlen und die anstehenden Lieferungen des Impfstoffs bin ich mittelfristig grundsätzlich optimistisch.

Auffallend ist, dass sich im vergangenen Jahr fast 600.000 unter 30-Jährige aufs Börsenparkett wagten. Ein Grund dafür ist auch das Smartphone …
Bortenlänger

… was eine tolle Entwicklung ist. Neo-Broker mit ihren puristischen Apps spielten eine wichtige Rolle, weil sie die Jugend auf ihrem Smartphone abholten. Aber auch Finanz-Influencer und Internetforen mit ihrer Kommunikation auf Augenhöhe trugen zu dem Jugendboom bei den Aktiensparerinnen und -sparern bei.

Es ist kein Ende der Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank in Sicht. Werden die Deutschen mittel- bis langfristig doch noch zu einem Volk der Aktionäre oder wäre das nur Wunschdenken des Deutschen Aktieninstituts?
Bortenlänger

Ich bin optimistisch, dass Deutschland auf einem guten Weg ist. Allerdings wird es ohne eine positive Haltung der Politik nicht gehen. Störfeuer wären höhere Steuern auf Aktien. Aber auch immer mehr Bürokratie für börsennotierte Unternehmen ist Gift für die weitere Entwicklung der Aktienkultur. Ein wichtiger Hebel ist die Altersvorsorge. Wir brauchen auch hier einfache Sparmöglichkeiten mit Aktien, die die gesetzliche Rente ergänzen und dafür sorgen, dass alle in den Genuss der Renditevorteile von Aktien kommen.

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