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Innovationen für die Elektrotechnik

Von High-Tech-Sensoren bis zum Schlüssel der Zukunft: Bei Picosens in Bühl arbeiten richtige Erfinder

Die Firma Picosens in Bühl versteht sich als Paradies für Querdenker: Gründer Gerd Reimer will den Erfindergeist stärken und wegweisende Innovationen in der Elektrotechnik entwickeln.

In der Erfinderwerkstatt: Picosens-Gründer Gerd Reime an seinem Lieblingsarbeitsplatz Foto: Alexander Fischer/Picosens GmbH

Blitzblank ist das lichtdurchflutete Foyer des Picosens-Baus am nördlichen Rand Bühls. Der Blick führt hinaus auf die vor den Schwarzwaldbergen sanft ansteigende Hügellandschaft. Im Besprechungsraum empfängt Andreas Bodenmüller, sportliche Figur, enges Hemd, zuständig für Marketing, und führt die neusten Produkte vor: hochflexible berührungslose Lichtschalter und den „Qantenkey” – ein Edelstahlstift, der die Schließtechnik revolutionieren soll. Ein aufstrebendes Hightech-Unternehmen, wie man es sich vorstellt. Doch das Außergewöhnliche an Picosens ist nicht so leicht zu greifen.

Die Gründungslegende spielt bei Grundig

„Es ist der Gründergeist”, sagt Bodenmüller. „Der geht hier permanent durch alle Räume.” Er meint den Ideenreichtum und die Visionskraft des Firmengründers Gerd Reime. „Ein Vollbluterfinder, ein Vordenker, eine Koryphäe”, beschreibt der aus Vorarlberg stammende Marketingmanager schwärmend seinen Chef.

Reime selbst, 64 Jahre alt und Urheber zahlreicher Elektrotechnik-Patente, ist an diesem Nachmittag leider verhindert. Doch sein Geist, das spürt man als Besucher tatsächlich, schwebt durch die hellen Räume.

Seine ungewöhnliche Karriere begann Reime als Lehrling bei Grundig. Damals habe er eine Idee gehabt, wie sich die Bildqualität von Videorecordern verbessern ließe. „Aber er wurde nicht ernst genommen, weil er zu jung war”, beginnt Bodenmüller zu erzählen. Es ist so etwas wie die Gründungslegende der Firma Picosens. „Also hat Gerd Reime seine Idee selbst in die Tat umgesetzt und ein Bauteil entwickelt, das man nachträglich in Grundig-Videorecorder einsetzen konnte.”

Das Firmengebäude von Picosens in Bühl. Foto: Alexander Fischer/Picosens GmbH

Später habe der Elektronikkonzern viele Reklamationen wegen schlechter Bildqualität erhalten, nur aus einer bestimmten Region nicht. „Die haben einen enormen Aufwand betrieben, um herauszufinden, woran das lag”, so Bodenmüller. Bis sich herausstellte, dass in jener Region ein Fernsehtechniker tätig war, der Reimes Bauteil verwendete.

Das Büro des Chefs ist im Obergeschoss. Auf einem Schrank steht eine mechanische Uhr, deren Pendel im Sekundentakt an einem neu entwickelten Sensorschalter vorbei schwingt. Der Schalter klickt jedes Mal. „Ein Langzeittest”, erklärt Bodenmüller, dann zeigt er auf den aufgeräumten Schreibtisch. „Hier sitzt Herr Reime, wenn er muss”, sagt Bodenmüller. „Aber dort drüben ist sein Lieblingsplatz.” Durch eine Tür geht es direkt in die Herzkammer des Bühler Unternehmens: die Erfinderwerkstatt.

Die Tische sind voll mit Kabeln, Computerausdrucken und Apparaturen. Es riecht nach Lötzinn. Ein junger Elektrotechniker tüftelt an einem Messgerät für Lackschichtdicken, ein anderer an einem neuartigen Metallsensor. „Herr Reime sucht Leute mit Potenzial, denen er die Chance gibt, sich zu entwickeln”, sagt Bodenmüller. „Er ermutigt sie zum Querdenken.”

Viel Geld mit Regensensor für Autos verdient

2007 hat Reime die Firma Picosens gegründet. Die finanziellen Mittel dazu hatte er vor allem dank der Entwicklung eines Regensensors, der heute in vielen Autos steckt, um Scheibenwischer zu steuern. 2015 wurde der Neubau eröffnet. Inzwischen arbeiten dort 15 Mitarbeiter. Umsatzzahlen veröffentlicht Picosens bisher keine.

Berührungslose Bedienung: Picosens entwickelt neuartige Sensoren, die flexibel und energiesparend sind. Foto: Alexander Fischer/Picosens GmbH

Geld verdient das Unternehmen vor allem durch Kooperationen mit der Industrie. „Wir arbeiten mit Forschungs- und Entwicklungsabteilungen aus ganz unterschiedlichen Branchen zusammen”, erklärt Marketingmanager Bodenmüller. „Wir stellen ihnen unser Wissen zu Verfügung, entwickeln Prototypen. Und sie entwickeln diese Produkte dann bis zur Marktreife weiter.”

Bei einer jüngeren Erfindung geht Picosens allerdings andere Wege: Den „Quantenkey” haben die Bühler selbst bis zum Ende entwickelt und wollen ihn im Herbst auf den Markt bringen. Als Partner haben sie den schwäbischen Alarmanlagenhersteller ABI gewonnen. Ein Edelstahlstift, dessen Kristallstruktur einen einzigartigen Code bildet, soll die Schließtechnik revolutionieren.

Vermarktung der Erfindungen soll verbessert werden

„Wir denken, dass sich der Quantenkey zuerst im Hochsicherheitsbereich durchsetzt. Dann könnte er zum Standard werden”, sagt Bodenmüller. Auch berührungslose Türöffner und Lichtschalter hat Picosens selbst bis zur Marktreife gebracht. Sie sind gerade jetzt während der Coronavirus-Pandemie gefragt.

Wir wollen uns mit noch stärker regionalen Unternehmen vernetzen.
Josef Stefan, Vermarktungschef bei Picosens

Künftig will das Unternehmen die Vermarktung seiner Produktideen stärken und hat dazu eine Tochtergesellschaft gegründet, die Picosens Forum GmbH. Deren Geschäftsführer und Gesellschafter Josef Stefan versucht gemeinsam mit Bodenmüller, die Ideen aus der Erfinderwerkstatt in die richtigen Bahnen zu lenken. „Wir wollen uns noch stärker mit regionalen Unternehmen vernetzen, auch mit großen Industriepartnern”, sagt Stefan. „Denn wir haben ein sehr spezielles Wissen, das viele Konzerne selbst gar nicht mehr haben, weil sie in China einkaufen statt eigene Innovationen zu entwickeln.” Sein Ziel ist es, den Gründergeist wieder in die Region zu bringen.



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