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Kritik vom Fahrgastbeirat

Technik und Personalmangel sorgen bei Abellio für neue Probleme

Seit Wochen hat Abellio zu kämpfen. Das Bahnunternehmen kann nicht alle Fahrten leisten, die der Plan vorsieht. Eine Ursache ist der Zustand der neuen Züge von Bombardier. Aber es scheint auch eigene Fehler zu geben.

Baustelle Abellio: Der Fuhrpark mit Zügen von Bombardier ist nach wie vor fehleranfällig. Wartung und Reparaturen finden im Werk in Pforzheim statt. Foto: René Ronge

Auch am Wochenende musste Abellio wieder Fahrgäste enttäuschen. Die Nachtzüge zwischen Pforzheim, Stuttgart und Tübingen entfielen ebenso wie die zwischen Heilbronn und Bietigheim-Bissingen. Außerdem wurde der Fahrplan zwischen Bruchsal und Mühlacker auf einen Zweistundentakt ausgedünnt. Mit Abstrichen gab es zwar Ersatzverkehre. Doch die Reaktionen waren nach den neuerlichen Problemen erwartbar. Der Landesvorsitzende von VCD und Fahrgastbeirat, Matthias Lieb, spricht gegenüber dieser Redaktion von einer Katastrophe.

Einschränkungen für Fahrgäste

Dass er zu diesem zugespitzten Urteil kommt, hat seine Gründe. Nachdem sich das Unternehmen nach dem schlechten Start im Stuttgarter Netz zuletzt zu stabilisieren schien, kamen nun seit Wochen immer wieder Meldungen über Ausfälle und Fahrplankorrekturen. Mitte August waren es zuerst Teilausfälle zwischen Pforzheim und Mühlacker, die auch noch länger währten als zunächst angekündigt.

Dann waren es die genannten Probleme im Nacht- und Wochenendverkehr. Darauf reagierte das Unternehmen Anfang September mit einem geänderten Fahrplan, der Einschränkungen für die Passagiere brachte. Zwischen Pforzheim und Stuttgart mussten sie umsteigen, zwischen Mühlacker und Stuttgart gab es Kapazitätsminderungen.

Die neuen Züge zicken

Als Grund nennt man bei Abellio mal wieder Zughersteller Bombardier. Der ist noch immer einige Bahnen schuldig. Außerdem hatte er bekanntlich die bestellten Züge zu spät geliefert – und das schnell nacheinander statt in größeren Abständen. So müssen die Wartungsarbeiten, die oft bestimmten Fristen folgen, nun parallel erledigt werden. Das führt in der Abellio-Werkstatt in Pforzheim zu einem Stau. Unerwartet sind bei den noch jungen Zügen bereits Instandsetzungsarbeiten an den Rädern auszuführen.

Das hat mit der speziellen Beschaffenheit der Gleise im Großraum Stuttgart zu tun, heißt es bei Abellio. Hinzu komme, dass die Neufahrzeuge zunehmend störungsanfällig sind. Teilweise sind sie noch nicht mal ein Jahr im Einsatz. Weiteres Problem: Es fehlen Genehmigungen, um bestimmte Züge aneinanderzukoppeln. Dadurch kann Abellio nicht den Plan fahren, der eigentlich mal gedacht war. Das bedeutet mehr Aufwand und mehr Überführungsfahrten.

Uns ist zuletzt eine Handvoll Triebfahrzeugführer abhandengekommen.
Hanelore Schuster, Abellio-Sprecherin

Die ganze Wahrheit ist das aber noch nicht. Vorübergehend kam noch ein Personalengpass dazu. Der Lokführermangel ist in der Branche bekannt und sorgte schon beim Start der neuen Anbieter Abellio und Go Ahead für Komplikationen. Jetzt also aufs Neue. „Uns ist zuletzt eine Handvoll Triebfahrzeugführer abhandengekommen“, sagt Abellio-Sprecherin Hanelore Schuster dieser Redaktion.

Sie verweist auf den aggressiven Wettbewerb. Urlaubszeit und einige Krankmeldungen respektive Quarantäne-Maßnahmen wegen Corona-Verdachtsfällen dünnten den Personalpool zusätzlich aus.

Verbände und Ministerium kritisieren die Planung

Hätte man wissen können, findet indes Experte Lieb von VCD und Fahrgastbeirat. „Es ist doch klar, dass die Leute im Sommer in Urlaub gehen. Darauf hätte man sich einstellen können“, sagt er und schiebt nach: „Das ist einfach nicht akzeptabel, zumal immer erst kurzfristig über die Ausfälle und Änderungen informiert wurde.“ In der Tat kamen die Informationen darüber im besten Fall zwei Tage vorher, meist aber erst, wenn das Problem schon bestand.

Auch aus dem Verkehrsministerium dringt auf Anfrage dieser Redaktion Kritik. Die Probleme mit Bombardier werden bestätigt, aber über Abellio heißt es auch: „Das Eisenbahnverkehrsunternehmen (EVU) hat leider bestimmte voraussehbare Entwicklungen wie etwa neue tarifvertragliche Regelungen zur Wochenendarbeit, Personalmehrbedarf durch angekündigte Baustellen oder die Fluktuation von Triebfahrzeugführern zu anderen EVU in seiner Personalplanung nicht rechtzeitig abgebildet.“ Bei den tariflichen Regeln geht es darum, dass Lokführer seit dem letzten Abschluss an den Wochenenden um einen Urlaub herum nicht mehr eingesetzt werden dürfen.

Abellio bildet neue Lokführer aus

„Das Land nimmt aber auch zur Kenntnis, dass Abellio derzeit professionell gegensteuert“, so Ministerumssprecher Edgar Neumann. So wurden zusätzliche Ausbildungskurse für Lokführer angeschoben und im Instandhaltungsbereich zusätzliches Personal von Schwestergesellschaften hinzugezogen. „Wir sind deshalb optimistisch, dass Abellio zeitnah wieder back on track kommt.“

Bei Abellio selbst geht man davon aus, dass sich die Lage jetzt wieder entspannt. In wenigen Wochen soll es neue selbst ausgebildete Lokführer geben.

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